Rap als Predigt der Gegenwart? Max Tretter denkt über Vor- und Nachteile jener Musikrichtung für Liturgie und Verkündigung nach und fragt an, ob es eher auf Inszenierung als auf Inhalte ankommt.

Anfang des Jahres machten Anne-Kathrin Fischbach und Antonia Klumbies hier erstmals auf Rap und die ihm innewohnende Kraft aufmerksam: Mit seiner gesamtgesellschaftlichen Verbreitung – die sich auf hohe Klick- und Streamingzahlen sowie das Dominieren sämtlicher Youtube-Trends und Spotify Chartlisten (nicht nur) in Deutschland rückführen lässt –, komme ihm auch eine gesellschaftliche „Verantwortung“ zu. Indem er den Finger in die Wunde legt, soziale, politische wie gerechtigkeitstheoretische Fragen aufnimmt und (in provokativer, teils verherrlichender Sprache) in Songtexten verarbeitet, wirke er im Sinne eines „Zeichens der Zeit“ quasi als Fremdprophet für die Kirche:

„Rapper*innen sind daher nicht nur Prediger*innen für Gesellschaft, sondern auch unbequeme Prophet*innen für Kirche.“1

Gesellschaftskritik, Kampf gegen Ungerechtigkeit, um Anerkennung sowie für „die Etablierung einer neuen, besseren Ordnung“2 – dies seien Themen, die Rap nicht nur mit der Politik, sondern auch mit religiösen Traditionen teilt. Eben deshalb sei es Gebot der Stunde (besonders für die Kirche), sich mit diesem Medium auseinanderzusetzen und durch das Rap-Hören zu lernen.

Trend zur Inhaltslosigkeit

Doch ist es tatsächlich „Wesen“ des Raps, tiefe Inhalte zu vermitteln, gesellschaftsrelevante wie -kritische Themen aufzugreifen und mit entsprechendem Flow zu präsentieren? Während 2018 Songs wie I’m not racist von Joyner Lucas oder auch das mehrfach Grammy-(u.a.)-prämierte This is America von Childish Gambino diese Annahme unterstreichen, scheint eine breite Strömung innerhalb des US-amerikanischen wie auch des europäischen und deutschen Raps dem zu widersprechen.

Drei stilistische Entwicklungen sind hierfür maßgeblich: erstens eine textlich-inhaltliche Reduktion auf die vier Themenkreise Statussymbole/Reichtum, Frauen/Sex, Drogen/Lean und Fame/Credibility. Zweitens eine Reduktion der Text- und Reimkomplexität: weg von ehemals komplizierten Doppel-, Trippel-, oder Vielsilbenreimen und ausgefuchsten Reimschemata hin zu Refrains und Hooks, die bloß noch aus der Repetition weniger Phrasen oder Silben bestehen. Und drittens das sogenannte Mumbling: eine ostentativ nuschelnde Aussprache, die bis zur gänzlichen Unverständlichkeit reichen kann.

Diese drei Entwicklungen bündeln sich zu der These, dass Rap zunehmend der Inhaltslosigkeit verfällt bzw. diese sogar bewusst forciert.

Gucci Gang, Gucci Gang, Gucci Gang, Gucci Gang

Am Exempel statuiert: in seinem Durchbruchshit Gucci Gang, der ihm einen Multi-Millionen-Dollar-Deal mit WarnerBros einbrachte, wiederholt Lil Pump in 2 Minuten 53 Mal die alliterierende Phrase „Gucci Gang“. Wie wenig sonst inhaltlich in diesem Song passiert, zeigt ein Videozusammenschnitt auf Youtube, der alle expliziten Wortwiederholungen aus dem Video schneidet. Das Lied dauert dann – trotz eines 10-sekündigen Intros – nur noch 40 Sekunden.

Ähnliche Phänomene existieren auch in Deutschland. Von Karuzo aus dem Rapduo Genetik, der in deren dreiminütigen Song Bitches 185 Mal die titelgebende Phrase einrappt, über den deutschen MumbleRap Early Adaptor Ufo361 bis hin zu Capital Bra, unter dessen Videos Fans sich mit absehbarer Regelmäßigkeit (und Recht) darüber beschweren, dass alle Songs gleich klingen und bis auf die unterschiedlichen, permanent wiederholten Phrasen untereinander völlig austauschbar wären.

Während man jedoch auch diesen Songs noch einen Rest „Inhalt“ zugestehen könnte, treibt Kanye West diesen Trend zur Inhaltslosigkeit auf eine absurde Spitze, indem er mit Lift Yourself einen Song veröffentlicht, zu dem er textlich nicht mehr beiträgt als diverse Spontanvariationen von „Poopy-di scoop / Scoop-diddy-whoop / Whoop-di-scoop-di-poop“.

CloudRap

Unter dem Label CloudRap tritt diese Entwicklung in gebündelter und mit allen „Mitteln der Kunst“ präsentierter Form in Erscheinung. Auf Nachfrage von ARTE Tracks bei einigen sogenannten CloudRappern, was sie denn eigentlich so machten bzw. was dieses Subgenre denn auszeichne, beschrieben diese ihr Schaffen wie folgt: LGoony: „Inhalt ist eigentlich gar nicht so wichtig. Es geht darum, wie man das, was man sagt rüberbringt.“ YungHurn: „Wenn ein Text bei mir länger als 10 Minuten dauert zum Schreiben, ist er meistens viel zu durchdacht und auch schon gar nicht mehr gut.“3 Das Resümee des Formats – Musik (vor allem im Netz) muss „nicht immer politisch aufgeladen oder inhaltsvoll sein“4 – ließe sich dementsprechend sogar noch weiter verschärfen: Verzicht auf textliche Raffinesse wie auf Sinnhaltigkeit sind notwendige Stilmittel – einzig Inszenierung und Atmosphäre müssen stimmen.

Verallgemeinerung

So weitverbreitet inhaltloser Rap zur Zeit ist und so paradigmatisch und genreübergreifend impulsgebend CloudRaps wirkt(e), gibt es doch auch nicht wenige Rap-Stile, die sich primär über ihre sozialkritisch-politisch aufgeladenen Inhalte definieren wie z.B. Conscious-, Polit- oder Queer-feministischer-Rap. Doch widerlegen auch diese Gegenbeispiele obige These nicht: Rap kann inhaltslos sein (und wird dies wohl auch zunehmend5) – er muss es aber nicht.

Was für ihn jedoch unverzichtbar ist, ist das Inszenieren einer entsprechenden Atmosphäre: von ekstatischen Trip- und Drogenszenen, über rebellische Kampf-um-Anerkennungs-Welten bis hin zu Bildern eines harmonistischen Zusammenseins. Bei all dieser inhaltlichen Varianz gilt: formal gehört das (authentische) Inszenieren von alternativen Realitäten und das umgestaltende Schaffen von Atmosphären notwendig zum Rap.6 Denn eben hierdurch erreicht er sein Ziel:

„die Transformation und Transfiguration einer jeweiligen, als unbefriedigend erfahrenen Lebenswirklichkeit.“7

Gottesdienstliche Übertragung: Liturgie statt Predigt

Wenn es Atmosphären und Inszenierungen sind, welche Rap als Rap auszeichnen, ihn publikumsattraktiv erscheinen lassen und ihm weltveränderne Kraft verleihen, dann gilt es, eben diese Aspekte religions- wie gottesdiensttheoretisch fruchtbar zu machen und sie jeglicher logogenen Raptextanalyse vorzuordnen.8 Mit einer solchen Fokusverschiebung geht dann auch der Wechsel der primären Gesprächspartnerin einher: weg von der Inhaltsorientierung der Predigt, hin zur künstlerischen Darstellung der Liturgie.

Die Abwendung von einem inhaltsorientierten Paradigma vollzieht dabei am radikalsten Manfred Josuttis.9 Mit seinem Plädoyer, dass gottesdienstliche Feiern weder „in jeder Lage beherrschbar“ noch „von Bewußtsein gesteuert und dem Bewußtsein zugänglich“10 sein müssen, wendet er sich explizit gegen die vorherrschenden Kontroll- und Bewusstseinspostulate. Indem er den inhaltlich-rationalen Dimensionen des Gottesdienstes eine klare Absage erteilt, spricht er sich an derer statt für ein neuphänomenologisch-atmosphärisches Liturgiekonzept aus.

Der Komponente der Darstellung vermehrte Aufmerksamkeit schenkend, entwirft Ursula Roth entlang des Leitbegriffs der Theatralität ein Liturgiekonzept auf Grundlage der gottesdiensttheoretisch-unverzichtbaren Kategorien von Inszenierung, Korporalität und Wahrnehmung. Diese verleihen dem Gottesdienst eine „transformative Performanz“, durch welche „Wirklichkeit anders zur Ansicht kommen kann und sich das Welt- und Selbstverhältnis der Einzelnen neu justieren kann.“11

Vor dem Hintergrund der aktuellen Rapentwicklung verdeutlichen diese beiden liturgischen Positionen zwei Dinge: Einerseits weisen sowohl Liturgie als auch Rap den logogenen Inhalten eine bloß untergeordnete Rolle zu, andererseits greifen auch beide mit den Begriffen Atmosphäre und Inszenierung auf dieselben Konzepte und (Erfolgs-)Strategien zurück. Ein gemeinsames Fundament wäre damit bereits gefunden, auf dem – dem Vorbild der Theaterwissenschaften folgend12 – eine neue Gesprächskultur errichtet, kreative Verbindungen geknüpft und weitere Impulse ausgetauscht werden können.

Hashtag der Woche: #CloudRap


(Beitragsbild: @kaysha)

Literatur
  • Fermor, G. (1999). Ekstasis. Das religiöse Erbe in der Popmusik als Herausforderung an die Kirche. Stuttgart, Berlin, Köln: W. Kohlhammer.
  • Josuttis, M. (1996). Die heilige Handlung. In M. Josuttis (Ed.), Die Einführung in das Leben. Pastoraltheologie zwischen Phänomenologie und Spiritualität (pp. 85–101). Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.
  • Klein, G., & Friedrich, M. (2003). Is this real? Die Kultur des HipHop. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Mildenberger, I., Raschzok, K., & Ratzmann, W. (Hgg.). (2010). „Gottesdienst und Dramaturgie“. Liturgiewissenschaft und Theaterwissenschaft im Gespräch. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.
  • Roth, U. (2006). Die Theatralität des Gottesdienstes. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

2 Ebd.

4 Ebd.

6 Klein, et al. 2003.

8 Fermor 1999.

9 Josuttis 1996.

10 Josuttis 1996, 92.

11 Roth 2006, 293.

12 Mildenberger, et al. 2010.

max tretter

max tretter

studierte Evangelische Theologie in Erlangen und Berlin und arbeitete währenddessen als Studentische Hilfskraft an den Lehrstühlen für Altes Testament und für Ethik. Sein Interesse für Ethik und Kulturwissenschaften drückt sich eigens aus in einer Begeisterungsfähigkeit für Rapmusik und Internetkultur, Straßenkleidung und Bodybuilding.

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