Wie kann Kirche im Angesicht des Leids von Müttern totgeborener Kinder angemessen von Gott sprechen? Dr. Annette Stechmann denkt über einen bisher wenig beachteten Ort theologischer Erkenntnis nach.

Die katholische Kirche ist im Begriff, in sich zusammenzufallen. Auch und vor allem unter den Vorzeichen sexualisierter Gewalt und geistlichen Missbrauchs und dem jeweiligen Umgang der Institution damit zeigt sich deutlich, dass Kirche ihrem ureigenen Auftrag, nämlich der Welt das Evangelium zu verkünden, „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (LG 1) zu sein, nicht mehr gerecht wird. Dass das Vertrauen der eigenen Mitglieder in die Institution Kirche schwindet, die Austrittszahlen in die Höhe schnellen, sind nur die Spitzen des Eisbergs eines tiefer liegenden Problems.

Das Problem, das hinter all diesen Phänomenen steht, ist die Frage, ob Kirche selbst Glaubende ist, ob und wie heute in ihr an Gott geglaubt, ob und wie deswegen von ihm gesprochen wird, ob und wie dementsprechend gehandelt wird und wie sich selbst damit Gestalt gibt.
Kirche kann in dieser Situation fundamentalistisch reagieren, indem sie einfach so weitermacht wie bisher, oder sie kann verstummen und sich den Problemen ergeben. Beides hilft nicht weiter. Kirche könnte aber auch das tun, wozu es sie gibt: sie könnte sich auf die Suche nach den Spuren Gottes machen, sie könnte diese „Zeichen der Zeit“ mit dem Evangelium konfrontieren, dadurch christliche Theologie fortschreiben und die Gestalt der Kirche dementsprechend formatieren.

Ein Lernort für Kirche und Theologie

Ein theologischer Ort, wo sie exemplarisch lernen könnte, ist das Leid von Müttern totgeborener Kinder.1 Diese Frauen haben Schlimmstes erlebt: ihr Kind ist noch vor der Geburt gestorben. Ihnen ist die Zukunft mit ihrem einzigartigen, geliebten Kind gestorben. Diese Frauen erleben die von der Kirche verwendeten Begriffe und Vorstellungen von Gott als nicht lebensförderlich oder tröstlich. Sie hören Sätze wie „Gott hat gegeben, Gott hat genommen“ oder lesen an der Wand einer Friedhofskapelle „Fürchte dich nicht!“. Wie sollten sie einem so präsentierten Gott vertrauen oder ihm ihr Kind anvertrauen? Wovor sollten sie sich noch fürchten, wenn das Schlimmste schon geschehen ist?

Solche eigentlich ermutigenden Sätze vergrößern Leid und Einsamkeit. So wundert es nicht, dass für viele Frauen Gott ein „schlechtes Thema“ ist, weil sie ihn als grausam und strafend erlebt haben. Um das Erlebte in ihre Lebensdeutung integrieren zu können, benutzen sie Begriffe der christlichen Tradition und fassen sie neu. Sie entwickeln eigene Theologien und sprechen von Gott aufgrund einer Erfahrung, die sie nicht freiwillig gewählt haben. Sie brauchen den Begriff von Gott, um ihre Ohnmacht im Leiden zu bewältigen. Sie brauchen Gott als obersten Schuldner, der die Frage nach der Schuld tragen kann, wenn dafür keine menschliche Adresse mehr ausreicht.

Theologie am Grab des eigenen Kindes

Die Frauen entwickeln aufgrund ihrer eigenen Theologien Vorstellungen vom Weiterleben ihrer Kinder. Sie stellen sich ihr Kind beispielsweise als Schmetterling vor, der gerade bei ihnen vorbeifliegt. Der Schmetterling, der im Christentum ein Bild für Auferstehung ist, wird hier zum Präsenzbild für das eigene Kind. Andere Frauen stellen sich einen Himmel ohne Gott vor, denn wie könnten sie ihr Kind einem Gott anvertrauen, der ihm das Leben genommen hat?2

Theologie und Kirche könnten diese eigenen Theologien, die sich aus Erfahrungen heraus ergeben haben, bemängeln. Sie könnten monieren, dass der Schmetterling für einige dieser Frauen kein Auferstehungsbild mehr ist, dass diese Frauen sich einen Himmel ohne Gott vorstellen, oder dass sie nur noch von Gott als zärtlicher Mutter reden. Sie könnten auch althergebrachte Formeln hervorholen, Jesus missionarisch anbieten oder das eigene Gottesbild gegen das erlittene Gottesbild der Frauen verteidigen oder gar in der eigenen Gottesrede verstummen. Das alles sind Lösungsmuster der Vergangenheit, die nicht weiterführen.

Es zeigt sich in dieser Situation die Möglichkeit eines anderen, zutiefst christlichen Weges. Theologie und Kirche könnten diesen Frauen zuhören und in deren Theologien die Spuren Gottes in dieser Welt erkennen. Denn der christliche Gott ist auf der Seite der Frauen, er lässt sich finden in der Liebe zu ihren Kindern. Diese Kinder haben ihr Leben verloren, aber sie haben nicht Gott verloren. Gott selbst ist Kind geworden, ohnmächtig und wehrlos. Indem diese Frauen gegen alle Widerstände an der Liebe zu ihren Kindern festhalten, indem sie durch ihre Liebe zu ihnen die Kraft finden, weiterzuleben und auch wieder Glück zu erleben, legen sie Zeugnis davon ab, wie die Liebe zum Schwächsten, das Festhalten an ihm, retten und erlösen kann.

Für eine Haltung der Zärtlichkeit

Eine gottgemäße und dem erfahrenen Leiden dieser Frauen angemessene Rede von ihm entspricht der Haltung der Zärtlichkeit. Zärtlichkeit ist nach Isabella Guanzini eine

bedeutungsvolle philosophische Kategorie […], insofern sie nicht einfach der Erfahrung eines vagen Gefühls der Empathie oder der Nähe entspricht, sondern vielmehr die elementare Wahrnehmung der Endlichkeit, nämlich der Verletzlichkeit und Vergänglichkeit aller Dinge darstellt.3

Nach Guanzini entspricht Zärtlichkeit

einer möglichen alternativen post-säkularen Kategorie […]. Die Zärtlichkeit ist die nicht-nihilistische und nicht-dekonstruktive Seite der Wahrnehmung der Endlichkeit, da sie dem Sein-Lassen der Dinge und nicht ihrem Sterben-Lassen entspricht. Das bedeutet, dass der kontemplative Blick der Zärtlichkeit nicht auf die Beherrschung oder auf den Besitz der Wirklichkeit abzielt, sondern ihre nicht-verfügbare, nicht-fixierbare, nicht-bewertbare, nicht-objektivierbare Seite radikal zum Ausdruck bringt, die sich ebenso jeder Kontrolle und jedem Unterworfensein entzieht.4

In dieser Haltung der Zärtlichkeit – am locus theologicus existentialis des Leids von Müttern totgeborener Kinder – zeigt sich ein möglicher Weg für Kirche und Theologie in der momentanen Situation.

Diese Haltung der Zärtlichkeit ist die angemessene Form des Respekts vor Gott, im Umgang mit getauften und gefirmten Christ*innen und den „Zeichen der Zeit“. Sie entspricht der Existenz Jesu Christi als ohnmächtigem Kind, sie entspricht seiner Reich-Gottes-Botschaft und ihrer letzten Konsequenz, seiner Kreuzigung. Diese Haltung weiß es nicht besser, atmet aber eine Kraft, die stärker ist als jede Zerstörung. Sie ist ein Weg auch für die Kirche.

Hashtag der Woche: #himmelohnegott


 (Beitragsbild @Ray Hennessy)

1 Stechmann, Annette, Das Leid von Müttern totgeborener Kinder. Ein Ort der Theologie, Würzburg 2018.

2 Vgl. Ebd.

3 Guanzini, Isabella, Zärtlichkeit des Endlichen. Ästhetik und Politik der elementaren Relationen, in: Appel, Kurt / Deibl, Jakob Helmut (Hg.), Barmherzigkeit und zärtliche Liebe. Das theologische Programm von Papst Franziskus, Freiburg 2016, 210f.

4 Ebd.

dr. annette stechmann

dr. annette stechmann

studierte Theologie in Würzburg und Graz und promovierte 2017 im Bereich Pastoraltheologie. Sie ist Pastoralreferentin im Bistum Hildesheim und hat langjährige Erfahrung in der Klinikseelsorge.

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