In den vergangenen Tagen haben sich auf Einladung des Papstes hin die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen in Rom zu einem Anti-Missbrauchs-Gipfel getroffen. Philipp Graf wendet sich gegen den von Reformunwilligen erhobenen Vorwurf des „Missbrauchs des Missbrauchs“ und stellt diesem das Moment der biblischen Klage entgegen.

kath.net, Lütz und Co.: Instrumentalisierung der Betroffenen?!

Jetzt wird auch aus der Kirche heraus der Missbrauch missbraucht, um die alte Forderung nach Abschaffung des Zölibats endlich durchzusetzen.

Dieses Zitat des kath.net-Artikels Missbrauch des Missbrauchs1 vom 12.10.18 ist symptomatisch für strukturkonservative Katholik*innen angesichts des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche in Deutschland und weltweit. Der Psychiater und katholische Theologe Manfred Lütz, ein populärwissenschaftlicher Publizist, ist prominenter Verfechter dieser Theorie von der Instrumentalisierung des sexualisierten Missbrauchs und des Leids der Betroffenen. In seinen Augen wollen Reformwillige die Gunst der Stunde (theologisch könnte man sagen: einen Kairos der Kirchengeschichte) nutzen und die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals missbrauchen, um ein kirchenpolitisches Reformprogramm durchzuboxen.2 Davon abgesehen, dass man dieses Argument zurückgeben könnte, wenn Lütz und Co. den Missbrauchsskandal für ihre homophobe Kampagne missbrauchen – der Instrumentalisierungsvorwurf ist nicht ganz von der Hand zu weisen und bleibt provokativ! Es ist zwar scharf zu verurteilen, dass rechtskatholische Nachrichtenportale wie kath.net Betroffene sexualisierter Gewalt diffamieren – so geschehen etwa mit Doris Reisinger (Wagner), die jüngst vor laufender Kamera ein viel beachtetes Gespräch mit dem Wiener Kardinal Christoph Schönborn geführt hat.3 Es ist aber zweifelhaft, wenn ohne vorherige Einfühlung in das Leid der Betroffenen laut nach Reformen kirchlicher Machtstrukturen gerufen wird, sodass die Stimmen der Betroffenen gar untergehen!

Empathie vor Reformpathos

Was können Reformwillige also angesichts des Instrumentalisierungsvorwurfs tun? Selbst die Wissenschaftler*innen der MHG-Studie, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz Missbrauchstaten ausgewertet und den Missbrauch fördernde Machtstrukturen kritisiert haben, werden ja von Reformgegner*innen wie Lütz eines kirchenpolitischen Reformpathos’ bezichtigt4 und ihre Argumente verworfen. Was nun?

Hier lohnt ein Blick in die Bibel – in den anthropologischen Erfahrungsraum und theologischen Erkenntnisort, dem selbst diejenigen nicht ausweichen können, die sich der aktuellen Wirklichkeit verschließen. Die Bibel bietet nicht nur Argumente für Reformen kirchlicher Strukturen, sondern ermöglicht mit der biblischen Klage in ihren vielen Gestalten (Ijob, Prophetenklage, Klagepsalmen, Klagelieder, u. a.) auch die Solidarisierung mit dem Leid der Betroffenen. Diese empathische Solidarität mit den vom sexuellen Missbrauch Betroffenen sollte jeder gut begründeten Kritik kirchlicher Machtstrukturen vorausgehen: Empathie vor Reformpathos.

Die Klage der Betroffenen

In der Klage erhalten auch und gerade die Opfer eine Stimme, die sie der Anonymität und dem Schweigen entreißt.5

Die Pragmatik der biblischen Klage führt Leser*innen und Hörer*innen in eine „nur allzu oft verdrängte Dimension der Gegenwart ein“6 und fordert sie auf, sich mit der klagenden Stimme zu solidarisieren. In der aktuellen Situation kann dies die Stimme der von sexualisierter Gewalt Betroffenen sein:

Bis wann, HERR, willst du mich so ganz vergessen?

Bis wann verbirgst du dein Angesicht vor mir?

Bis wann muss ich mit Gedanken quälen meine Seele,

mit Todeskummer mein Herz sogar am Tage?

Bis wann darf sich erheben mein Feind über mich? (Ps 13,2–3)7

Aus dieser Klage spricht nicht nur Leid an geschehenem, sondern auch aktuellem Unrecht: Leid an der fehlenden Anerkennung des traumatischen Missbrauchs durch viele kirchliche Verantwortliche und an der Unnachgiebigkeit des Systems, das Kleriker als Missbrauchstäter schützt.

Die Kirche als ganze hat sich stets als Beterin der (Klage-)Psalmen verstanden.8 Sie betet also auch die Klage der von Gewalt Betroffenen mit. Deshalb, und weil sie im Allgemeinen Hörerin des Wortes Gottes ist, kann sie sich der Solidarisierung mit den Opfern ihrer eigenen Machtstrukturen und Amtsträger nicht entziehen. Ebenso wenig können dies die Reformgegner*innen, die sich ja als Teil dieser betenden und hörenden Kirche sehen!

Machtvolle Ohnmacht der Klage

Die biblische Klage ist transformierte Hoffnung auf Gottes Eingreifen. Das wird besonders am Schrei Jesu am Kreuz deutlich:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen (Mk 15,43)

Jesu Schrei stammt aus einem Klagepsalm (Ps 22,2). Er hofft bei allem Leid darauf, dass Gott den Klagenden erhört und seine Situation verändert.9 Christi Auferweckung stellt den Höhepunkt dieser Macht Gottes dar. Diese ist aber bereits im sog. Stimmungsumschwung vieler Klagepsalmen angedeutet, wo Klage plötzlich in Gotteslob umkippt:

Blicke her auf mich, antworte mir, JHWH!

Mein Gott, mache leuchtend meine Augen,

damit ich nicht entschlafe zum Tod;

damit mein Feind nicht sagen kann: Ich hab’ ihn erledigt!

Mögen meine Widersacher jubeln, dass ich wanke,

so vertraue ich doch auf deine Güte!

Es soll jubeln mein Herz über dein Rettungshandeln!

Ich will singen JHWH, denn er handelt an mir. (Ps 13,4–6)10

Um das Phänomen des Stimmungsumschwungs ranken sich viele exegetische Hypothesen.11 Mit einem Wort der Literaturwissenschaft handelt es sich hier um eine große „Leerstelle“. Sie ist m. E. mit der Wirklichkeit verändernden Macht Gottes, die sich nicht in Worte fassen lässt, zu füllen.

Heißt das dann, dass die von sexualisierter Gewalt in der Kirche Betroffenen und alle, die sich mit ihnen in ihrer Klage solidarisieren, von Gott alles, von Menschen aber nichts mehr erwarten können? Schließlich hat menschliches Tun sie – wie die Klagenden in den Psalmen und anderswo – an den Rand ihrer Existenz, in die Katastrophe geführt. Leid schreit zu Gott um Veränderung. Wie sollten Reformgegner*innen sich einer solchen verweigern, wenn sie die machtvolle Klage der Leidenden aufrichtig mitbeten?

Hashtag der Woche: #rechtderklage


(Beitragsbild: @matthewhenry)

1 http://kath.net/news/65468.

2 Ein Interview mit ihm ist auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article181591764/Kritik-an-Missbrauchs-Studie-Theologe-Manfred-Luetz-ist-irritiert.html zu finden.

3 Nachzusehen auf https://www.br.de/mediathek/video/missbrauch-in-der-katholischen-kirche-eine-frau-kaempft-um-aufklaerung-av:5c5af92b42b54f00183b451f. Zur Reaktion von kath.net auf dieses Gespräch vgl. u. a. http://kath.net/news/66902.

4 Lütz’ Ausführungen zur sog. MHG-Studie liegen ungekürzt hier vor: https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/online/Manfred-Luetz-Missbrauchsstudie-mangelhaft-und-kontraproduktiv;art4691,192172. Ein Zitat: „Über diese wissenschaftlichen Mängel in der Datenpräsentation hinaus gibt es völlig unbelegte kühne Forderungen, die den gängigen Forderungen an die katholische Kirche entsprechen und die die Studie wohl für die Öffentlichkeit besonders interessant machen sollen.“.

5 Berges, Ulrich: Klagelieder (HThKAT), Freiburg 2002, 38.

6 Ebd.

7 Übersetzung nach Zenger, Erich: Mit meinem Gott überspringe ich Mauern. Psalmenauslegungen 1, Freiburg 21994, 73. Das sog. Tetragramm JHWH, das den Namen Gottes bezeichnet, wird aus Respekt vor dem Judentum nicht ausgesprochen. Eine Auslegung von Ps 13 bietet Zenger auf den folgenden Seiten 75–87.

8 Deissler, Alfons: Die Psalmen, Düsseldorf 71993, 26.

9 Labahn, Antje: Trauern als Bewältigung der Vergangenheit zur Gestaltung der Zukunft. Bemerkungen zur anthropologischen Theologie der Klagelieder, in: Vetus Testamentum 52 (2002), 513–527, hier: 526.

10 Übersetzung nach Zenger, 73.

11Eine Übersicht über diese Theorien bietet Oeming, Manfred: Das Buch der Psalmen. Psalm 1–41 (NSK.AT 13/1), Stuttgart 2000, 147–149. Die vom Verfasser vertretene Meinung findet sich dort nicht.

Zum Nach- und Weiterlesen

Die prominenteste Form der biblischen Klage sind die Klagepsalmen des/der Einzelnen: Ps 3-7Ps 13Ps 17Ps 22Ps 26Ps 28Ps 31Ps 35Ps 38Ps 39Ps 54-57Ps 59Ps 61Ps 64Ps 70Ps 88Ps 102Ps 109Ps 140-143. Dazu sei der Artikel von Reinhard Müller, Psalmen (AT), im Online-Lexikon WibiLex empfohlen: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/31528/

philipp graf

philipp graf

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Altes Testament des Instituts für Katholische Theologie an der Technischen Universität Dortmund. Seine Forschungsschwerpunkte sind Intertextualität und Ambiguität.

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