Noch steckt das neue Jahr in seinen Kinderschuhen, die Bilder des vergangenen Jahres dominieren und zahlreiche Versuche, sie zu verarbeiten, reihen sich aneinander. Anna Flamm denkt mit Dostojewskijs Brüdern Karamasow zum Jahreswechsel über Vergebung und Versöhnung nach.

Weihnachten, Jahresrückblicke, Silvester und gute Vorsätze für das neue Jahr – an Gelegenheiten für Reflexionen mangelte es in der letzten Zeit nicht und manch eine*r wird sie genutzt haben, um eine Bilanz für sich zu ziehen, um eindrucksvoll-prägende Gedanken, Begegnungen und Erlebnisse vor dem inneren Auge noch einmal aufleben zu lassen, sie einzuordnen, zu feiern oder zu betrauern und schließlich hoffentlich zu einem versöhnlichen Abschluss zu gelangen.

Iwan Karamasow und die Frage nach Versöhnung

Mir selbst ist bei meinen, zugegebenermaßen etwas ausschweifenden Gedankengängen zu Versöhnung, Vergebung und Verzeihen am Jahresende wieder einmal Dostojewskijs letzter Roman „Die Brüder Karamasow“ in den Sinn gekommen. Iwan Karamasow lässt darin das Problem der Vergebung bzw. Versöhnung zur fundamentalen Frage werden, die letztlich über seine Weltsicht entscheidet.

Iwan, der gerne als „hochbegabter Verstandesmensch, stolz, einzelgängerisch, unfähig zu lieben“1 charakterisiert wird, erklärt im Roman auf die Frage seines Bruders nach der Existenz Gottes, dass er Gott unumwunden und ohne Vorbehalt anerkenne und auch Gottes Allwissenheit, die christliche Botschaft vom „ewigen Wort“ (Joh 1) und die ewige Harmonie bereitwillig akzeptiere,2 obgleich all dies, nach Iwan, mit einem euklidischen, auf das Irdische beschränkten Verstand nicht begriffen werden könne. Eines aber könne er nicht anerkennen: die Gotteswelt. In dieser Welt nämlich, die angeblich von Gott erschaffen sein soll, von dessen Liebe und Gerechtigkeit die Christ*innen predigen, ist für Iwan mit dem Verstand nichts von Gott zu erkennen. Es herrscht Leid, vielschichtiges und absurdes Leid, das sich für Iwan Karamasow vor allem im Leiden von unschuldigen Kindern manifestiert. Eine Welt, in der derartige Leiden existieren, als Gotteswelt zu deuten, ist für Iwan eine Verfälschung, die er mit seiner Denkweise nicht vereinbaren kann, folgt diese doch in Bezug auf Leid einem proportionalen Schuldzusammenhang, außerhalb dessen sich die nicht schuldig gewordenen Kinder befinden.

Er fordert folglich Vergeltung für das unschuldige Leid, Vergeltung, die er selbst mit ansehen kann, von der er aber in seinem Fordern bereits weiß, dass sie nicht geschehen kann und sich deshalb als Anklage gegen Gott richtet: Wenn nur eine Solidarität in Sünde und im Leid auf die ewige Harmonie hinsteuert, wenn es ihrer bedarf, damit sich irgendwann einmal die Menschen mit Tränen der Freude in den Armen liegen und Gott preisen können, liegt dann nicht der grundlegende Fehler in der Erschaffung der Welt? Hat dann, konsequent weiter gedacht, nicht letztlich Gott die Schuld an dieser Ungerechtigkeit? Ist es nicht er, der dann das Leid in Kauf nimmt für ein gutes Ende in ewiger Harmonie, weil er nicht fähig war, eine gerechtere Welt zu schaffen?

Die Risse des menschlichen Daseins als Anfrage an Gott

Bei einer differenzierten Betrachtung seiner Person erscheint Iwan Karamasow eben nicht nur als hochbegabter Verstandesmensch, sondern gerade durch sein Gefühlsleben, seine Prägung, durch seine Sinnsuche, persönliche Enttäuschung, seinen starken Stolz und sein tiefes Mitleid, als eine vielschichtig-tiefgründige Persönlichkeit zwischen Phil- und Misanthropie. Mit der Thematisierung des Leids offenbart er die tiefen Risse im menschlichen Dasein, um sie dann in Gott selbst und in die Vorstellung der ewigen Harmonie hineinzutragen. Denn:

„Keine theologischen Beweisgründe, auch nicht die Erwartung eines Welt-Finales, das allen Widersinn in Harmonie umwenden wird, kommt gegen die Tatsache auf, daß es Leiden gibt, die nicht Vergeltung für persönliche Schuld sind.“3

Für Iwan steht fest, die ewige Harmonie ist

„nicht einmal eine einzige Träne auch nur des einen gequälten Kindes wert, das sich mit den Fäustchen an die Brust schlug und in dem übelriechenden Loch mit ungesühnten Tränen zu seinem Gott betete. Sie ist es nicht wert, weil seine Tränen ungesühnt geblieben sind.“4

Damit muss er die so zentrale Frage: „Gibt es denn in der ganzen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte und ein Recht dazu hätte?“5 für sich aber auch verneinen, weil er keiner Gerechtigkeitsvorstellung Raum geben will, welche die Ratlosigkeit vor den unverschuldeten Leidenden aufhöbe.6 Er beschließt schließlich Gott den Rücken zuzukehren, gibt ihm „ehrerbietig die Eintrittskarte zurück“ und bleibt unversöhnt.7

Warum „Die Brüder Karamasow“ sich zur Lektüre an Neujahr eignen

Vermutlich sollten nach diesem Ausflug in die Welt von Dostojewskijs Iwan Karamasow nun zutiefst theologische Überlegungen zu der großen Herausforderung von Vergebung und Verzeihen folgen, die in einer glaub-würdigen Möglichkeit einer universalen Versöhnung gipfeln und aufgreifen, was Iwan von seinem Bruder Alexej entgegenhalten bekommt:

„Du sagtest soeben: Gibt es denn in der ganzen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte und ein Recht dazu hätte? Dieses Wesen gibt es, und Es kann alles verzeihen, allem und jedem, denn Es selbst hat Sein unschuldiges Blut hingegeben für alle und alles. Ihn hast du vergessen, doch auf Ihn gründet sich das Gebäude, und Ihm wird man zurufen: ,Gerecht bist Du, Herr, denn geoffenbart haben sich Deine Wege!’“8

Diese Gedanken bleiben hier aber aus – ihre Zeit kommt noch.

Vorerst bleibt die menschliche Erkenntnis, dass eine Bilanz zu ziehen nicht nur Erfreuliches zutage fördern kann, sondern immer wieder auch Verletzendes und Unversöhntes, das Risse verursacht und belastet. Leid ist und bleibt präsent, im Großen wie im Kleinen, fordert heraus. Wenn es dennoch um den Jahreswechsel gelingt, sich mit einem Teil davon auszusöhnen, Wogen zu glätten, sei es in Bezug auf bestimmte Erlebnisse, Beziehungen oder vielleicht auch sich selbst, wenn dennoch hoffnungsfroh gute Vorsätze für das neue Jahr gefasst werden, dann mag das mit von der Weihnachtsstimmung getragen sein und damit von einem Eindruck davon, was es bedeutet und frei setzen kann, sich auch vom Gefühl der Liebe berühren zu lassen – auch im Bewusstsein der Rissigkeit des Lebens.

Wenn dem aber so ist, sollte dann nicht an Ostern noch einmal über Vergebung und Versöhnung und vielleicht auch über Dostojewskijs Iwan Karamasow nachgedacht werden?

Hashtag der Woche: #iwanstattivanka


(Beitragsbild @aronvisuals)

1 Sändig, Brigitte: Wem erscheint der Teufel? Iwan Karamasow und der Abbé Donissan, in: Daphinoff, Dimiter/ Müller Farguell, Roger/Winkler, Markus (Hgg.): Variationen über das Teuflische. Fribourg 2005, S. 209-222, hier: S. 214.

2 Vgl. Doerne, Martin: Gott und Mensch in Dostojewskijs Werk. Göttingen 1957, S. 64.

3 Ebd., S. 64-65.

4 Dostojewskij, Fjodor Michailowitsch: Die Brüder Karamasow. 21. Aufl., München 2006, S. 330.

5 Ebd., S. 331.

6 Vgl. Doerne, Gott und Mensch, S. 65-66.

7 Dostojewskij, Brüder Karamasow, S. 331.

8 Ebd., S. 332.

anna flamm

anna flamm

studierte Germanistik, Latein und katholische Theologie in Freiburg und Wien. Sie ist Doktorandin am Arbeitsbereich Fundamentaltheologie und Philosophische Anthropologie an der Uni Freiburg und betreut das Nachwuchs-Programm ProTheo.

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