Das „Mission Manifest“ und die vor allem von Ursula Nothelle-Wildfeuer und Magnus Striet im Sammelband „Einfach nur Jesus?“ daran geübte Kritik waren eines der theologischen Aufreger-Themen im Jahr 2018 – auch auf y-nachten.de. Ist „Einfach nur Jesus?“ also ein gutes Mitbringsel für den Weihnachtsbesuch? Jonatan Burger hat nachgelesen.

Die Diagnosen haben es in sich und sind wenig schmeichelhaft: Die Autor*innen des „Mission Manifest“ verfügten über ein „instruktivistisches Offenbarungsverständnis“ (Gerhards, 147) und folgten letztlich einer „narzisstischen Selbstbestätigungslogik“ (Striet, 74). Der Text selbst weise einen „demagogische[n] Grundzug“ (Nothelle-Wildfeuer, 77) auf und bediene sich bisweilen einer „befremdlich militärische[n] Sprache“ (Nothelle-Wildfeuer, 90) und eines apokalyptischen Duktus (vgl. Nothelle-Wildfeuer, 76).  Im „Gebetsstellungskrieg gegen den Zeitgeist“ (Striet, 60) nehme man quasi aus einer „exemten Parallelwelt“ (Nothelle-Wildfeuer, 92) heraus mit schlichtem „[D]esinteress[e] an den Motiven und Gründen der kirchlich Fernstehenden“ (Höhn, 37) eine Feindbilder konstruierende „dichotome Codierung gesellschaftlicher Entwicklung[en]“ (Werner, 11) vor. Damit entspräche man genau jenem „Kulturpessimismus, der Teile des Katholizismus seit dem 19. Jahrhundert infiziert“ (Vorwort, 9) hätte. Zählt man diese Beobachtungen der Urheber*innen des Bandes „Einfach nur Jesus?“ gegenüber den Verfasser*innen des „Mission Manifest“ zusammen, lässt sich daraus mit Leichtigkeit ein Lasterkatalog aufstellen, der alle Don’ts moderner Gottesrede zu enthalten scheint.

Gründe für den Frontalangriff

Angesichts der vorliegenden Prognose erscheint die Vehemenz der Rhetorik der Urheber*innen aber durchaus angemessen zu sein, läuft der Glaube in ihren Augen doch auf diese Weise Gefahr, als bloßes „Elitechristentum[]“ (Nothelle-Wildfeuer, 80) letztlich „zum Fundamentalismus zu werden“ (Nothelle-Wildfeuer, 81). Es drohe nichts weniger als die „Versektung […] der katholischen Kirche“ (Nothelle-Wildfeuer, 78), in der „Gott […] zu Tode geglaubt“ (Höhn, 36) werde. Die Antwort auf die Frage im Buchtitel, ob das vermeintliche „Einfach nur Jesus!“ vonseiten der Autor*innen des „Mission Manifest“ also die Antwort auf die drängenden Herausforderungen, mit denen die katholische Kirche im Westeuropa des 21. Jahrhunderts konfrontiert ist, sein kann, ist klar: „Einfach nur mal eben Jesus wird kaum funktionieren“ (Vorwort, 10).

Was diese Philippika motiviert und – für den Autor – auch in weiten Teilen rechtfertigt, ist vor allem die im „Mission Manifest“ erkennbare, bewusste Konstruktion einer „Dichotomie von Theologie zur persönlichen Gebets- und Gotteserfahrung“ (Werner, 15), die „Vernachlässigung, um nicht zu sagen […] Verachtung der Theologie“ (Nothelle-Wildfeuer, 81) zur Folge hat – mutmaßlich, weil gehofft wird, „kognitive Dissonanzen“ (Spies, 109) auf diese Weise ausblenden zu können. Gerade in Zeiten, in denen die Akzeptanz von Ambivalenzen so nötig ist, redet man damit jedoch einer „theologische[n] Komplexitätsreduktion“ (Striet, 73) das Wort und reproduziert gleichsam die allgegenwärtige „Erwartungshaltung nach einfachen Antworten“ (Striet, 73).

Berechtigte und überzogene Kritik

Das grundlegende Anliegen, Gott „spürbar“ (Spies, 104) zu machen und das Verhältnis von religiöser Erfahrung und Theologie gerade angesichts vielfach irritierender „Modernitätserfahrungen“ (Striet, 55) immer wieder aufs Neue zu bedenken, sind ebenso wie die „Kampagnenfähigkeit […] [und das] professionelle[] Auftreten“ (Spielberg, 123) der hinter dem „Mission Manifest“ stehenden Akteur*innen, die „professionalisiert in der Performance [und] ästhetisch popkulturell inszeniert“ (Vorwort, 9) das Image einer „Erneuerungsbewegung“ (Vorwort, 7) pflegen, bei aller Kritik würdigend hervorzuheben. Und ja, auch Innovationen in der Liturgie sind bitter nötig, wenn klassische Formate Jugendliche kaum mehr ansprechen (vgl. Gerhards, 150).

Es ist deshalb bei aller Kritik ein Glücksfall, dass sowohl die Verfasser*innen des „Mission Manifest“ als auch die Autor*innen des hier besprochenen Sammelbandes trotz der vorhandenen kulturellen Unterschiedlichkeit Katholik*innen, d.h. in der gemeinsamen, Institution gewordenen Ambiguitätstoleranz (vgl. Spielberg, 137) römisch-katholische Kirche beheimatet sind. Auf eine schiefe Ebene geraten die unterschiedlichen Glaubensstile und Frömmigkeitstendenzen beider Gruppen freilich immer dann, wenn die wechselseitig zuzugestehende Legitimität unterschiedlicher ästhetischer Zugänge zum Glauben sowie verschiedener theologischer Schwerpunktsetzungen durch einen vollkommenen Alleinvertretungs- und Lösungsanspruch negiert wird. Intellektualisierung und Emotionalisierung sind als Kommunikationsstrategien beide zwar nur dosiert einzusetzen, aber können je nach Kontext eben durchaus bisweilen das erste Mittel der Wahl sein.

It’s the enlightment, stupid!

Letztlich steht hinter der gesamten Auseinandersetzung zwischen beiden Autor*innen-Kollektiven wohl ein tiefer liegender Dissens um die Frage, wie unsere aktuelle gesellschaftliche Situation inmitten von Individualisierung, Pluralisierung und Säkularisierung zu bewerten ist und welche Wunschvorstellungen von Gesellschaft und Kirche unser Handeln leiten sollten. Für Magnus Striet ist dabei klar, dass es ein Zurück hinter die „reflexive Moderne“ (Herbert Schnädelbach) eigentlich nicht und wenn dann nur um den Preis einer intellektualitätsfeindlichen Gegenaufklärung – quasi eines fideistischen „Noli sapere audere!“ – geben kann. Selbstverständlich dürfen (eben jene) gesellschaftliche Tendenzen aus christlicher Perspektive kritisch hinterfragt werden; gerade dies ist ja eine Kernaufgabe kirchlicher Soziallehre (und der wissenschaftlichen Reflexion in der Christlichen Sozialethik). Ihre Überzeugungskraft und Plausibilität bezieht diese Sozialkritik indes gerade aus ihrer epistemischen Bescheidenheit und strikten aufklärerischen Selbstverpflichtung und eben nicht aus einem Stil, der mitunter den Versuch eines kirchenpolitischen und kulturellen backlash vermuten lässt.

Dass die Autor*innen des Sammelbands, wie es Bernhard Meuser in der Tagespost suggerierte, Schwierigkeiten hätten, mit Mitreisenden im Zug über ihren Glauben zu sprechen, lässt Striet nicht gelten:

„Ich wäre kein Theologe, der sich öffentlich äußert, wenn ich nicht der Überzeugung wäre, dass das Evangelium vom menschgewordenen Gott, auch in einer im Vergleich zu früheren Zeiten anders – von einem anderen Weltwissen und von Freiheitsidealen – geprägten Gesellschaft, dem Menschen etwas bedeuten könnte.“ (Striet, 63)

Ein Gespräch im Bordbistro

Oder um es anschaulicher zu formulieren: Vielleicht bekommt man bei besagtem Gespräch im Bordbistro zwar nicht innerhalb von drei Minuten eine Antwort, sondern stellt wohl eher gemeinsam Fragen. Allerdings verpasst man wohl irgendwann gerne den eigentlich geplanten Ausstieg, da die intellektuelle Debatte fesselt und man dabei stets das Gefühl hat, bei allen Zweifeln als Gegenüber ernst genommen zu werden. Wem an einer raschen emotionalen Beheimatung in einer mit „Entschiedenheitsgestus“ (Vorwort, 7) auftretenden Glaubensgemeinschaft gelegen ist, ist damit zwar möglicherweise unzufrieden. Wer aber wie Magnus Striet mit allen Skeptiker*innen gemeinsam fragt, warum „Gott sich verschweigt, nicht handelt, obwohl Menschen in schlimmster Not ihn anflehen, er möchte doch handeln“ (Striet, 68), ist es sehr wohl.1

Höchstwahrscheinlich kommt das Gespräch im Zugabteil nach einiger Zeit auch auf politische Fragen zu sprechen. Neben der Kritik an einer Vernachlässigung der Theologie greift hier der zweite Hauptkritikpunkt der Autor*innen von „Einfach nur Jesus?“: Glaubens- und Gesellschaftsideale sind für diese nicht bloß „weitgehend entpolitisiert und desinteressiert an der Welt- und Gesellschaftsverantwortung des Christentums“ (Spies, 116) zu entwerfen, sondern die „Dimension des Sozial-Caritativen“ (Nothelle-Wildfeuer, 80) – mit anderen Worten eine grundlegende Option für die Armen und Marginalisierten – stets mitzubedenken, gerade um der Treue zur jesuanischen Botschaft willen: Denn das Wachsen der βασιλεια του θεου entscheidet sich nicht einzig an der Teilnehmer*innenzahl bei der MEHR-Konferenz, sondern nicht zuletzt auch daran, ob bspw. eine kritische Stellungnahme vonseiten der Kirche Wähler*innen rechtspopulistischer Parteien zum Nachdenken bringt.

Theologischer Streit unter dem Christbaum

Kurzum: Wem an der rhetorisch pointierten und zugleich wissenschaftlich fundierten Debatte über die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland und deren vermeintliche Erfolgsstrategien gelegen ist, sei das Buch „Einfach nur Jesus?“ empfohlen. Einzig einige doch sehr polemisch gehaltene Abschnitte – vor allem im Beitrag von Christiane Florin – vermögen zu irritieren. Wer auf die Sprachfähigkeit der katholischen Kirche gerade auch in säkularen Kontexten dringt, wird das Buch aber dennoch mit intellektuellem Genuss lesen. Andernfalls sind zumindest kontroverse Diskussionen um den Weihnachtsbaum und die Krippe vorprogrammiert. „Einfach nur Jesus“ wird in letzterer freilich nicht zu finden sein; denn mindestens ein Sterndeuter wird sich insgeheim wohl fragen, ob der Himmel nicht vielleicht doch leer sein könnte und was er tun muss, um die Welt dennoch zu einem besseren Ort zu machen.

Hashtag: #ohjesus


Übrigens: Nach „Einfach nur Jesus?“ widmet sich die Reihe „Katholizismus im Umbruch“ zu Jahresbeginn 2019 einem weiteren kirchlichen Topthema, das derzeit leider allzu präsent sein muss. Der Band „Unheilige Theologie! Analysen angesichts sexueller Gewalt gegen Minderjährige durch Priester“, herausgegeben von Rita Werden und Magnus Striet, erscheint am 28. Januar 2019. Wer eine Rezension verfassen will, darf sich gerne bei der Redaktion melden.

In eigener Sache: Die y-nachten.de-Redakteurin Franca Spies war als Autorin an der besprochenen Publikation beteiligt. Dem Autor wurde vom Verlag Herder ein kostenloses Presseexemplar zur Verfügung gestellt.

Nothelle-Wildfeuer, Ursula; Striet, Magnus (Hrsg.): Einfach nur Jesus? Eine Kritik am „Mission Manifest“. Freiburg: Herder, 2018 (Katholizismus im Umbruch 8).


[1] Vgl. auch Magnus Striet (Hrsg.): Hilft beten? Schwierigkeiten mit dem Bittgebet. Freiburg: Herder, 2010 (Theologie kontrovers).

jonatan burger

jonatan burger

studierte von 2012-2018 Katholische Theologie in Freiburg und promoviert nun im Fach Christliche Sozialethik. Er ist Referent an der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen und Teil der Redaktion von y-nachten.de.

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