Wie ein mittelalterliches Gedicht die Figur des Earendil hervorbrachte und was das mit dem Advent zu tun hat – Christian Trenk nimmt uns mit auf eine kleine Reise durch J. R. R. Tolkiens Welt von Mittelerde.

„Earendil was a mariner“1 – so schlicht, als Seefahrer, beschreibt J. R. R. Tolkien in seinem Der Herr der Ringe diesen weniger bekannten Charakter. Es ist die erste Zeile des längsten der über 100 Gedichte in diesem Werk: 124 Verse über Earendils Taten, der aber hier nur dieses eine Mal genannt wird. Nur dem*der aufmerksamsten Leser*in mag der Name bereits einige Seiten vorher2 aufgefallen sein, als er nebenbei als Ahnherr des großen Königsgeschlechts der Menschen erwähnt wird. Wenige Seiten später3 wird er dem*der Leser*in erneut in Erinnerung gerufen: diesmal als Vater des Elbenprinzen Elrond, der als einziger in allen drei großen Publikationen Tolkiens eine Rolle spielt.4 Tolkiens Der kleine Hobbit, Der Herr der Ringe und das weniger bekannte, posthum veröffentlichte Silmarillion bilden, zusammen mit einigen weiteren Geschichten, das sogenannte Legendarium: Erzählungen aus der Welt von Mittelerde.

Die Geburtsstunde von Earendil und Tolkiens Legendarium

Die erste Erzählung aus diesem Legendarium, die Tolkien schrieb, war 1916 Der Fall von Gondolin. Von einem kurzen, aber einprägsamen Einsatz an der Somme in ein englisches Lazarett verlegt, begann der junge Tolkien mit dem Aufschreiben seiner Geschichten.5 Die Aufgabe gewann für ihn zusehends an Bedeutung, als der Erste Weltkrieg zusammen mit unzähligen anderen jungen Männern auch einige der engsten Jugend- und Studienfreunde Tolkiens dahinraffte – Männer, von denen er gehofft hatte, mit ihnen gemeinsam in zukünftigen Jahren seinen künstlerischen Ideen freien Lauf lassen zu können. Tolkien, so sein Gefühl, blieb zurück, um stellvertretend kreativ zu werden. Der Fall von Gondolin, gewissermaßen die Geburtsstunde des Legendarium, erwähnt auch die Geburt eines Kindes namens Earendil.

Wohl 1913, während seines Studiums am Oxforder Institut für Englische Sprache und Literatur, an dem er später selbst als Professor lehren sollte, begegnete Tolkien erstmals zwei Versen in einem angelsächsischen Gedicht, Crist aus dem Exeter Book, die ihn zutiefst beeindruckten: éala! éarendel engla beorthast ofer middangeard monnum sended, zu Deutsch in etwa

Heil Dir Earendel, der Engel strahlendster, über Mittelerde den Menschen gesendet.

Tolkien beschreibt in einem seiner Briefe, wie ihn die Schönheit dieses Wortes oder Namen traf, sein besonderer Wohlklang und wie aus dieser Anrufung des scheinenden Morgensterns, der den Sonnenaufgang ankündigt, schließlich der Earendil seines Legendariums wurde, der – auf Grund seiner Taten zu einer Art Stern am Himmel erhoben – ein Hoffnungszeichen für die Bewohner*innen der Erde wurde. Aiya Earendil Elenion Ancalima ist Tolkiens lose Übertragung des angelsächsischen Verses in seine elbische Welt:

Heil Dir Earendil, hellster der Sterne.6

Der Christusbezug des Earendil

Besagtes angelsächsisches Gedicht greift seinerseits wiederum Motive der O-Antiphonen des Hochadvent auf, was dem überzeugten und engagierten Katholiken Tolkien nicht verborgen geblieben sein wird. O oriens, splendor lucis […] heißt es am 21. Dezember, gemeinhin übersetzt als „O Morgenstern, Glanz des […] Lichtes“. Earendils Verbindung zum Advent endet jedoch keinesfalls mit der adventlichen Inspiration.

Die letzten Worte der späteren Großväter Earendils zueinander künden von der Hoffnung der Menschen und Elben und dem neuen Stern, der aus ihren beiden Häusern ersteigen soll.7 Die Worte des einen sind es, die den anderen Jahre später zur Zustimmung zur außergewöhnlichen Hochzeit seiner elbischen Tochter mit einem Menschen bewegen.8 Mit sieben Jahren muss Earendil in heimlicher Flucht aus der eroberten Heimatstadt Gondolin gerettet werden.9 Eines Tages kommt er an der Seite seiner Frau als Abgesandter der beiden Geschlechter seiner Eltern an den Sitz der gottgleichen Valar, um diese um Vergebung, Gnade und Hilfe zu ersuchen. Darin erfolgreich, wird er zum leuchtenden Stern am Himmel erhoben, um fortan die Geschicke auf Erden – maßgeblich gelenkt von den Nachkommen seiner beiden Söhne – zu beleuchten.10

Die lang erwartete Geburt, vorhergesagt und markiert durch das Bild des Sterns, die Flucht im Kindesalter, die Mittlerrolle auf Grund zweier „Naturen“ (Elb und Mensch) in einer Person und schließlich die verwandelte Gestalt zu einem Hoffnungszeichen auf ewig: Vergleichspunkte zu Christus gibt es genug.

Earendil – mehr als eine Kopie?

Aber Earendil ist nicht Christus. Eine solche allegorische Lesart wäre nicht nur grundsätzlich gegen Tolkiens Intention.11 Der Text selbst verrät bereits die Unmöglichkeit einer Gleichsetzung: Earendil ist nicht der Sohn Gottes. Er ist keine Inkarnation des Logos. Earendil ist auch – das mag der entscheidende Punkt sein – kein Erlöser: Durch sein Bitten wird die Erlösungshandlung in Bewegung gesetzt, aber mehr als Auslöser und Beschleuniger ist Earendil nicht. Gott bleibt es vorbehalten, zu erlösen. Außerdem, so Tolkiens eigene Interpretation, bezieht sich die angelsächsische Vorlage nicht auf Christus oder – so eine weitere Deutung – Maria, sondern auf Johannes.12

Earendil ist aber auch nicht Johannes. Earendil ist niemand anderes als Earendil. Inspiriert von einem adventlichen Text, aber keine billige (oder auch wertvolle) Kopie, kann er jedoch als literarische Figur ein Impuls für den Advent sein: Ein Licht in dunkelster Not, das Hoffnung verheißt. Hoffnung und ein unerschütterliches Vertrauen darauf, dass Reue, Buße und Bitten nicht ins Leere gehen, sondern ihre unbedingte Antwort in Gott erwarten können. „Es kommt ein Schiff geladen,“ (GL 236) möchte man über den Seefahrer Earendil singen und er ist mindestens so sehr eine „Sonne der Gerechtigkeit“ (GL 481). In diesem Bild nennt ihn denn auch der letzte Vers in Tolkiens großem Gedicht den „Flammifer of Westernesse.“13

Hashtag: #oEarendil


(Beitragsbild: @Brendan Miranda)

1 J.R.R. Tolkien: The Lord of the Rings/Der Herr der Ringe; HarperCollins Publishers/Klett-Cotta; II,1. (Angesichts der unzähligen Ausgaben der Werke Tolkiens werden Zitate hier und im Folgenden mit Werktitel, ggf. Titel/Nummer des Buches und Nummer des Kapitels angegeben. In diesem Fall also das erste Kapitel [Many Meetings/Viele Begegnungen] in Buch 2 des Herr der Ringe. Aus demselben Grund werden auch nur der englische und ggf. deutsche Titel und das jeweilige Verlagshaus ohne weitere Angaben genannt.)

2 Vgl. Der Herr der Ringe; I,9.

3 Vgl. Ebd.; II,2.

4 Vgl. J.R.R.Tolkien/Humphrey Carpenter (Hg.): The Letters of J.R.R. Tolkien/Briefe; HarperCollinsPublishers/Klett-Cotta; Brief Nr. 131.

5 Vgl. Briefe; post-scriptumzu Brief Nr. 165. Für den Einfluss der Kriegserlebnisse auf Tolkien, siehe John Garths ausführliche Untersuchung über Tolkiens Kriegsjahre: Tolkien and the Great War/Tolkien und der Erste Weltkrieg; HarperCollinsPublishers/Klett-Cotta.

6 Vgl. Briefe; Brief Nr. 297.

7 Vgl. J.R.R. Tolkien: The Silmarillion/Das Silmarillion; HarperCollinsPublishers/Klett-Cotta;Quenta Silmarillion, 20.

8 Vgl. Das Silmarillion; Quenta Silmarillion, 23.

9 Vgl. Ebd.

10 Vgl. Das Silmarillion; Quenta Silmarillion, 24.

11 Vgl. Tolkiens Gedanken zu allegory in seinem für die zweite Auflage, sowie alle Folgenden, revidierten Vorwort zum Herr der Ringe.

12 Vgl. Briefe; Brief Nr. 297.

13 Der Herr der Ringe; II,1.

 

christian trenk

christian trenk

studierte Theologie und Politikwissenschaften - unter anderem in Frankfurt und London. Nach seiner Magisterarbeit zur Frage nach dem theologischen Gehalt der Werke J.R.R. Tolkiens arbeitet er als theologischer Referent für die Arbeitsstelle der DBK für den Christlich-Islamischen Dialog.

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