Digitalität als Textualität – im Nachgang zur Tagung „Skizzen einer Theologie des Digitalen“ zeichnet Benedict Schöning diese Skizzen nach, um im Anschluss die Frage nach einer Theorie der Digitalität zu stellen.

Im Mai 2017 rief Wolfgang Beck unter dem Eindruck der gerade vergangenen re:publica nach einer Theologie, „die sich risikofreudig auf die Logik der Digitalität einlässt“, die im Hinblick auf die Digitalität intellektuell gesprächsfähig ist und produktiv irritieren kann – und mehr ist als Medienethik. Vielleicht lag in diesem Ruf die Initialzündung zur Tagung am 3. November 2018 im Frankfurter Haus am Dom. In den „Skizzen einer Theologie des Digitalen“ (bei Twitter unter #theodigital), hallten die genannten Anforderungen zumindest deutlich nach. Eine Nachlese in drei Schritten:

1. Von der Digitalität zu einer praktischen Theologie

Die Digitalisierung ist ihrer theologischen Reflexion schon einige Schritte voraus. Digitalität ist ein Zeichen der Zeit, das Kirche und Theologie zum Handeln auffordert. Vier Panels skizzierten auf der Tagung das Bild einer Kirche, die von Digitalität betroffen ist, weil Menschen digital ihr Ich konstruieren, die Gesellschaft von Digitalität geprägt ist, Digitalität neu nach Sinnstiftung fragt und Kirchen ihre Ressourcen für die Digitalität erschließen können.

Die Tagung hat gezeigt, dass Kirche mehr sein kann als Lieferantin von Medienethik. Schließlich hat sie eigene spezifische Ressourcen, die sie in die gesellschaftlichen Digitalitäts-Diskurse einbringen kann: Ihr Erfahrungswissen vom Menschen, der auf der Suche nach sich selbst ist, bietet angesichts der nun digital stattfindenden Identitätsbildung eine Orientierung. Ihre Vision einer besseren Welt tritt gegen die Gewinnmaximierung auf, auf die hin Algorithmen und künstliche Intelligenz bisher optimiert sind, und kann so das Gemeinwohl fördern. Ihre sinnstiftenden Erzählungen sind ein kritisches Korrektiv gegen technische Allmachts- und Unsterblichkeitsphantasien. Und: Kirche vertritt mit ihrer Basismetapher Reich Gottes Werte und Utopien, die die Digitalität nicht neu hervorbringen kann.

Daraus ergibt sich eine konkrete Aufgabe für die Theologie. Sie muss über die Fragen der Digitalität reflektieren, damit die Ressourcen der Kirche für die Welt und den Menschen dienstbar gemacht werden können. Dazu gehört nicht nur der Weg von der empirisch fassbaren Digitalität in die Praxis der Kirche hinein. Gleichermaßen muss vertieft und diskutiert werden, was Digitalität selbst ausmacht – denn nur dann lassen sich deren Herausforderungen adäquat bearbeiten. Weil mich dieser Schritt in die Theorie der Digitalität weiter beschäftigt hat, möchte ich über die Eindrücke aus der Tagung hinaus einen Impuls zu einem zweiten Schritt in eine Theorie der Digitalität geben.

2. Von der Digitalität zu einer Theorie der Digitalität

Eine Definition dessen, was Digitalität ist, nahm Andreas Büsch im ersten Panel vor: Digitalität sei Algorithmizität, Big Data und Computergestützte Intelligenz. Meines Erachtens kann man von diesen konkreten Ausprägungen der Digitalität weiter abstrahieren, um sie für Geisteswissenschaften methodisch greifbarer zu machen.
Hinter den drei Aspekten der Definition steht ein einendes Prinzip, dass Digitalität entscheidend von bisherigen Weltzugängen unterscheidet: Alles ist Text. Das ist keine metatheoretische Annahme derridascher Dekonstruktion, sondern eine empirische Aussage über Digitalität! Daten sind durch digitale Techniken von ihren Trägermedien lösbar und unter Erhaltung der Informationen in Text übertragbar. Jedes digitale Bild, Musikstück, Video und jede Software ist Text und daher maschinenlesbar. Ein Bild zu digitalisieren heißt in diesem Sinne, es von der Leinwand in einen äquivalenten Text zu übertragen, der auf jedem Trägermedium bestehen kann.

Solche Texte werden nicht primär von Menschen gelesen, sondern von Maschinen. Software interpretiert Texte und baut in diesem Lesevorgang die ursprünglichen Informationen aus den gespeicherten Daten wieder auf. Software selbst ist Text, der gelesen und ausgeführt wird: Sie ist Text, der Texte liest, bevor Menschen mit ihrer Hilfe Texte lesen. Menschen können diese vielschichtigen Lektüreprozesse allenfalls theoretisch nachvollziehen, müssen das aber auch nicht, um selbst lesen zu können. Allerdings verändern sich die Voraussetzungen menschlichen Lesens, denn die Strukturen der maschinellen Lektüre prägen unsere Wahrnehmung.
Der Vorteil einer solchen Perspektive auf Digitalität ist es, dass man weiterdenken kann, was schon über Textualität bekannt ist, und damit begrifflich und methodisch an Bestehendes anschließen kann. In der Digitalität gibt es auch Inter- und Metatextualität, ebenso Hyper- und Hypotexte. Es wird dort empirisch nachvollziehbar, was bisher oft abstrakte Theorie war: Lesen ist ein performativer Akt, weil man mit einer lesenden Software interagieren kann. Lesen heißt neuschreiben, weil man in die Software hineinwirkt und der Text sich verändert. Code d.h. Text muss gelesen werden, um zu wirken.

Wenn wir verstehen wollen, wie Digitalität funktioniert, stellt sich folglich die Frage, wie die neuen, digitalen Lektüreprozesse sich spezifisch vom nicht-digitalen Lesen unterscheiden. Neu ist etwa, wie Text zwischen Sender*in und Empfänger*in vermitteln kann. Text war bisher die Brücke über eine zeitliche und räumliche Lücke zwischen Autor*innen und Leser*innen. Digitalisierter Text kann nun Empfänger*in gleichzeitig und später sowie am gleichen oder anderen Ort erreichen. Weil kein Medium transportiert werden muss, kann der Text an einer beliebigen Stelle liegen, er wird im Lektürevorgang an den Ort der Leser*innen geholt, dort interpretiert und in Echtzeit lesbar.

Durch die so veränderten Lektüren ändert sich unser Zugang zur Welt insgesamt. Die geringer werdende Distanz zwischen digitaler Technik und der uns umgebenden Welt führt dazu, dass Digitalität selbst zum Weltzugang wird. Das Ich prägt sich in einer digitalen Umwelt und trennt daher nicht mehr zwischen sich und der digitalen Welt. Stattdessen greift es unter den Prämissen der Digitalität auf die ganze Welt zu.

In dieser Perspektive lassen sich die Diskurse unserer Zeit mit bekannten Methoden reflektieren, weil in ihnen die gleichen Fragen behandelt werden, wie jetzt schon in den Literatur- und Textwissenschaften, etwa nach der Leser*innenlenkung. Wenn beispielsweise Lektüren menschlicher Leser*innen in der Digitalität maschinell vorgeprägt sind, stellt sich die Frage nach der Macht über die maschinelle Lektüre. Dass diese Macht aktuell global von westlichen Monopolist*innen mit Gewinnabsichten ausgeübt wird, muss Theologie zur postkolonialen Dekonstruktion der digitalen Lektüren provozieren. Globalisierung heißt in der Digitalität Re-Kolonialisierung durch eine dominante Kultur mit erneuten Toten und Vertreibungen – man denke an die Verfolgten Rohingya und die Rolle von Facebook bei dieser Katastrophe.

3. Sehen, Urteilen, Handeln, Repeat.

Eine Theologie der Digitalität kann in unserer Zeit adäquat für Gerechtigkeit eintreten, Machstrukturen dechiffrieren und Menschen auf dem Weg zum Reich Gottes begleiten. Den Impulsen, die die „Skizzen“ der Tagung gesetzt haben, wollte ich dazu mit dem Verständnis von Digitalität als Textualität einen weiteren hinzufügen. Diese Impulse drängen dazu, die genannten Schritte zu wiederholen: weiter in die Praxis einzuwirken und tiefer in die Theorie zu reflektieren, um als Kirche in der Welt von heute die eigenen Ressourcen fruchtbar zu machen.


(Beitragsbild @geralt)

benedict schöning

benedict schöning

ist Exeget des Alten Testaments und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Mainz. In seiner Doktorarbeit erforschte er die biblische Theologie der Geschwisterlichkeit. Ihn reizen vor allem jene Lektürezugänge zur Bibel, die abseits der bekannten Wege verlaufen.

One Reply to “Skizzen einer Theologie der Digitalität – eine Nachlese zu #theodigital”

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