In den vergangenen Wochen sind erneut unzählige Missbrauchsfälle, die durch katholische Amtsträger verübt worden sind, ans Licht gekommen. Im Umgang mit ihnen offenbaren sich tiefe kulturelle Brüche innerhalb der katholischen Kirche. Bruno Hünerfeld ordnet sie ein.

Mit der Wahl von Jorge Mario Bergoglio am 13. März 2013 zu Papst Franziskus ist mit neuer Intensität ein innerkirchlicher Kulturkampf ausgebrochen. Die erneuten weltweiten Enthüllungen systematischen sexuellen Missbrauchs durch Kleriker haben diesen Kulturkampf innerhalb der katholischen Kirche weiter eskalieren lassen.1

In dem Streit um die Deutung der schrecklichen Missbrauchsfälle treten kulturelle Bruchlinien innerhalb des Katholizismus offen zu Tage. Um die Opfer des sexuellen Missbrauchs und ihr Leid geht es dabei meist nicht.

Die katholische Kirche ist zutiefst ideologisch gespalten. Auch deshalb wird sie nie aus sich heraus diesen menschenverachtenden Missbrauch aufklären können und braucht eine Intervention von außen.

Dies gilt umso mehr für den Papst selbst. Franziskus ist zum ideologischen Zankapfel des katholischen Kulturkampfes geworden: Schreckensbild konservativer, traditioneller Katholik*innen und Hoffnungszeichen eines liberalen Katholizismus. Franziskus hat aber womöglich selbst an einigen Stellen des Missbrauchsskandals versagt. In den Publikationen wächst das Unverständnis. Der SPIEGEL bot vergangene Woche in seiner Titelaufmachung2 eine Zusammenstellung der Vorwürfe gegenüber dem Papst.

Sexualmoral als innerkatholische Bruchlinie

Diese kulturellen Bruchlinien und der innerkatholische Streit um Franziskus lassen sich für den Außenstehenden vielleicht am besten mit einem Blick auf den Streit um die Sexualmoral verstehen.

Erinnern wir uns an Amoris laetitia und die Frage, ob kirchlich unverheiratete Paare am kirchlichen Leben einschließlich des Sakramentenempfangs teilhaben können. Die „Dubia“ der vier Kardinäle warnten anschließend vor einer veränderten Ehe- und Sexuallehre.

Im aktuellen Streit um die Deutung des massenhaften Missbrauchs rückt die katholische Abwehr gegenüber Homosexuellen in den Mittelpunkt. Weihbischof Eleganti aus Chur oder Kardinal Burke meinen, weil Priester mehrheitlich männliche Schutzbefohlene vergewaltigt haben, seien Homosexuelle als Hauptschuldige auszumachen. Der Vorwurf wendet sich aber auch gegen Franziskus, der dies nicht sagt, sondern immer wieder den „Klerikalismus“ als Hauptproblem der Kirche darstellt.

Diese schnellen Versuche, Homosexualität und Missbrauch in einen inneren Zusammenhang zu stellen, lehnt die letzte Woche vorgestellte Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz eindeutig ab. Sie warnt vor „monokausalen Erklärungen“, verweist auf die „erhöhten Kontaktmöglichkeiten von Klerikern zu männlichen Kindern oder Jugendlichen“ und deutet auch an, dass der Zölibat für Kandidaten „mit einer unreifen und abgewehrten homosexuellen Neigung als Lösung innerpsychischer Probleme erscheinen“3 kann. Insofern muss die für die katholische Kirche spezifisch hohe Anzahl männlicher Opfer auch von den besonderen Strukturen der katholischen Kirche erklärt werden. Die Aussagen der Bischöfe Eleganti und Burke sind so weniger ernstzunehmende Analysen der schrecklichen Missbräuche als vielmehr Ausdruck einer homosexualitätsfeindlichen Gesinnung.

Auch die aktuellen hochemotionalen Debatten um den Zölibat zeigen, in welchem Umfang Sexualität und Sexualmoral eine kulturelle Bruchlinie im Katholizismus markieren. Aber warum ist das so? Warum streiten Katholik*innen so vehement um den Sex? Dazu drei Perspektiven zum Verständnis:

Perspektive I: Identitätsmarker des Kulturkatholizismus

Der in den USA lehrende Kirchenhistoriker Massimo Faggioli sieht in Franziskus insofern den ersten „post-konziliaren“ Papst, als sich in ihm im Sinne von Gaudium et spes eine Zeitgenossenschaft der Kirche zur Welt offenbart.Franziskus tritt mit der ganzen Gestaltung seines Pontifikats in einen Dialog mit der Gegenwart ein, der die spätestens seit Aufklärung und französischer Revolution bestehende Kluft der Kirche zur gegenwärtigen Moderne zu überwinden hilft.5 Franziskus bejahe den säkularen Staat6 und eine „nachkonstantinische“ Kirche der Armen, die ihre Rolle in der Welt überdenkt.7 Damit fällt er aber bei jenen Katholik*innen in Ungnade, die ihr Christsein kulturell-konservativ definieren – und sich in ihrer Ablehnung der Moderne noch unter den Pontifikaten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ihrer eigenen Wahrnehmung nach in der katholischen Kirche aufgehoben sahen. Franziskus‘ Gang hin „zu den Rändern“, sein Einsatz für Flüchtlinge, seine umweltpolitischen Forderungen haben ihn von jenem „Kulturkatholizismus“ völlig entfremdet. Heute definiert sich dieser „Kulturkatholizismus“ wesentlich über lebenspolitische Themenstellungen8 (Abtreibung, Sterbehilfe, Schutz der Familie, Ablehnung von Homosexualität etc.).

Wenn wir Faggioli weiterdenken, dann ist die überkommene Haltung zur Sexualität Identitätsmarker jenes Kulturkatholizismus.

Perspektive II: Sexualität als Persönlichkeitsrecht

Diese als Identitätsmarker dienende Sexualmoral ist aber mit der modernen Auffassung menschlicher Autonomie, die die westliche Welt seit der Aufklärung begleitet und die die Kirche bis zum II. Vaticanum mit aller Macht bekämpfte, unvereinbar. Gegen den Bonner Dogmatiker Karl-Heinz Menke hält der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet ein flammendes Plädoyer für die menschliche Autonomie und sieht die menschliche Sexualität im Selbstbestimmungsrecht des*der Einzelnen aufgehoben.9

In der theologischen Auseinandersetzung ruft die Freiheitsthese von Magnus Striet Probleme hervor, weil man u.a. neu nach dem Bedeutungsgehalt von Offenbarung fragen muss, wenn der Mensch in moralischen Fragen radikal autonom gedacht wird. Dies zu diskutieren, ist hier nicht der Ort. Von Interesse ist hier der empirische Gehalt und da hat Striet völlig recht, denn er gibt das Lebensgefühl auch vieler Katholik*innen wieder: Wenn Sexualität als Persönlichkeitsrecht beschrieben wird, dann ist sie Teil der menschlichen Würde und entzieht sich damit immer mehr den bisherigen Vorstellungen kirchlicher Normierungsmöglichkeit.

Perspektive III: Im Spielraum des Denkens?

Als drittes bietet die Sexualmoral die scheinbare Möglichkeit, Franziskus lehramtliche Stricke zu legen. Der Münsteraner Dogmatiker Michael Seewald zeichnet nach, wie 1992 durch den neuen Katechismus der Dogmenbegriff erweitert worden ist,10 und damit der Bereich der unfehlbaren Lehre enorm vergrößert und der Spielraum für Wandel verengt worden sei. Man kann das gerade auch angesichts der Missbrauchsfälle nicht kritisch genug sehen: Wo der Spielraum des Denkens verengt wird, da schwindet auch der theologische Mut, die sakrosankten Strukturen der Kirche danach zu befragen, inwieweit sie Missbrauch fördern. Für die Gegner*innen von Franziskus bietet aber genau jenes erweiterte Unfehlbarkeitsverständnis trotz vieler theologischer Bedenken die gefühlte Möglichkeit, viel von ihrem Verständnis der katholischen Sexualmoral mit dem Siegel „unfehlbar“ einzunisten und gegen möglichen Wandel zu immunisieren. So erstaunt es auch nicht, dass die mittelalterliche Rechtsfigur des „Papa haereticus“ auf rechtskatholischen Internetseiten offen ins Spiel gebracht wird, um Franziskus jegliche Legitimität abzusprechen. Massimo Faggioli sieht im Zusammenhang mit der Viganòaffäre offen schismatische Tendenzen, insbesondere im Katholizismus der USA.

Und doch, Franziskus muss reden

Die Angriffe auf Franziskus aus dem konservativen Katholizismus sind immer auch von diesem „Kulturkatholizismus“ zu verstehen, der sich nie mit dem modernen Autonomiedenken versöhnt hat. Für dieses neue Autonomiedenken steht paradigmatisch die selbstbestimmte Sexualität. Die gemeinsame Ablehnung dieses Autonomieverständnisses ist für diesen „Kulturkatholizismus“ identitätsgebend und bietet zugleich die Möglichkeit, Franziskus theologisch-dogmatisch zu attackieren, auch wenn die Schritte, die der Papst in diesem Bereich tatsächlich gegangen ist, minimal sind.

Franziskus selbst hat womöglich im Blick auf die Missbrauchsfälle an verschiedenen Stellen versagt. Doch der innerkirchliche Umgang mit ihm ist momentan wesentlich von diesem innerkirchlichen Kulturkampf her zu verstehen. Franziskus hat nur eine Chance: Er muss endlich reden und wo eigenes Versagen war, dies eingestehen. Denn angesichts der Opfer sexuellen Missbrauchs geht es nicht mehr um die Kirche, und auch nicht mehr um den Papst. Es kann nur um die Menschen gehen und das von Kirche ihnen zugefügte Leid.

Hashtag: #kulturkampf


(Beitragsbild: @galen_crout)

1 Der Kolumnist der New York Times Ross Douthat spricht z.B. von „civil war“.

2 Vgl. DER SPIEGEL, Heft 39/2018.

3 MHG – Studien: Zusammenfassung (Version 13.08.2018), S. 9. Online abrufbar unter https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/dossiers_2018/MHG-Studie-Endbericht-Zusammenfassung.pdf (27.09.2018).

4 Vgl. M. Faggioli (2017), Catholicism and citizenship, e-BooK: Kapitel 1.1 „Francis, the Religious Orders, and the Interpretation of Vatican II.

5 Vgl. Ebd.: Kapitel 3 „Introduction“.

6 Vgl. Ebd.: Kapitel 4.3 „The Established Church in the Post-Vatican II Period an in Pope Francis“.

7 Vgl. Ebd.: Kapitel 4.4 „The „Brave New World“ and the Established Church“.

8 Vgl. Ebd.:Kapitel 6.2.3 „A Church Beyond the Political-Ideological Ailgnments“.

9 Vgl. M. Striet (2018), Ernstfall Freiheit, 72: „Was geliebt wird, und: was nicht in die Freiheitsrechte anderer eingreift und was in der Instanz der formal unbedingten Freiheit um der anderen Person willen unbedingt gewollt ist, darf gelebt werden.“

10 Vgl. M. Seewald (2018), Dogma im Wandel, 45f., auch: 257f.

dr. bruno hünerfeld

dr. bruno hünerfeld

ist Priester der Erzdiözese Freiburg. Studium in Frankfurt und Freiburg im Breisgau. Seit 2017 mit einem Habilitationsprojekt an der Ruhr-Universität Bochum betraut.

One Reply to “Kampf um Franziskus”

  1. Ich glaube kaum, dass konservative Katholiken etwas dagegen haben, dass Franziskus zu den Armen geht, dass Schutz der Umwelt und auch andere politische Themen wichtig sind. Hat nicht eher die liberale Theologie zu wenig deutlich machen können, aus welcher Motivation heraus der Christ so handelt? Die Predigten zu Umweltschutz, Aufnahme von Flüchtlingen und das Gehen zu den Armen muten mir immer eher sehr moralisch und mit erhoben Zeigefinger an. Darin unterscheiden sich die „Liberalen“ kaum von den „Konservativen“ lediglich die Themen sind andere. Und die liberalen Themen unterscheiden sich kaum von denen der politischen Parteien. Um sich für Umweltschutz, Flüchtlinge und die Armen einzusetzen, braucht es zunächst mal keinen Gott. Die Menschen fragen sich doch: Warum soll ich mir für diese Themen ausgerechnet in der Kirche engagieren, wenn das doch meine politische Partei und andere Vereine bereits tun. Die Antwort des Christen kann doch nur die Gottesliebe sein: Ich tue etwas für meine Mitmenschen, weil Gott mir die Kraft und die Liebe dazu gibt. Und hier kommen meiner Meinung nach die von der liberalen Theologie vernachlässigten Themen der Sakramente wieder ins Spiel, die von jeher die Berührung Gottes mit den Menschen sind: Ich bin sicher, wer die Erfahrung gemacht, in der Eucharistie das übernatürliche Brot vom Himmel bekommen zu haben, der wird dafür sorgen, seinem Nächsten auch das irdische Brot zu geben. Wer in der Beichte die Erfahrung der Vergebung Gottes gemacht hat, dem wird es auch zwischenmenschlich leichter fallen zu vergeben, denn er kennt seine eigenen Fehler und seine eigene Schwachheit. Wer in Firmung und Taufe die Erfahrung der Segnung und Heilung durch den Heiligen Geistes gemacht hat, der wird auch auf andere Menschen segnend und heilend wirken. Auf diese Erfahrung setzen die Charismatiker und Gebetshäuser – weltweit erfolgreich!

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