Ein Kurzkommentar der Redaktion von y-nachten.de zu den vorab veröffentlichten Ergebnissen der Studie: „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“.

Seit Mitte der Woche lassen sich erste Ergebnisse der sogenannten „Missbrauchsstudie“ der Deutschen Bischofskonferenz online nachlesen. Diese wurde zunächst 2011 in Auftrag gegeben, nach Differenzen zwischen dem ursprünglich vorgesehenen Forschungsinstitut und den Vertretern der katholischen Kirche kam es 2013 zunächst zum Abbruch. Ab dem Jahr 2014 erfolgte der zweite Anlauf unter neuer Leitung.

Vorgestern berichteten u.a. der Spiegel und die Zeit vorab über die Ergebnisse — „vorab“, da die Bischofskonferenz den Bericht erst in einigen Wochen vorstellen und durch seelsorgliche Angebote einrahmen wollte. Dieses geplante Vorgehen hat — bei allem guten Willen — einen bitteren Beigeschmack. Zu sehr erweckt es den Anschein, die Ergebnisse der Studie erst intern besprechen und medial aufbereiten zu wollen, bevor die Öffentlichkeit mit einer erneuten Welle halbtheologischer Floskeln beruhigt werden soll. Auf die vorzeitige Veröffentlichung reagierte die DBK via Presseerklärung entsprechend pikiert. Bischof Dr. Stephan Ackermann äußerte zuerst sein Bedauern über den Informations-Leak und kommentierte erst im Anschluss daran den Inhalt der Studie.

Es zeigt sich einmal mehr, dass die Kirche versucht hat, alles zu kontrollieren, und nun doch die Kontrolle verloren hat. Insofern sind die vorab erschienenen Berichte über die Studie, die von öffentlichem Interesse ist, nicht zu bedauern, sondern zu begrüßen. Von dieser öffentlichen Durchkreuzung eigener Pläne können die kirchlichen Vertreter lernen: Das Vertuschen, die heimlichen Deals und Entscheidungen hinter geschlossenen Türen müssen ein Ende nehmen. Empirische Studien über schwere Straftaten von Kirchenvertretern gehören eben nicht hinter die Mauern der jahrtausendealten Institution, die es bisher immer noch geschafft hat, ihren Triumphalismus kaum durch eigene Verfehlungen irritieren zu lassen. Bischofsmütze, Ornat, Collarhemd und jede noch so schön zurechtgerückte Offenbarungstheologie schützen jedoch nicht vor Strafverfolgung und menschlicher Moral.

Als Redaktion von y-nachten.de, als Menschen, die sich öffentlich mit katholischer Theologie beschäftigen, sich selbst mit der katholischen Kirche identifizieren und mit ihr identifiziert werden, bleiben wir sprach- und fassungslos: über das Ausmaß der Verbrechen, die unter dem Schutzmantel der Kirche verübt wurden, über das Leid der Kinder und ihrer Familien, verursacht von einer Institution, die Glaube, Hoffnung und Liebe wecken soll.

Dieses Unrecht lässt sich nicht entschuldigen und schon gar nicht wieder gut machen.

Die vergangenen Wochen haben darüberhinaus gezeigt, dass die verheerenden Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen Kirche keineswegs ein binnendeutsches, sondern vielmehr ein globales Problem sind und daraus werden Konsequenzen zu ziehen sein: „Die Weltkirche wird sich grundlegend ändern müssen“, stellt P. Klaus Mertes fest und fordert eine viel stärkere Gewaltenteilung innerhalb der kirchlichen Strukturen.

Strukturelle Konsequenzen werden die eine Seite sein, theologische die andere: Als Theolog*innen sehen wir uns dazu verpflichtet, nicht zu schweigen, sondern zu hinterfragen. Zu hinterfragen gilt es vor allem eine Theologie, auf deren Grundlage die Institution Kirche mit ihrer ausgeprägten Form des Klerikalismus und ihren sakrosankten Machtstrukturen steht.

Diese Kirche und diese Theologie haben versagt.


(Beitragsbild: @wistomsin)

One Reply to “Sexualisierte Gewalt und das Versagen der Kirche”

  1. Liebe Redaktion,
    Gut, dass Ihr so klare Worte findet!
    Dass es hier um mehr geht als um schreckliche Verfehlungen einzelner, dass wir ein systemisches Problem haben, dämmert ja auch manchen Verantwortlichen i. d. Kirchen…Und dass diejenigen, die sich in diesem problematischen System nach oben gearbeitet haben, nicht die Deutungshoheit über die eigenen blinden Flecken beanspruchen können, sondern einen Kontrollverlust hinzunehmen haben, das werden die Bischöfe lernen müssen zu akzeptieren. Leider wird es nicht an machtvollen Versuchen mangeln, die das Heil in autoritär-rückwärtsgewandten Reinheitsvorstellungen und der aggressiven Abwehr der ’schlechten Welt da draußen‘ suchen. Wer da wie Ihr radikal kritisiert ohne die Kirche gleich ganz abservieren zu wollen, hat sich keine banale Aufgabe gestellt.

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