Derzeit gibt es innerhalb der katholischen Kirche eine wiedererstarkende Missionsbewegung, teils begeistert aufgenommen, teils skeptisch beäugt von Katholik_innen. Aber wie geht es Leuten damit, die das Ziel dieser Missionsbewegung sein sollen? Die jüdische Bloggerin Sarah Egger stellt ihre Perspektive dar.

Einige Rahmenbedingungen machen es schwierig, als Jüdin über Mission zu schreiben. Zum einen hält sich meine Religion grundsätzlich aus der Theologie anderer Religionen raus. Wir haben nur den „richtigen Weg“ für uns Jüd_innen, aber wir maßen uns nicht an, anderen eine Wahrheit aufs Auge zu drücken. Nichtjüd_innen haben einen Platz in Gottes Schöpfung, ja, sie haben es sogar einfacher als wir, ein gottgefälliges Leben zu führen: Sie brauchen sich nur an die sieben noachidischen Gebote zu halten und das Ding ist geritzt. Wir dagegen müssen 613 Mitzvot befolgen. Happy Auserwählung!

Zum anderen umfasst der Begriff „Mission“ eine Menge an Bedeutungen. Er kann auf ganz unterschiedliche Weisen interpretiert und angewendet werden.

Wenn ich mich zu diesem theologischen Herzstück des Christentums äußere, dann nur, weil es auch nach außen zielt und so die Lebensrealität von uns Jüd_innen beeinflusst. Ich beziehe mich hier nur auf die Art von Mission, die mir die Haare aufstellt. Ich weiß, ihr könnt es besser: Es gibt verschiedene Ansätze, Mission zu denken, die durchaus Positives bewirken können. Zum Beispiel wenn Brunnen gebaut werden, die allen Leuten einer Dorfgemeinschaft zugutekommen, ob sie getauft sind oder nicht.1 Mission wird hier eher als Regionalentwicklung verstanden. Aber letztlich ist die Entwicklung christlicher Theologien keine jüdische Sache – ich kann nur aufzeigen, wo in meiner Sicht Grenzen verletzt werden.

Missionserfahrung 1: Mein Heil ist Dein Heil

Eine der Erfahrungen, die ich mit christlicher Mission gemacht habe, ist Folgende: Ich stehe am Stand des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, am jüdischen Straßenfest der Israelitischen Kultusgemeinde. Ein hagerer Mann pflügt durch die Menge auf mich zu. Interessiert erkundigt er sich nach unserer Arbeit und fragt, ob ich jüdisch bin. Als ich bejahe, fängt er auf einmal ungefragt an, von seinem Bekehrungserlebnis zu berichten. Christus habe sein Leben verändert, es gäbe kein Heil außer ihm, undsoweiterundsofort. Ich versuche ihm beizubringen, dass es mir gut geht und meinem Leben nichts fehlt – und wenn, dann sicher nicht Jesus. Schließlich trollt er sich, nicht ohne mir einen skeptischen Blick zuzuwerfen. Mein Herz rast noch minutenlang, ich fühle mich sehr unwohl.

Was ist hier passiert?

Ich bin mit meiner Religion aufgewachsen. Ich war als Kind jeden Freitag in der Synagoge in einem bunten, internationalen Umfeld. Zuhause haben wir jiddische Lieder gesungen (nicht weil wir Jiddisch könnten, eher weil meine Mutter eine Phase hatte). Ich liebe vieles am Judentum: Man soll hinterfragen, prüfen, kreativ sein und lernen. Es gibt viele weise Geschichten und mitreißende oder auch herzzerreißende Lieder; das liberale Judentum feiert die Gleichstellung der Geschlechter und einen Pride Gottesdienst jeweils vor der Pride Parade.

Und dann kommt jemand daher und meint, das ist nicht gut genug. Es gibt kein „Heil“ (was auch immer das heißen soll; es gibt christliche Begriffe, die nicht in meinem Wortschatz auftauchen) außerhalb dessen, was er als „Heil“ erfahren hat. Er lässt mich nicht meine eigenen Erfahrungen haben, meine Liebe zu meiner eigenen Religion gilt ihm nichts. Das fühlt sich schrecklich an. Zu meinen, dass bloß weil das Christentum für einen selber das Richtige ist, es für alle das Richtige sein muss, ist ein klarer Fall von „Gut gemeint ist nicht gleich gut.“

Störend war auch, dass der Mann passioniert zu bekennen begonnen hat, ohne dass ich ihn gefragt hätte. Es spricht ja nichts dagegen, einander etwas darüber zu erzählen, warum man gern der eigenen Religion angehört. Aber nur wenn das Gegenüber fragt. Mich fragen öfter Leute etwas über das Judentum und ich antworte gern. Mich interessieren auch viele Details am Christentum, und dann erkundige ich mich natürlich bei Christ_innen. Aber das ist eben Dialog – ein Gespräch auf Augenhöhe, bei dem es nicht um eine Bekehrung geht.

Missionserfahrung 2: Ich erkläre Dir Deine Bibel

Ein weiteres Erlebnis, das ich mit christlicher Mission hatte, war Folgendes: Bei einer Veranstaltung, die ich mit organisiert hatte, kam eine Frau auf mich zu und meinte, dass doch mit dieser und jener Stelle im Alten Testament nur Jesus gemeint sein könne. Ich versuchte ihr zu erklären, dass es logisch ist, dass es für sie danach aussieht – immerhin liest sie die Stelle gemäß einer langen Tradition von Hindeutungen auf Jesus. Für mich dagegen sei es ebenso logisch, dass der Text nicht das Geringste mit Jesus zu tun habe, weil meine Auslegungstradition etwas ganz anderes sagt. Zwischen uns brach zunehmend Verzweiflung aus. Schließlich sagte sie flehend: „Denken Sie doch einmal drüber nach!“ Das wars. Ich drehte mich auf dem Absatz um und ging. Den ganzen Abend war ich noch aufgewühlt.

Was ist hier passiert?

Es wäre ok für mich gewesen, wenn wir festgestellt hätten, dass wir uns aufgrund unserer verschiedenen Religionen nicht auf dieselbe Deutung einer einzigen Textstelle einigen können. Aber das „Denken Sie doch einmal darüber nach!“ ging zu weit. Sie konnte mich nicht so annehmen, wie ich bin, sie wollte mich überzeugen. Sie wollte meine Ansichten nicht wirklich kennenlernen, sie wollte sie verändern. Ich fühlte mich als denkender, glaubender Mensch nicht wertgeschätzt, sondern hatte den Eindruck, die Frau betrachtete mich bloß als weitere Seele, die sie auf den für sie rechten Weg führen wollte.

Das Unbehagen der Mission

Wenn ich also höre, dass es eine erstarkende christliche Missionsbewegung gibt, krampft sich erstmal mein Magen zusammen. Mag sein, dass Mission als Neuevangelisierung von Taufscheinchrist_innen betrieben wird. Mag sein, dass Mission eine Haltung von „Du fehlst mir“ dem_der Anderen gegenüber ist. Mag sein, dass Mission Schulen und Brunnen baut und dass die Kreuzzüge lange zurückliegen. Aber ein Text wie das von hochrangigen Klerikern in den Himmel gelobte „Mission Manifest“ ist für mich ein Punkt um den anderen cringeworthy.

Es ruft dazu auf, auf alle Menschen zuzugehen, bewegt von der Sehnsucht, dass sie sich zum Christentum „bekehren“. Wenn „zugehen“ das bedeutet, was ich bis jetzt an Missionsversuchen erlebt habe, dann danke vielmals. Die Initiatoren (alles Männer) haben nach eigener Angabe keine Scheu, um die Bekehrung ganzer Völker zu bitten. Sie trauen sich in letzter Konsequenz also, für die Auslöschung des Judentums zu beten, für das Ende unserer alten, geliebten, besonderen Religion. Mir fehlen die Worte. Dass sie hinzufügen, die Mission solle aber ohne Zwang und Gewalt vonstattengehen, ist alles andere als beruhigend. Soll ich jetzt dankbar sein, dass man nicht vorhat, mir den Schädel einzuschlagen? Haben die Verfasser den Passus eingefügt, weil sie schon selbst den Eindruck hatten, man könnte das Manifest als Aufruf zur Gewalt lesen?

„Doch im treuen und freudigen Zeugnis für Jesus erstrahlt auch aus Leiden und Widerständen eine Schönheit, die früher oder später fruchtbar wird“,

schreiben sie. Die Schönheit meines Widerstands könnt ihr haben.

Hashtag: #vermissioniert


(Beitragsbild: @ayahya09)

1 Wasser holen ist in einigen Ländern Hauptaufgabe der Frauen. Wenn diese mehrmals täglich kilometerweit gehen müssen, um Wasser für ihre Familie zu holen, leidet zwangsläufig ihre Schulbildung darunter. Die YouTuberin Michelle Khare hat ein sehenswertes Video zu diesem Thema gemacht.

sarah egger

sarah egger

ist progressive Jüdin aus Wien, hat lange im interreligiösen Dialog gearbeitet und schreibt auf ihrem Blog Davidssplitter über ihre katholisch-jüdische Liebesbeziehung und die merkwürdigsten Auswüchse interreligiöser Dialogbemühungen. Aber eigentlich geht es um Essen und Einkaufen.

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