Während die deutsche Politik über ihr Asylrecht debattiert – und die katholische Kirche über einzelne Fußnoten in päpstlichen Dokumenten -, ertrinken im Mittelmeer hunderte Menschen. Samuel Dekempe appelliert an Theologie und Kirche, sich endlich entschiedener damit zu befassen.

Neulich habe ich einen Kommentar der „tagesschau“ gesehen. Dort berichtet die Journalistin Isabel Schayani, dass sie von einem Mann aus Syrien gefragt wurde, der vor zwei Jahren nach Deutschland geflohen ist, wie lange er in Deutschland denn Flüchtling sei und wann er zum Mensch werde. Dieser Kommentar hat mich – als Theologen – zum Nachdenken gebracht. Flüchtling, Afrikaner, Syrer, Muslima. Immer mehr fällt es mir auf, wie wir Menschen in Schubladen und Kategorien einteilen, um – vielleicht – der Wirklichkeit zu entfliehen.

Wirklichkeit. Was ist das überhaupt? Theologie und Philosophie versuchen, sie zu erschließen, und auch Kirche und Religionen haben die Aufgabe, dieses seltsame Konstrukt zu deuten. Um es zu deuten, können wir Theolog*innen uns aber nicht auf Aristoteles, Platon, Augustinus oder Thomas von Aquin verlassen – diese theologisch-philosophischen-Googles der Antike und des Mittelalters, die manchmal in der Theologie gebraucht werden, um den eigenen Denkapparat hinten anzustellen, und stattdessen einfache, schon gedachte Lösungen zu bekommen. Wirklichkeit zu deuten, heißt, sich der Wirklichkeit zu stellen. Und die findet sich nicht in den verstaubten Unibibliotheken, deren Bücher nach torfigem Whiskey riechen. Die Wirklichkeit findet sich derzeit auf dem Mittelmeer, an den abgeschotteten Grenzen dieses christlich geprägten Kontinents.

Ja, und auch ich muss zugeben: Auch ich sitze gerade hier, schreibe diesen Artikel und bin nicht wenigstens auf einer Demonstration gegen dieses europäische Bollwerk. Die 50 Zentimeter zwischen meinen Augen und meinem Laptop sind gerade meine Wirklichkeit – die, über die ich hier versuche zu schreiben, spielt sich in meinem Kopf ab. Der Mut zu handeln – fehlt auch mir.

Klar, man könnte jetzt erwidern: Das Theologiestudium ist doch schon viel praktischer, es müssen Pflichtpraktika gemacht werden und so weiter und so fort. Natürlich, aber ändert das etwas an unserer abstrakten Theologie? Ich glaube nicht. Wir Theolog*innen denken, wir wüssten über alles Bescheid, weil wir uns jahrelang mit diesen Themen beschäftigt und unseren Horizont erweitert haben – kann sein, aber der Horizont kann sich nur erweitern, wenn wir auf den Horizont zugehen.

Ein Beispiel: Seit Wochen, ja Monaten lese ich nur noch von Kommunionsstreit hier, Kommunionstreit dort. Die Kirche und Theologie hat sich damit schon wieder mit ihrem eigenen Saft angefreundet. Dieses warme, wohlige Gefühl, in das man sich so schön betten kann. Eine Handreichung später hat man sich auf einer Tagung, bei lecker Hackbraten, wieder vertragen. In dieser Zeit sind wieder tausende Menschen im Mittelmeer ertrunken und Kirche und Theologie haben es vertan, sich dieser Wirklichkeit zu stellen. Einigen Wenigen, die seit Jahren die Flüchtlingspolitik kritisieren und die Stimme für die Leidenden erheben, wie dem Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, fehlt dadurch die Macht der Masse und Einigkeit, um in den humanitären Fragen mehr Durchschlagskraft zu erlangen.

Der Gründer und Leiter des Gebethauses Augsburg, Johannes Hartl, der die Aufmerksamkeit einer immer breiteren Öffentlichkeit genießt, ist sogar der Meinung, dass sich die Kirche zu sehr mit politischen Themen beschäftigt: „Von mir aus darf sich die Kirche gerne zu allen möglichen politischen Themen äußern, aber bitte in einem Verhältnis von 1:99. In 99 Fällen sollte sie das Evangelium verkündigen, und dann darf sie gerne auch in einem Fall über Politik sprechen“, sagte er in einem Interview mit der evangelikalen Agentur „idea“. Und weiter: Im Neuen Testament gebe es „erstaunlich wenig Kommentare zur politischen Situation des Römischen Weltreiches unter Kaiser Nero“. Mag ja sein, aber das ändert nichts daran, welchen Einfluss Religionen, Kirchen und Theologien in der breiten Öffentlichkeit haben. Und auch die Reich-Gottes-Botschaft Jesu beschränkt sich nicht auf das Verkündigen des Evangeliums, sondern sie hat immer eine politische Dimension, die sich konkret in den Antithesen der Bergpredigt, in Feindesliebe, Gewaltverzicht und Nächstenliebe zeigt.

Aus meiner Sicht haben jene Institutionen keine andere Wahl als die Wirklichkeit zu deuten und sich damit auch der Wirklichkeit zu stellen. Dazu gehört es, laut zu sein, alte Floskeln über Bord zu werfen, seinem Gewissen zu folgen und den Mächtigen auf der Sachebene aufzuzeigen, dass die Wirklichkeit derzeit auf dem Mittelmeer stattfindet. Dazu gehört es auch, Anfeindungen auszuhalten – aber dennoch das Richtige zu tun.

Hashtag: #realesmittelmeer


(Beitragsbild: wikimedia commons)

samuel dekempe

samuel dekempe

hat in Freiburg Theologie studiert. In seiner Magisterarbeit hat er sich mit dem Verhältnis von Kirche und Medien beschäftigt, danach eine journalistische Ausbildung gemacht und dann als freier Journalist für Deutschlandfunk und SWR gearbeitet. Derzeit macht er das Referendariat zum Religionslehrer an einer Berufsschule in Überlingen und arbeitet als freier Autor.

One Reply to “Theologische Wirklichkeit auf dem Mittelmeer”

  1. 1. Gibt es für mich nur eine Realität. Diese ist für Theologen, Philosophen, Physiker, Ökonomen und nicht Studierte dieselbe. Dass alle in verschiedenen Bereichen dieser Realität leben und sie obendrein unterschiedlich interpretieren, steht auf einem anderen Blatt.
    2. Gibt es in dieser Realität unglaublich viel Elend. Nicht nur das im Mittelmeer, das uns in den letzten Jahren medial näher gebracht wird, sondern auch das der Leute, die auf dem Weg dahin in der Wüste verdursten, in ihren Ursprungsländern elend in Armut und Gewalt leben, irgendwo im Nahen Osten im Krieg oder Bürgerkrieg leben, in Afghanistan noch nie etwas anderes als Krieg erlebt haben, in Indien in Massen nackt unter der Autobahnbrücke mehr vegetieren als leben, in Nordkorea oder in der chinesischen Provinz in für uns kaum vorstellbarer Armut leben usw. usw..
    3. Hat man, wenn man diese Welt wirklich verändern will, mit Theologie vermutlich das falsche Fach gewählt. Ein Ingenieurfach, Wirtschaftswissenschaften oder Medizin wären da wohl besser.
    4. Ist in der Theologie vermutlich auch schon alles geschrieben, was dort an weltlich Revolutionärem zu holen ist, z. B. Theologie der Befreiung, Dorothee Sölle u.a..
    5. Braucht man, um konkret aus christlichem Hintergrund zu handeln, sowieso keine Theologie. Die Bergpredigt reicht. Rupert Neudeck z. B. hat mir in dieser Hinsicht imponiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und bin mit dem Speichern der angegebenen Daten einverstanden: