Ein Pfarrer, der nicht mehr an Gott glaubt, aber um des Menschen willen an seinem Beruf festhält? Was nach einem hoffnungslosen Fall aussieht, zeigt viel mehr, wie und unter welchen Bedingungen wir heute von Gott sprechen können. Annika Schmitz zeichnet sie nach.

Vor einigen Jahren geisterten zwei Namen durch die Presse: Klaas Hendrikse, niederländischer Pfarrer, und Ella de Groot, in der Schweiz arbeitende Pfarrerin, machten – unabhängig voneinander – von sich Aufsehen, als sie kundtaten, dass sie nicht an Gott glaubten. Nun wurde hier medial pointiert verbreitet, was theologisch erst einmal eingeholt werden muss und sich letztlich als vielleicht weniger dramatisch herausstellen kann als ursprünglich angenommen. Sei es drum, die Schlagzeile bleibt: Da sind Gottesmänner und Gottesfrauen, die die Existenz ihres transzendenten Arbeitgebers nicht nur bezweifeln, sondern – wohlbegründet – ablehnen.

In ebendiese recht prominente Reihe kann sich Pfarrer Koldehoff, angesiedelt in einer kleinen protestantischen Enklave inmitten der DDR, einreihen. Der fiktive Charakter Koldehoff, sowieso von enormen Zweifeln geplagt, muss zusätzlich zu seinen eigenen Glaubensproblemen irgendwie verarbeiten, dass der Kollege aus dem Nachbarort sich während eines Gottesdienstes selbst verbrannte. Darauf bezugnehmend betitelt Hartmut Lange seinen Roman sodann mit Die Selbstverbrennung1, in der die Figur des Pfarrers programmatisch äußert, die größte Geistesschwäche des Menschen sei es, „wenn man nicht erkennt, wie groß das Elend des Menschen ohne Gott ist.“2

So wagt Pfarrer Koldehoff zu sagen:

„Ich bedaure, daß ich Anlagen zum Verstand habe, denn der Verstand ist es, der uns zuletzt mit aller Sicherheit unglücklich macht. Denn was hilft es,“ fügte er hinzu, „wenn wir wissen, wir sind geboren, um unseren eigenen Verfall im Spiegel mit anzusehen. Wenn wir wissen, wie sinnlos unsere Geburt ist und doch nicht wissen, womit wir so viel Sinnlosigkeit verdient haben. Wenn wir wissen, daß wir in unserer Not einander brauchen und doch lieber aufeinander einschlagen, weil uns die Erfahrung und der inneren Einsamkeit so viel unerklärliche Angst macht.“3

Eine schmerzende Leerstelle

Nicht glauben zu können ist für Koldehoff keine Befreiung, sondern brutales Schicksal. Der Glaube bietet, was der Verstand (bei Lange als Synonym zur Vernunft verwendet) nicht bieten kann: jene Sinnhaftigkeit aufzuweisen, die sich angesichts des Weltverlaufs in Abrede stellen lässt und auf die der Mensch doch angewiesen ist, um das eigene Leben deuten zu können und nicht Marionette eines rein willkürlichen Weltgeschehens zu werden. Das schmerzhafte Wissen um die Leerstelle, die das Fehlen Gottes mit sich bringt, ist Kennzeichnen eines modernen Atheismus wie Herbert Schnädelbach ihn kennzeichnet:

Die Frömmigkeit des frommen Atheisten besteht darin, dass er nicht anders kann, als das Verlorene religiös ernst zu nehmen, und darum stört es ihn, wo es in bloße Garnitur unseres profanen Alltags aufgelöst wird. […] So ist der fromme Atheist nicht „gegen Gott“; er lehnt nichts ab, leugnet nichts und bekennt nichts Gegenteiliges, sondern er hat nicht, was der fromme Theist zu haben beansprucht – den Glauben an Gott. Der ist ihm abhandengekommen, und so weiß er, was er nicht hat.4

Ebenjene religiöse Leerstelle kennzeichnet Koldehoffs Existenz. Warum aber macht er noch weiter? Warum bleibt er Pfarrer? Seine Antwort ist eine zutiefst anthropologische:

Aber ich tue dies für die Würde des Menschen, und um etwas mehr Würde zu verbreiten, es ist kein Unglück, daß Gott nicht existiert. Aber wo der Mensch nicht mehr existiert, wird meine Tätigkeit allerdings zur Farce.5

Interessanterweise ist jene Antwort einer modernesensiblen theologischen Argumentationsstruktur gar nicht so fremd wie sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Die Zeit der klassischen Gottesbeweise ist vorbei, von Gott sprechen lässt sich nur noch im Modus einer argumentativ einzuholenden Option, welche die Autonomie des Subjekts nicht außer Acht lässt.

Wer das theologisch tun will, der muss sich an allgemein anzuerkennende wissenschaftliche Prämissen halten. Der Philosoph Holm Tetens benennt diese vor allem dahingehend, dass jedes Sprechen von Gott unter Anerkennung aller fundamentalen Prinzipien rationalen Denkens erfolgen müsse, so dass es ermöglicht wird, den Gottglauben als „eine vernünftige Hoffnung zu rechtfertigen.“6

Die menschliche Angewiesenheit auf einen Sinnzusammenhang

Nun glaubt Pfarrer Koldehoff nicht an Gott. Woran er jedoch glaubt, ist die menschliche Angewiesenheit auf einen – wie auch immer näher zu bestimmenden – Gott, oder, wem das bereits zu theologisch klingt: Koldehoff glaubt an die menschliche Angewiesenheit auf einen höheren Sinnzusammenhang.

Angesichts eines Offenbarungsverständnisses, das die Grundlagen seines Sprechens von Gott in der traditionellen Auslegung der Heiligen Schriften und den lehramtlichen Dogmen sucht, ist Koldehoffs Glaube als defizitär zu charakterisieren. Wenn man jedoch davon ausgeht, Gott sei  „in der Erfahrungswelt nur durch Menschen gegenwärtig, die bereits auf ihn hoffen und die diese ihre Hoffnung bereits als sein Wirken begreifen und bekennen“7, stellt Koldehoff eine interessante Figur dar. Dann nämlich wird sein Sprechen von Gott – trotz dessen Negierung – für den Menschen ein solches, das schon durch den bloßen Sprechvorgang bezeugt, dass das Ringen um die Existenz Gottes längst nicht abgeschlossen ist. Befriedigend mag das nicht sein. Wenn jedoch die Botschaft des Christentums die ist, dass es sinnvoll ist, an einem Gott für die Menschen festzuhalten, so bekennt sich Pfarrer Koldehoff trotz Negierung der Existenz Gottes zu ebendieser ureigentlichen Botschaft. Und steht damit mittendrin im Offenbarungsprozess.

Was nach einigen Stunden mit Hartmut Lange bleibt, ist der nagende Zahn der Ungewissheit, der der Konterpart jeglicher Glaubensgewissheit ist und der, so er denn ernst genommen wird, die Theologie dahingehend anfragt, dass sie sich ihrer eigenen Prämissen stets kritisch reflektierend annimmt. Vielleicht lässt sich so eine auch vor dem Forum der Vernunft standhaltende Annäherung ermöglichen, warum es diesen Gott doch geben und es trotz aller Widerstände sinnvoll sein könnte, an ihm festzuhalten.

Hashtag der Woche: #frommeratheismus


(Beitragsbild: @Pawel Kadysz)

1 Hartmut Lange, Die Selbstverbrennung. Zürich 1984.

2 Ebd., 121.

3 Ebd., 61.

4 Herbert Schnädelbach, Der fromme Atheist. In: Magnus Striet (Hg.), Wiederkehr des Atheismus. Fluch oder Segen für die Theologie? Freiburg im Breisgau 2008, 11-20, hier 14f.

5 Hartmut Lange, Die Selbstverbrennung, 94f.

6 Holm Tetens, Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie. Stuttgart 2015, 10.

7 Ebd., 84.

annika schmitz

annika schmitz

studierte katholische Theologie in Freiburg, Jerusalem und an der Yale University/USA. Zur Zeit promoviert sie an der Universität Wien im Bereich Literatur und Theologie. Sie ist Teil der Redaktion von y-nachten.de.

One Reply to “Herr Pfarrer, glauben Sie an Gott?”

  1. Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Vor ein paar Jahren habe ich es endlich hinbekommen, bei aller Skepsis zum Glauben an Gott zu gelangen. Mit Hilfe eines guten Theologen, allein hätte ich das nicht geschafft. Pfarrer Koldehoff wäre mir in dieser Phase bestimmt keine Hilfe gewesen, aber heute würde ich mich durchaus gern mal mit ihm unterhalten.

    Zwei Bibelstellen fallen mir hier noch ein.

    „Die Toren sprechen in ihrem Herzen: »Es ist kein Gott.«“ Ps 53,2

    „wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.“ Mt 5,22

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