Öffentlich über familiäre Streitereien reden? Na klar. Über Sex? Null problemo, wie Gordon Shumway zu sagen pflegt. Aber über Gott? Ungern. Privat. Awkward. Kann man das ändern? Vielleicht. In unserer Serie #dnkgtt fragen wir, wie Glaube heute aussehen kann. Der heutige Beitrag stammt von Uwe Habenicht.1

Warum ich keine Freude am Luxus habe? Schwer zu sagen. Vielleicht weil ich in dem alten Haus meiner Großmutter auf dem Lande aufgewachsen bin, in dem es keine Heizung gab und nur am Samstag der Badeofen angeschürt wurde. Oder auch weil ich gerne draußen bin und in der Natur nur das Notwendige Sinn macht. Warum ein Zelt mitschleppen, wenn ein Tarp ausreicht und es sowieso viel schöner ist, direkt in den Sternenhimmel blicken zu können.

Oder, und das könnte wohl die beste Begründung sein, Luxus ist langweilig. Wenn alles schon fix und fertig ist, bleibt nichts mehr zu tun. Es fehlt der Reiz, kreativ zu werden, aus Wenigem etwas zu machen, ungewöhnliche Lösungen zu finden. Das Fertige und Vollkommene braucht mich nicht. Das Fragmentarische und Unvollendete fordert mich — handwerklich, mental und auch spirituell. Könnte das der Grund sein, warum viele sonntags nicht mehr gern in die Kirche gehen? Weil sie den Eindruck haben: Meinen Beitrag braucht es nicht mehr. Das zelebrierte Glaubenssystem kommt auch ganz gut ohne mich aus.

Wonach ich suche, ist eine Spiritualität, bei der nicht schon alles festgelegt und festgefügt ist, bei der ich vielmehr einen Resonanzraum habe, in dem ich meine eigene Stimme, meinen eigenen Stil entdecken und ausbilden kann. Hartmut Rosa hat vor kurzem in seiner Resonanztheorie2 evident gemacht, dass Menschen resonanzbedürftig und resonanzfähig sind. Als Frauen und Männer sind wir wie Stimmgabeln, die darauf aus sind, andere in Schwingung zu versetzen und von anderen in Schwingung versetzt zu werden. Dieses wechselseitige zum Schwingen bringen, spüren, dass man berührt wird und andere berühren kann, bezeichnet Rosa als eine der Grundbedingungen für gelungenes Leben. Eine gute Spiritualität wäre demnach eine Spiritualität, von der einerseits berührende Impulse ausgehen und die andererseits aktiviert und neue Impulse freisetzt. Gelungene Spiritualität müsste demnach beide Pole beinhalten, dass etwas auf mich einwirkt und dass ich meiner Antwort eine eigene Gestalt geben kann und somit „zurück schwinge“.

Diese Einsichten und Grundfragen haben mich beim Nachdenken über meine minimalistische Spiritualität begleitet und inspiriert. Weiter habe ich mich gefragt: Wie könnte eine christliche Spiritualität aussehen, in der einzelne hinreichend Freiheit und Autonomie haben, eine eigene Glaubenspraxis auszubilden? Und wie wäre eine Spiritualität, die sich nicht durch Dogmen und Doktrinen einengen lässt, sondern experimentelle Freiräume schafft? Eine Spiritualität, die vom Wesentlichen, vom Essenziellen, ausgeht und dann alles andere dem*der einzelnen zutraut. Gibt es für eine solche Spiritualität bereits Vorbilder und Modelle in der Geschichte?

Michael Hampe, Philosophieprofessor in Zürich, spricht in seinem Buch „Die Lehren der Philosophie“3 von „nichtdoktrinärer Philosophie“, einer an Sokrates orientierten Weise des Philosophierens, die nicht Lehren und Dogmen vertritt, sondern Menschen in die Lage versetzt, sprachliche und gedankliche Klarheit zu gewinnen, um auf das Leben reagieren zu können. Gibt es in Anlehnung an dieses philosophische Konzept auch eine „nichtdoktrinäre christliche Spiritualität“, die einzelne und ihre unverwechselbare Lebenskonstellation ins Zentrum stellt und keine abstrakten und allgemeinen Glaubenswahrheiten?

Daran dass sich die kulturelle Matrix, in der und durch die die einzelnen ihr Leben gestalten, in der Spätmoderne deutlich in Richtung Subjekt verschoben hat, lassen auch die Studien von Andreas Reckwitz4 keine Zweifel. „Weltzugewandte Selbstverwirklichung“ nennt Reckwitz diese Ton angebende Grundhaltung, in der die einzelnen versuchen, sich möglichst viele besondere Dinge, Ereignisse und Orte anzueignen, in der Hoffnung, dass dadurch auch sie selbst zu etwas Besonderem und Authentischen werden. Profane Dinge werden „aufgeladen“, mit Wert versehen und geradezu „sakralisiert“, um sie sich anschließend anzueignen und das eigene Leben damit anzufüllen. So entsteht die unablässige Jagd auf und Kult um die besonderen und authentische Dinge und Erlebnisse, die jede und jeden zu etwas Besonderem machen sollen.

Das Modell minimalistischer Spiritualität, wie ich sie verstehe, nimmt diese spätmoderne Situation kritisch und kreativ auf, wie sich bereits an der Namensgebung zeigt. Minimalismus als Lebensstil versteht sich als bewusstes Reduzieren auf das notwendige Minimum. Konsumüberfluss und Konsumwahn sollen so überwunden und eingeschränkt werden. Verbindet sich Minimalismus mit christlicher Spiritualität, tritt jedoch ein weiteres wichtiges Element hinzu. Denn der Minimalismus an sich erliegt leicht der Gefahr, das Reduzieren auf immer Weniger als Selbstzweck zu betreiben: 10 Kleidungsstücke im Kleiderschrank sind besser als 15. Die Internet-Blogs sind voll dieser Überbietungs- bzw. Unterbietungslogik.

Minimalistische Spiritualität hingegen sieht in der Reduktion auf das Notwendige keinen Selbstzweck, sondern setzt der Reduktion das Verschwenderische der Fülle, des Fest und der Gastfreundschaft als Gegenpol entgegen. Die Fülle des Lebens zeigt sich so nicht im bloßen und quantitativen Reduzieren, sondern in einem anderen und neuen Gebrauch der Dinge. Minimalistische Spiritualität ist trotz ihrer starken Betonung der Subjektivität und der Autonomie des Menschen in der Ausbildung eines eigenen Stils nicht einseitig auf den*die einzelne*n fixiert.5 Vielmehr setzt sie der Versuchung einer weltverbrauchenden Selbstverwirklichung ein kritisches Element entgegen: Das Engagement für eine „reduktive Moderne“ (Harald Welzer), den Einsatz für das vielfältige global village des 21. Jahrhunderts. Christliche Spiritualität sucht in der berührenden Begegnung mit dem Gotteswort nach einem gelingenden Leben, das die Dinge nicht überhöhen und aufladen muss, sondern sie mit Augenmaß benutzen. „Leben mit leichtem Gepäck“ bedeutet dann, die wenigen notwendigen Dinge so zu gebrauchen, dass ich mit ihnen wie mit einem Musikinstrument umgehe. Ich kann mich mit meiner Posaune ausdrücken und meinen Stil zeigen, ich pflege sie und repariere sie, wenn sie klemmt. Und ich spiele sie — mir und (hoffentlich) anderen zur Freude.

Minimalistische Spiritualität übt sich so einerseits mit Phantasie, Leidenschaft und Disziplin im berührenden Hören auf das Gotteswort: Geh-Meditation im Freien, Achtsamkeitsübungen in der Natur, Schriftmeditation mit der von Martin Luther vorgeschlagenen Methode des vierfachen Kränzchens.6

Auf der anderen Seite arbeite ich an einem minimalistischen Lebensstil, der das Abenteuer sucht, mit wenigem auszukommen, und eine Kultur des achtsamen Gebrauchens zu entwickeln, die die Lust auf Reparieren, selber Bauen und Teilen anregt.

In all diesen Aspekte betont minimalistsiche Spiritualität die Freiheit und die Autonomie des Menschen, einen je unverwechselbaren Stil zu entwickeln — und zugleich die Gemeinschaft und den Austausch mit anderen zu pflegen, die ähnlich, gleich oder anders denken und glauben. Vorbild sind dabei für mich die Wüstenväter und Wüstenmütter, die im IV. Jahrhundert in der ägyptischen Wüste einen solchen minimalistischen Lebensstil als erste entworfen und gelebt haben. So schreibt Evagrios, einer der Wüstenväter:

„Setze dir selbst in allem ein Maß und lass nicht davon ab, bis du es vollendet hast.“


(Beitragsbild: @luthiabags)

1 Siehe dazu Uwe Habenicht, Leben mit leichtem Gepäck. Eine minimalistische Spiritualität, Würzburg 2018.

2 Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016.

3 Michael Hampe, Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik, Berlin 2. Auflage 2016.

4 Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017.

5 Sehr eindrücklich stellt Beate Rössler heraus, dass Autonomie nicht ohne Gemeinschaft zu denken ist. „Wenn das, was eine Person glaubt und für sinnvoll hält, nicht wenigstens von bestimmten Anderen oder bestimmten Gruppen ihrer sozialen Umgebung anerkannt, geschätzt, für sinnvoll gehalten wird, wenn sie sich nicht wenigstens in grundlegenden Hinsichten … als eine Person begreifen kann, … dann kann sie nicht autonom, nicht aus eigenen Gründen handeln.“ Beate Rössler, Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben, Berlin 2017, 54.

6 Uwe Habenicht, Leben mit leichtem Gepäck, 62ff.

uwe habenicht

uwe habenicht

ist verheiratet, hat drei Kinder, und arbeitet seit 2017 als reformierter Pfarrer in St. Gallen mit dem Schwerpunkt Jugendarbeit.

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