Vor wenigen Tagen zog Philipp Brutscher hier einen Vergleich zwischen dem „schleichenden Schrecken“ bei Stephen King und dem Erfolg rechtspopulistischer Bewegungen im deutschsprachigen Raum. Nun befassen wir uns mit der Einladung des AfD-Politikers Volker Münz zum Katholik*innentag 2018. Es beginnt Franca Spies mit dem „Contra“, morgen folgt Jonatan Burgers „Pro“.

Zunächst: Dass ich strikt gegen eine Einladung von AfD-Vertreter*innen auf den Katholik*innentag bin, trifft die Sache nicht ganz. Doch vor zwei Jahren hatte das ZdK die damals ausbleibende Einladung an die AfD damit begründet, bei einer christlichen Veranstaltung hätten „menschenverachtende Positionen keinen Platz“. Dennoch sah man sich nun möglicherweise dazu verpflichtet, den erfolgreichen Einzug der AfD in den Bundestag und ihr Ankommen in der Mitte der Gesellschaft mit Gesprächsbereitschaft zu „honorieren“. Insofern verstehe ich die Entscheidung. Dafür spricht außerdem, dass es für das katholische Christentum (katholisch wohlgemerkt nicht zwingend im konfessionellen Sinne) keine politischen und gesellschaftlichen quantités négligeables geben kann. Kirche setzt sich aus der Gesamtheit der Menschen zusammen, und zwar ideell und soziologisch. Dazu gehört — ob wir das nun schön finden oder nicht — die AfD.

Wieder ausladen?

Auch regt sich in mir eher Widerstand gegen das Bestreben des BDKJ, diese Einladung nun noch zurückzuziehen. Eines der wirksamsten Mittel der rechtspopulistischen Selbstinszenierung besteht darin, sich zum marginalisierten Opfer gnadenloser Strukturen zu stilisieren, und dadurch die eigene Glaubwürdigkeit für den „kleinen Mann“ gegen das „Establishment“ zu beweisen. Die AfD beherrscht dieses Spiel nur zu gut. Und ja, sie spielt es — wie Andreas Püttmann zurecht klarstellt — unabhängig von der Taktik ihrer Gegner*innen: Lässt man sie nicht mit im Sandkasten spielen, zieht sie beleidigt ab und plärrt, wie doof alle zu ihr sind; lässt man sie aber mitspielen und erklärt ihr währenddessen, dass sie die (parlamentarischen, demokratischen, rechtsstaatlichen, menschenrechtlichen) Regeln beachten muss, zieht sie beleidigt ab und plärrt, wie doof alle zu ihr sind. Insofern kann das ZdK hier fast nur verlieren. Nun ist die Einladung aber erfolgt, und diese zurückzuziehen könnte dann doch ein zu einladendes Sprungbrett hinein in das große Glück des Lamentos bieten.

Gar nicht erst eingeladen sollen haben wären gewesen? (Oder so.)

Hätte (hätte, Fahrradkette) man mir jedoch von vornherein die Entscheidung überlassen, über eine Teilnahme der AfD in Münster zu befinden, so säße dort wohl weder Volker Münz noch eine*r seiner Parteifreund*innen auf irgendeinem Podium. Ja, die Kirche muss sich wegen ihres universalen Anspruchs (s.o.) auch mit der AfD befassen. Das verpflichtet sie aber noch lange nicht dazu, eine Partei auf die Bühne der Öffentlichkeit zu bitten, die rassistisches und antisemitisches Gedankengut in den eigenen Reihen mindestens duldet (hier stimme ich dem BDKJ zu). Vielmehr entspräche es ihrer „Corporate Identity“, sich zugunsten der gesellschaftlich Benachteiligten bewusst von dieser Partei zu distanzieren. Das könnte sich etwa darin äußern, eine solche Einladung wohlbegründet auszulassen. Auch darf man m.E. nicht unterschätzen, dass gerade dem Katholizismus der Ruf anhängt, in den eigenen Reihen tendenziell autoritär zu agieren und wenig Raum für Pluralität zu lassen. Wo sich also die Möglichkeit bietet, sich katholischerseits öffentlich von identitärem Gedankengut zu distanzieren, sollte man diese „symbolpolitisch“ nicht ungenutzt lassen.

Dagegen halten!

Nun ist das Katholik*innentags-Kind in den Brunnen gefallen. Daher gilt es, mit den Tatsachen umzugehen, und die lauten: Volker Münz, selbsternannter Tempelritter und Unterschreiber der „Erfurter Resolution“, erhält in Münster eine Plattform, auf der er prominent seinen politischen Populismus und sein regressives Christentum unter die Leute bringen kann und wird. Dieser Auftritt will nun gut aufgefangen werden: Dabei sind die anderen Podiumsteilnehmer*innen und das dortige Publikum ebenso gefragt wie die mediale Arbeit des ZdK im Vorfeld und während der Veranstaltung. Gegenwind muss her! Insofern bin ich den klaren Positionierungen von Püttmann und dem BDKJ dankbar. Die Aussagen von Thomas Sternberg hingegen, er halte die AfD für „nicht so wichtig“ und habe sich auch gar nicht recht über Münz informiert, haben in meinen Augen eine katastrophale Wirkung. Hat man sich beim ZdK gut genug überlegt, wen man da einlädt, und sich auch nur kurz Gedanken darüber gemacht, wie das öffentlich anständig kommuniziert werden kann? Und was ist aus Sternbergs klarer Haltung vor dem letzten Katholik*innentag geworden?

Jedenfalls wünsche ich mir — und damit möchte ich schließen —, dass das ZdK nicht in die Unantastbarkeits- und Uniformitäts-Falle tappt, für die z.B. die deutschen Bischöfe eine Dauerkarte haben, sondern Proteste in den eigenen Reihen zulässt und seinen Medienauftritt entsprechend anpasst. Eine Presseerklärung habe ich schon mal vorformuliert:

Liebe Menschen,

wir haben uns nach langem Ringen dazu entschieden, die AfD auf ein Podium einzuladen. Der Weg dahin war ein krasser struggle, wir finden die AfD aus *insert one of the million reasons here* selber doof, aber können sie ja nun auch nicht ignorieren, nachdem sie sich zu einer festen Größe in der deutschen Parlamentslandschaft entwickelt hat. Nun schaut bitte alle fleißig bei der Veranstaltung mit Volker Münz vorbei, und erklärt ihm, dass die kruden Positionen seiner Partei nichts mit unserem Selbstverständnis als Christ*innen zu tun haben. Wir werden bei jedem Interview und Tweet zu diesem Thema dasselbe tun.

Bussi
Euer ZdK


Hinweis der Redaktion: Auf feinschwarz.net wurde die Debatte unlängst durch eine Erklärung von Theolog*innen gegen eine Teilnahme der AfD befeuert.

franca spies

franca spies

studierte katholische Theologie in Freiburg und Jerusalem. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Arbeitsbereich Dogmatik der Uni Freiburg. Sie gehört der Redaktion von y-nachten.de an.

2 Replies to “Westfälischer Friede? Die AfD auf dem Katholik*innentag (1): Contra

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