Maximilian Schultes plädiert für die Möglichkeit leidenschaftlichen Haderns mit dem Glauben, schließt eine anschließende Versöhnung aber dabei nicht aus.

„Denn wo der Glaube tausend Jahre gesessen hat, ebenda sitzt jetzt der Zweifel […], was nie bezweifelt wurde, das wird jetzt bezweifelt.“1

Galileo Galilei zum Zeitgenossen

Seit Beginn der Neuzeit ändert sich die Wissensstruktur der westlichen Gesellschaften radikal. Ehedem gültige Wahrheiten werden zunehmend problematisiert und aus ihrer Geltung entlassen. Nachdem die tradierten Weltdeutungen auf diese Weise zerbrochen sind, wird der Zweifel zum begleitenden Moment in der Existenz des Menschen. Sich dieser frühneuzeitlichen Entwicklungen bedienend reflektiert Bertolt Brecht (1898-1956) in seinem Schauspiel „Leben des Galilei“ eine Situation des Menschen, für den der Zweifel zum hermeneutischen Paradigma ersten Ranges geworden ist. Da sich die Wirklichkeit in der Wahrnehmung der Spätmoderne noch ungleich stärker als deutungsoffen und damit (beängstigend) fragil herausstellt, sind subjektive Deuteentscheidungen und -muster gerade heute einer andauernden Irritation durch die Welt ausgesetzt. Wenn der brecht‘sche Galilei in seiner Zeitdiagnose mit der Unmittelbarkeit des Zweifels eine Daseinsbedingung des spätmodernen Menschen treffend umschreibt, stellt sich deshalb in gläubiger Perspektive die Frage, wie der religiöse Zweifel unter diesen Bedingungen zu verstehen ist.

Individualismus der Verantwortung

Implizit greift Charles Taylor (*1931) Brechts Diktum in seinen Überlegungen zum „säkularen Zeitalter“ auf und formuliert damit die Bedingungen der „säkularen Gesellschaft“2: Vor dem Hintergrund einer durch Säkularisierungsprozesse bereits erfolgten und weiter erfolgenden Entzauberung der Welt sowie einer damit einhergehenden und zunehmenden Individualisierung konstituiert sich die Weltbegegnung des Subjekts in der Spätmoderne innerhalb eines „immanenten Rahmens“3. Kennzeichnend für diesen Rahmen ist die nicht notwendige Hinordnung der erfahrenen Wirklichkeit auf Transzendentes; die Welt kann – je nach individueller Perspektive – entweder als abgeschlossen oder als für Transzendenzbezüge offen interpretiert werden. Mit dieser Doppeldeutigkeit und der damit einhergehenden Abwesenheit von offenkundigem Sinn umzugehen, ist die nun aus dieser Situation resultierende Aufgabe des*der Einzelnen. Der Gottesglaube ist nunmehr zur Option geworden. In einem „Individualismus der Verantwortung“4 gilt es, innerhalb des immanenten Rahmens im wahren Wortsinn „welt-anschaulich“ Position zu beziehen.

Gegenläufiger Druck

Dabei ist die perspektivisch gewählte Position nach Taylor jedoch höchst fragil, muss sie ihren Anspruch doch stets gegen die Anfragen anderer Individuen in konkurrierenden Verortungen plausibilisieren. Glaube wird somit nicht nur zu einer Option, welche (je nach Betrachtungsperspektive) mehr oder weniger gleichberechtigt unter anderen existiert, er macht ebenso ein explizites Bekenntnis notwendig. Daraus ergibt sich ein „wichtiger Unterschied in der Art und Weise, wie der[*die] Glaubende und Nicht-Glaubende ‚in die Welt gestellt’ sind: Sie operieren von unterschiedlichen sozialmoralischen Landkarten aus.“5 Innerhalb der Gegebenheit des immanenten Rahmens zeichnen sich also unterschiedliche Möglichkeiten ab, sich zur Transzendenz zu verhalten. Gerade im Alltag sind diese jedoch häufig eng ineinander verwoben, sodass das religiöse Individuum die Übergänge eigenverantwortet gestalten muss: Wo nach dem (sonntäglichen) Gottesdienstbesuch das Fußballspiel der örtlichen Ersten Mannschaft ansteht, wird im Regelfall eher nicht von einem direkten Eingreifen Gottes auf dem Spielfeld ausgegangen. Für das religiöse Individuum ist diese Situation zwischen offener und geschlossener Deutung des immanenten Rahmens allerdings gerade wegen dieser konkurrierenden Deutungsansprüche von starkem „gegenläufigen Druck“6 auf das je eigene Kohärenzsystem gekennzeichnet. Es ist durchaus anstrengend, stets katholisch, intelligent und sich selbst gegenüber zugleich ehrlich zu sein.

Schwellenphänomen Zweifel

Mit den scheinbaren Widersprüchlichkeiten der Wirklichkeit umzugehen, verlangt dem spätmodernen Subjekt alles ab. Dadurch, dass Glaube und Unglaube nicht-perspektivisch betrachtet gleichplausible Positionen darstellen und immer mehr Menschen in ihrer Biographie zwischen weltanschaulichen Positionen hin und her wechseln,7 rücken die Übergänge zwischen diesen in den Fokus. Oftmals ist die Triebfeder zu einem solchen Umbau der inneren Landkarte – die Interpretation des immanenten Rahmens ist schließlich ein zutiefst erfahrungs-geschichtliches Ereignis – die Konfrontation mit Inhalten und Erfahrungen, die aus dem je eigenen Lebenskontext gewonnen werden und sich als mit der bisherigen Identität nicht kohärent in Verbindung zu bringen erweisen. An dieser biographischen Schwelle nunmehr ist der Zweifel zu verorten.

Inkulturation des Glaubens

Bedeutet „Zweifel“ etymologisch „zwiefältiger Sinn“, so verleiht dies der menschlichen Schwellen-Situation der Unentschlossenheit angesichts zweier konkurrierender Sinnsysteme abermals deutlichen Ausdruck.8 Indem der Zweifel die offene mit der geschlossenen Perspektive konfrontiert, inkulturiert er jedoch zunächst den Glauben in die säkulare Gesellschaft. Denn auf diese Weise wird die religiöse Identität quasi zum Webstück der Fragen und Antworten des je individuellen Lebens und so schließlich zum Konstitutivum einer weltzugewandten Glaubensbiographie.9 So verstanden gehört der Zweifel als „conditio humana des Glaubens10, d.h. als eine Grunddimension des vom Menschen verantworteten Glaubens, zu jeglichem menschlichen Bemühen um Glauben. Glaube überspringt den Zweifel also nicht einfach, sondern integriert ihn in das bisher geschaffene Überzeugungssystem – wobei er mit einem möglichen Scheitern jedes Mal selbst auf dem Spiel steht.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24)

Gerade deshalb ist Glaube zuerst als hochfragile Vertrauenshandlung zu verstehen, die sich in Treue zu einem Wahrheitsmoment begründet und dessen Bewahrheitung immer wieder aufs Neue verlangt.11 Die Markustradition weiß in Form der Erzählung von den erfolglosen Jüngern (vgl. Mk 9,14-27) um diesen zutiefst existentiellen Sachverhalt: Nachdem im Scheitern der Jünger alle Zeichen auf ein damit einhergehendes Scheitern des Evangeliums hinweisen, wackelt die durch den Vater zunächst vollzogene offene Deutung des immanenten Rahmens bedenklich und droht sich als unplausibel sowie leer zu erweisen. Nur durch das Festhalten des Vaters an seiner Überzeugung auch in diesem äußersten Rand des Glaubens wird sie wirkmächtig und kann sich so letztlich als tragfähig erweisen. An der Peripherie des Glaubens übergeht dieser den Unglauben somit nicht einfach, sondern integriert ihn in das bereits bestehende Überzeugungssystem, wobei im Verhältnis beider Größen zueinander eine letzte Unschärferelation bestehen bleibt:12 „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24)

fides et dubitatio

So kann der Zweifel in seiner letzten Konsequenz also zu beidem, Glaubenswachstum wie (temporärem) Glaubensabbruch, führen. Als je individuelles Vermittlungsgeschehen innerhalb des immanenten Rahmens säkularer Gesellschaften ist er wesentlich ergebnisoffen, ergreift die ganze Person in ihrer existentiellen Tiefe und erweist sich als regelmäßig wiederkehrendes Phänomen – mutmaßlich rettet noch nicht einmal die Flucht in den prominenten Elfenbeinturm vor ihm. Stattdessen müssen Glaube und Zweifel die beiden Beine bilden, auf denen sich Christ*innen durch die säkulare Gesellschaft der Spätmoderne bewegt. Klar dürfte jedoch sein, dass sie es aushalten müssen, bei diesem biographischen Emmausgang keine Siebenmeilenstiefel zu tragen.

Hashtag der Woche: #indubioproDeo


[1] Brecht, Bertolt: Leben des Galilei. Schauspiel [Fassung 1938/39], in: Hecht, Werner u.a. (Hgg.): Bertolt Brecht Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd. 5: Bertolt Brecht – Stücke 5. Berlin – Weimar – Frankfurt a.M. 1988, 7-115; hier: 10.

[2] „Mit säkular bezeichnet Taylor […] eine Gesellschaft, in der sich die Bedingungen des Glaubens fundamental gewandelt haben.“, so: Hoffmann, Veronika: Bedingungen des (Un-)Glaubens im „säkularen Zeitalter“, in: ThG 59 (1/2016), 47-60; hier: 50.

[3] Taylor, Charles: Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a.M. 2009, 903.

[4] Taylor, Charles: Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a.M. 2009, 902.

[5] Rosa, Hartmut: Poröses und abgepuffertes Selbst: Charles Taylors Religionsgeschichte als Soziologie der Weltbeziehung, in: Soziologische Revue 35 (2012/1), 3-11; hier: 5.

[6] Taylor, Charles: Ein säkulares Zeitalter. Frankfurt a.M. 2009, 925f.

[7] Vgl. Kern, Thomas: Der Weg ins säkulare Zeitalter, in: Soziologische Revue 35 (2012/1), 12-18; hier: 12.

[8] Vgl. Beiner, Melanie: „Zweifel. I. systematisch-theologisch“, in: TRE III (36: Wiedergeburt – Zypern), 767-772; hier: 767.

[9] Vgl. Ricoeur, Paul: Das Selbst als ein Anderer. München 22005, 181.

[10] Werbick, Jürgen: Glaubensgewissheit: von der Anfechtung heimgesucht. Oder doch vom Zweifel?, in: Hoffmann, Veronika (Hg.): Nachdenken über den Zweifel. Theologische Perspektiven. Ostfildern 2017, 109-126; hier: 124.

[11] Vgl. Badiou, Alain: Paulus. Die Begründung des Universalismus. Zürich – Berlin 2009, 22.

[12] Vgl. Söding, Thomas: Glaube bei Markus. Glaube an das Evangelium, Gebetsglaube und Wunderglaube im Kontext der markinischen Basileiatheologie und Christologie (Stuttgarter Biblische Beiträge; 12). Stuttgart 1987, 476.

maximilian schultes

geboren 1993 in Aschaffenburg, studierte zwischen 2011 und 2016 katholische Theologie (magister theologiae) an den Fakultäten in Würzburg und Freiburg i.Br. Nach Studienende wechselte er an die Universität Vechta, wo er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für "Dogmatik und Dogmengeschichte unter Berücksichtigung fundamentaltheologischer Fragestellungen" arbeitet.

One Reply to “Hadern mit dem Glauben? Im Zweifel dafür”

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