Ohne Maria kein Weihnachten. Ohne Weihnachten kein y-nachten. Grund genug, einmal einen Blick darauf zu werfen, wie man Marienverehrung auch im Jahr 2018 noch begründen kann. Mariologie muss dafür hauptsächlich Israeltheologie sein, also das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum reflektieren, meint Jonatan Burger.

Das Jahr auf y-nachten beginnt ja spannend: Maria? Na, dann geht’s ja. Maria hat zwar schon irgendetwas mit Weihnachten zu tun; so ganz ohne Mutter klappt das mit der Menschwerdung wohl schlecht… Aber muss man diese Person, von der auch die Evangelien eigentlich kaum etwas wissen, dafür so abfeiern? „Stella Maris“, „Regina coeli“, „Rosenkranzkönigin“: Maria und erst recht die Mariologie erscheinen auch vielen Katholik*innen suspekt. Wenn die Kirche nun also wie heute, am 01. Januar, das „Hochfest der Gottesmutter Maria“ oder andere Marienfeste begeht, irritiert das viele. Warum also überhaupt die Mühe und ein ganzer Artikel über Maria?

Sündenfrei vong immaculata conceptio her

Das wohl exotischste Mariendogma ist jenes von der Immaculata Conceptio, d.h. von der „Unbefleckten Empfängnis“. Die Übersetzung ins Deutsche macht hier jedoch eigentlich nichts besser. Deshalb der Reihe nach: Es geht nicht um die Empfängnis Jesu durch Maria, sondern um diejenige Marias durch Anna. Jesus hatte natürlich auch eine Großmutter. Die 1854 dogmatisierte Lehre von der Immaculata Conceptio dieser Embryo-Maria war eine Antwort auf eine theologische Herausforderung: Denn spätestens nachdem Augustinus auf die glorreiche Idee kam, jedem Menschen seit Adam ohne Ausnahme durch seine Zeugung („Iih, Sex!“) eine Kontamination mit der Erbsünde zu unterstellen, musste die Theologie irgendwie einen Weg finden, Jesus Christus, den menschgewordenen Gottessohn, aber eben auch strikten Sündenabstinenzler, nicht dem Verdacht auszusetzen, auch davon befallen zu sein. Am leichtesten — so meinte man wohl — funktionierte dies, indem man das Problem umging und eine Stufe vorher bei Maria ansetzte. Das gesamte Mittelalter wurde darüber diskutiert, wie genau diese Leistung Gottes wohl von statten gegangen sein muss: Eine Bewahrung Marias seit ihrer Empfängnis? Eine Reinigung im Mutterleib? Und wenn ja, wie groß war wohl der Fötus dabei? Theologiegeschichtlich fancy, aber für unsere Zwecke irrelevant. Denn Augustins Erfindung einer durch den Spaß beim Sex übertragenen „Sünde“ jenseits aller persönlichen Verantwortung ist leider schon skurril genug, um den sich anschließenden Rattenschwanz ernst nehmen zu können, oder?!

Nicht auf Gott vertrauen wollen. Formerly known as „(Erb-)Sünde“.

Im Bemühen um ein Verständnis der Immaculata Conceptio muss man deshalb wohl noch eine Stufe tiefer ansetzen: Was unterscheidet „Sünde“ eigentlich von „Schuld“? Denn für das, was wir gemeinhin Schuld nennen, brauchen wir den Sündenbegriff ja nicht. Das schafft die autonome praktische Vernunft schon alleine… Klar ist, „Sünde“ hat irgendwas mit Gott zu tun. Wie wäre es also mit dem folgenden Definitionsvorschlag: „Sünde“ bedeutet, dem Gott, der jedem Menschen eine über alle Krisen und Schwierigkeiten hinweg unzerstörbare Zusage für dessen Leben gegeben hat, bewusst nicht mehr vertrauen zu wollen, ihn – bei vollem Bewusstsein und in voller Verantwortlichkeit – aufzugeben.

Und „Erbsünde“? Wenn man der Vorstellung eines unheilvollen Zusammenhangs vor jeder persönlichen Verantwortlichkeit weiterhin etwas abgewinnen will, muss man auch diesen Begriff übersetzen: „Erbsünde“ wäre dann die Tatsache, dass man in einen Zusammenhang hineingeboren wird, der mehr oder weniger von diesen „Sünden“, also von bewusst aufgegebenem Vertrauen auf Gottes bleibende Nähe über alles Unglück und alle Gewalt hinweg geprägt wird. Wenn Jesus also von dieser „Erbsünde“ verschont geblieben sein soll, bedeutet dies, dass er in eine Familie und eine Sozialgemeinschaft hineingeboren wurde, welche dieses Vertrauen – anders als viele Menschen in ihrem weiteren Umfeld – (noch) besaßen. Und wenn Maria „ohne Erbsünde empfangen wurde“, heißt dies, dass dieser Sozialisationsglücksfall nicht erst bei Jesus begann, sondern schon zuvor von der – ganz schön unwahrscheinlichen – Voraussetzung abhängig war, dass es schon zuvor immer wieder Menschen gab, die dieses Vertrauen, diese Hoffnung auf Gott – ohne jemals gänzlich aufzuhören – selbst lebten und weitervermittelten.

Maria – Mirjam – Israel

Denn die Maria der Evangelien war niemand anders als das – wahrscheinlich für eine Verlobung oder Geburt überhaupt viel zu junge – Mädchen Mirjam aus dem jüdischen Dorf Nazareth in Galiläa. Nach christlicher Überlieferung beinhaltete ihr Verhältnis zu Gott sogar das „Ja“, sich auf so eine absurd erscheinende Idee wie die Menschwerdung Gottes einzulassen, die für alle Umstehenden als Ehebruch wirken musste und diesen „Sohn Gottes“ auch noch so zu erziehen, dass er als Mensch das leisten konnte, von dem nun die Evangelien berichten. Dies war das Resultat einer Glaubenstradition aus positiven Begegnungen mit diesem Gott, die sich in Israel über die Jahrhunderte weg erhalten hatte. Auf genau solche Ereignisse und Begegnungen mit Gott spielt übrigens auch das Magnifikat, die Lobrede Marias auf Gott in Lk 1,46-55 an.

In theologischen Vokabeln würde man sagen: Die Gnade Gottes, welche die Inkarnation Jesu Christi ermöglichte, wurde durch die menschliche Geschichte vermittelt. Es bedurfte Menschen, die daran mitarbeiteten. In Klammern: Das ist übrigens der Grund, warum Protestant*innen die ganze Sache mit Maria skeptisch sehen; denn eine menschliche Mitwirkung als Bedingung der Möglichkeit des Heils passt eben so gar nicht zum sola gratia and so on.

Aber langer Rede kurzer Sinn: Vielleicht erklärt dieser etwas längere Umweg, nun, warum über Maria zu reden, eigentlich bedeutet, über Israel zu reden. Mariologie ist nicht unbedingt etwas Überflüssiges, wenn sie als Israeltheologie, als Wissen um die fundamentale Bedeutung des Judentums für alle christlichen Glaubensinhalte und Narrationen verstanden wird. Als 1854 das Dogma von der Immaculata Conceptio verkündet wurde, dachte daran wohl niemand. Aber Glaube und Theologie sind immer auch von ihrer Entstehungszeit abhängig. Und heute liegt eine solche Interpretation nahe. Und selbst der so verhängnisvollen augustinischen Erbsündenlehre kann man dadurch noch etwas abgewinnen.

Toll! Und jetzt?

Aber warum ist diese Überlegung über drei Ecken hinweg nicht nur ein kirchliches Hochfest (nicht am 01. Januar, aber am 08. Dezember), sondern auch noch einen ganzen y-nachten-Artikel wert? Zwei Überlegungen schließen sich an diese dogmatische Skizze an: Zum einen ist die christliche Theologie somit umso stärker aufgefordert, gegenüber ihrem Ursprung, dem Volk Israel, sensibel zu sein. Auf keinen Fall darf man das „Ja“ Marias so verstehen, dass die Heilsgeschichte Gottes mit Israel durch die Inkarnation Jesu Christi als Zielpunkt abgeschlossen sei. Vielmehr liegt die Chance dieses Entwurfs gerade darin, Israel durch die Betonung der Notwendigkeit einer Vermittlungsgeschichte auch in einer dezidiert christlichen Perspektive aufzuwerten. Das Ja-Wort Marias ist als Beginn einer gemeinsamen Geschichte von Judentum und Christentum aus Israel heraus anzusehen. Derselbe Glaube, der Marias „Ja“ ermöglichte, trägt Jüd*innen und Christ*innen heute hoffentlich immer noch gemeinsam.

Zum anderen bedeutet die Einsicht, dass sich Gnade wie Sünde in der Geschichte vermitteln, dass unser Handeln nicht nur ethisch, sondern auch religiös relevant ist. Vielleicht wäre das anstelle einer halbherzigen Fünf-Kilo-Diät der bessere Vorsatz für das neue Jahr: „Lebe und handele so, dass du versuchst, darauf zu vertrauen, dass dieser Gott auch für dein Leben eine Perspektive anbietet. Und zwar gerade bei allen schwierigen Entscheidungen und trotz aller Konflikte. Denn dieser Gott hat es sogar geschafft, Mensch zu werden, um anderen Menschen nahe zu sein. Er könnte– bewusst in einem unsicheren, aber hoffenden Konjunktiv ausgedrückt – also diese Perspektive vielleicht gerade dann bereithalten, wenn du sie selbst nicht siehst.“ Man muss dabei ja nicht unbedingt an Maria denken. Aber wenn man das nächste Mal auf eine Madonna stößt, könnte man sich an diesen Vorsatz erinnern.

Hashtag der Woche: #marynewyear


(Beitragsbild: Wikipedia)

Literaturhinweise:

Lohfink, Gerhard; Weimer, Ludwig: Maria – nicht ohne Israel. Eine neue Sicht der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis. Freiburg: Herder, 2008.

Greshake, Gisbert: Maria-Ecclesia. Perspektiven einer marianisch grundierten Theologie und Kirchenpraxis. Regensburg: Pustet, 2014. Hier: S. 46-77; 246-283.

mm

jonatan burger

studiert Katholische Theologie in Freiburg. Er ist Teil der Redaktion von y-nachten.de.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.