Mit Birgit Kelle hat kürzlich erstmals eine Frau in der katholischen Kirche offiziell ein Bischofswort verfasst. Vitus Huonder, Bischof von Chur, hat sie anlässlich des Tags der Menschenrechte am 10. Dezember um ein solches gebeten. Franca Spies erörtert, ob das ein Grund zur Freude ist.

Revolution! Die katholische Kirche hat einen riesigen Schritt in Richtung der Gleichberechtigung der Frau unternommen (#nicht). Der Churer Bischof Vitus Huonder verfasste sein Bischofswort zum zweiten Advent nicht selbst, sondern überließ diese ehrenvolle Aufgabe dem selbsternannten „Muttertier“ Birgit Kelle. Und dann geht es bei der ganzen Chose auch noch um Frauen. Eine Frau darf in der Kirche was über Frauen sagen. Juchhe.

Also eigentlich nicht. Eigentlich geht es nämlich gar nicht um Frauen, sondern um die meist mit dem Namen Judith Butler verbundenen Gendertheorien — oder in Huonders Diktion: die Gender-„Ideologie“, in der er „eine große Gefahr für die Menschheit“ sieht. Aber das ist doch schließlich so ein Frauenthema, n’est-ce pas?

Das halbvolle Glas?

Ein Grund zu vorsichtigem Optimismus? Nein. Das Glas ist leer. So leer wie ein Glas nur sein kann. Klar könnte mensch argumentieren, hier habe ein Bischof eine Frau an seinem ordentlichen magisterium teilhaben lassen. Ob das per se schon Grund genug ist, die Trillerpfeife auszupacken, sich in einen bunten Fummel zu werfen und in Freudentänze auszubrechen, sei mal dahingestellt. Es zeugt schließlich immer noch von einem massiv klerikalisierten ekklesiologischen Modell, in dem der Episkopat und die niederen Weihestufen in vollerer Weise Kirche sind als Otto Normalchrist und erst recht als Olga Normalchristin.

Schon mal was von Kant gehört? Von Subjektphilosophie und anthropologischer Wende? Die Konzentration auf das Lehramt ist im epochalen Sinne mittelalterlich, will sagen: voraufklärerisch. Eine wahre Revolution erfordert wohl ein deutlicheres amtstheologisches und anthropologisches Umdenken. Von den Folgen, die Judith Butler für die Gestalt des Klerus haben müsste, fange ich gar nicht erst an.

Daneben handelt es sich bei der klerikal ermächtigten „Glücklichen“ quasi um die Anti-Butler. Birgit Kelle vertritt Auffassungen wie: Du wirst belästigt? „Dann mach doch die Bluse zu“. Is klar. Wer mit Geldscheinen wedelt, darf beraubt werden. Nur bezogen auf sexualisierte Gewalt. Kelle bietet sich außerdem immer wieder gerne als Identifikationsfigur für alle Gender-Hasser*innen an, die lieber vorurteilsbehaftet im Trüben fischen anstatt sich durch Sachinformation auf die Höhe der Zeit zu begeben. Traurig, dass diese Diagnose offenkundig mindestens auf einen Bischof zutrifft. Das Glas ist wirklich leer.

Papst, Bischof, Muttertier

Noch trauriger scheint mir, dass sich Bischof Huonder in der Einleitung zu Kelles genderpolitischen Ergüssen legitimerweise auf den viel gehypten und petitionsgestärkten Papst Franziskus und sein revolutionäres Werk „Amoris Laetitia“ berufen kann:

„Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus verschiedenen Formen einer Ideologie, die gemeinhin Gender genannt wird und die den Unterschied und die natürliche Aufeinander-Verwiesenheit von Mann und Frau leugnet. Sie stellt eine Gesellschaft ohne Geschlechterdifferenz in Aussicht und höhlt die anthropologische Grundlage der Familie aus. (…) Verfallen wir nicht der Sünde, den Schöpfer ersetzen zu wollen! Wir sind Geschöpfe, wir sind nicht allmächtig. Die Schöpfung geht uns voraus und muss als Geschenk empfangen werden.“ (AL 56)

Und so schlägt die Kelle in dieselbe Kerbe:

„Wer sich nämlich eine Gender-Ideologie zu eigen macht, die im Unterschied zwischen Mann und Frau nicht etwa die wunderbare Schöpfung Gottes erkennt, sondern die Unterdrückung der Vielfalt von Geschlechtern, der hat den Boden der Realität schon lange verlassen.“ (Bischofswort)

In diesen Aussagen des Papstes und seines Muttertiers manifestiert sich leider eine vollkommene Unwissenheit über Butlers und andere Gendertheorien. Die Unwissenheit (1) verrühre man mit einer schöpfungstheologisch mangelhaft fundierten Anthropologie (2) und fertig ist — der Kelle-Weltanschauungs-Pudding. Wie viele Süßspeisen wirkt er auf manche Menschen recht anziehend, liefert bei genauerer Prüfung aber zu wenig Substanz zum Überleben und kann bei übermäßigem Konsum zu Erkrankungen führen. Den beiden Hauptzutaten möchte ich mich kurz widmen und damit den Kelle-Pudding ungenießbar machen.

(1) Gender trouble1

Der klassische Feminismus, etwa derjenige von Simone de Beauvoir2, zielt auf die Trennung des biologischen (sex) vom gesellschaftlichen (gender) Geschlecht. On ne naît pas femme, on le devient — mensch wird nicht als Frau geboren, mensch wird es. Damit tut sich Judith Butler schwer, denn auf die „Natur“ (sex) gibt es keinen anderen Zugriff als den der „Kultur“ (gender). Sprache schafft Tatsachen und wir haben keinen anderen Weg, die Welt zu strukturieren, als durch unsere Sprache. Der Körper bleibt der Körper, aber er wird eben nicht naturalisiert, sondern untersteht der diskursiven Performativität.

Noch mal deutlicher: Judith Butler nimmt niemandem seine primären oder sekundären Geschlechtsmerkmale weg. Aber sie würde sich dagegen wehren, diese körperlichen Phänomene eben als Merkmale einer zweigeschlechtlich strukturierten Menschheit anzuerkennen, insofern eine solche Anthropologie selbst (mitsamt ihren identity markers) nur ein diskursives Konstrukt ist. Wer das ausführlicher nachlesen will, greife z.B. zu Butler selbst, zu diesem Brief eines rebellischen Schafes oder den Texten des Moraltheologen Stephan Goertz.

(2) Als Mann und Frau schuf Gott sie

Dem Papst, seinem Bischof und Birgit Kelle hatte ich oben eine mangelhafte Schöpfungstheologie unterstellt. Es erstaunt immer wieder, dass in Fragen der vermeintlichen Geschlechter-Bipolarität theologischerseits gerne die Genesis-Keule geschwungen wird: „Aber da steht doch …“. Im ebenso selbstverständlich heteronormativen wie patriarchalen Weltbild des Alten Orients betont ein Text, dass Mann und Frau gleichermaßen (!) Abbild Gottes sind. Die Sinnspitze des Textes liegt doch wohl darin, die Würde aller Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht zum Ausdruck zu bringen. Noch deutlicher wird dieses Anliegen bei Paulus, der in Gal 3,28 das Geschlecht für soteriologisch irrelevant erklärt:

„Da ist nicht Männliches und Weibliches. Ihr alle seid einer in Christus Jesus.“

Kurzum: Eine biblisch fundierte christliche Anthropologie müsste m. E. das Anliegen der Geschlechtervielfalt eher unterstützen als es abzulehnen, insofern das Geschlecht eine zunehmend irrelevante Sekundärbestimmung zum grundlegenden Menschsein darstellt. Dass die Bibel dies nur im beschränkten Rahmen ihres kulturellen Umfeld leisten kann, versteht sich. Dass dieser kulturelle Rahmen heute nicht mehr gilt, versteht sich eigentlich auch.

Zurück zu Birgit Kelle — oder auch nicht

Es gäbe noch einige Dinge, die ich zu Kelles Text gerne anmerken würde. Etwa zu ihrem brillanten argumentativen Kniff, zuerst gegen Menschen zu haten, die unter dem Banner des „Kindeswohls“ ihre Ideologien vermarkten möchten, nur um dann selbst genau diese Strategie zu fahren. Oder zu ihrem tendenziösen Versuch, eine direkte Linie von „Marxismus, Leninismus, Nationalsozialismus oder Kommunismus“ zur „Gender-Ideologie“ zu ziehen.

Stattdessen gilt mein kurzes Schlusswort der katholischen Kirche oder präziser: ihrer Führungsriege. Es erzeugt einen gewaltigen Frust, dass die entscheidenden gesellschaftlichen Debatten immer wieder an ihr vorbeigehen. Anstatt sich die drängenden Gerechtigkeitsfragen unserer Zeit — seien sie postkolonialer, gender- oder ökopolitischer Natur — zu eigen zu machen, baut sie sich Zerrbilder dessen auf, was sie für den Motor des gesamtgesellschaftlichen Untergangs hält, scheut die differenzierte intellektuelle Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt und treibt somit ihre Selbst-Marginalisierung voran.

Statt eine — die Leser*innen mögen mir das fromme Wort nachsehen — prophetische Gestalt wie Christiane Florin zur Beraterin zu machen, lässt man eine die eigene (Deutungs-)Macht zementierende Frau zu einem vermeintlichen Frauenthema zu Wort kommen, das gar kein solches ist! Auf dass das eigene Welt- und Kirchenbild ewig reproduziert werde und sich niemals von den Lebenswelten der Menschen irritieren lasse…

Der Matthäus-Vers „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ dient Kelle als Überschrift. Derzeit erkenne ich die Kirche zumeist nicht an ihren Früchten, sondern an ihrem Fürchten. Dabei steht Advent vor der Tür und es scheint eine sehr adventliche Haltung zu sein, sich nicht zu fürchten!

Hashtag: #fürchteteuchnicht


1 Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter (engl.: Gender Trouble), Frankfurt am Main 2016 (18. Auflage). Vgl. zum Folgenden v.a. Kap. 1: Die Subjekte von Geschlecht/Geschlechtsidentität/Begehren, ebd., 15-62.

2 Vgl. Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau, Hamburg 2014 (14. Auflage).

(Beitragsbild: @oscartothekeys)

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franca spies

studierte katholische Theologie in Freiburg und Jerusalem. Sie ist Mitarbeiterin und Doktorandin am Arbeitsbereich Dogmatik der Uni Freiburg. Sie ist Teil der Redaktion von y-nachten.de.

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