Was die Kirche als potentielle Arbeitgeberin so taugt, beschäftigt uns bei y-nachten.de schon seit Längerem. Nun meldet sich mit Dr. Martin Denger der Ausbildungsleiter der Freiburger Studienbegleitung zu Wort und hebt die Chancen hervor, welche die Kirche ihren Mitarbeitenden zu bieten hat.

In Deutschland haben die beiden großen christlichen Kirchen allein im Jahr 2016 über eine halbe Million Mitglieder verloren. Da werden sich viele Theologiestudierende bei der Berufswahl fragen: Bietet mir die Kirche für die nächsten Jahrzehnte einen sicheren Arbeitsplatz? Auch die kirchlichen Vorgaben an die private Lebensführung dürften sich eher hinderlich auf die Motivation auswirken, einen pastoralen Beruf zu wählen.

Pastoraler Beruf?!

Was spricht unter diesen Umständen überhaupt dafür, dass sich junge Menschen für einen pastoralen Beruf entscheiden? Ein Antwortversuch kann auf die individuellen Vorerfahrungen abheben, die der*die am pastoralen Beruf Interessierte mit der Kirche gesammelt hat. Etwa als Ehrenamtlicher, der in seiner Jugendgruppe bis spät in die Nacht über existentielle Fragen diskutiert hat. Oder als Firmbegleiterin, die ein Besuch in Taizé verändert hat. An dieser Stelle lohnt es sich jedoch auch, auf der institutionellen Ebene zu argumentieren und die kirchliche Organisationsentwicklung in den Blick zu nehmen. Denn selbst eine noch so hohe Anfangsmotivation in eine tragfähige Berufsentscheidung zu überführen kann nur gelingen, wenn der*die Einzelne darauf vertraut, dass die Kirche die richtigen pastoraltheologischen Weichen stellt.

Die These lautet: Die Kirche kann in Zukunft eine attraktive Arbeitgeberin für diejenigen sein, die sich im pastoralen Dienst beruflich und persönlich entfalten wollen.

Denn die jetzige Situation bietet die Chance, neu zu bestimmen, wofür Kirche eigentlich gebraucht wird. Dies wurde in den meisten Bistümern erkannt und entsprechende Prozesse zur strategischen Neuausrichtung wurden initiiert.1 Mit ausgelöst durch den Missbrauchsskandal und den Finanzskandal in Limburg befindet sich die Kirche in einem Professionalisierungsprozess auf vielen Ebenen. Diskutiert wird die Frage nach regelmäßigen Leistungsbeurteilungen, Anreizsystemen für die berufliche Weiterentwicklung und einem Anforderungsprofil für Führungskräfte in der Kirche. In anderen Organisationen dieser Größe sind das längst Standards. Im Zuge dessen müssen auch die Profile der pastoralen Berufsgruppen klarer definiert werden.2 Sonst besteht die Gefahr, dass pastorale Mitarbeitende sich für alles und nichts zuständig fühlen und nicht entsprechend ihrer theologischen Bildung eingesetzt werden. Genauer definierte Kompetenz- und Verantwortungsbereiche können hier Abhilfe schaffen. Dies ist ein Baustein, der einer umfassenderen Qualitätssicherung der kirchlichen Arbeit zugutekommt.3

Auf dem Weg zu einer verbeulten Kirche

So werden sich die Rahmenbedingungen für pastorale Mitarbeitende verändern. Sie werden die Botschaft Jesu auf neue Art verkünden: hoffentlich getragen von der Freude am Evangelium und mit der Bereitschaft, sich manche Beule und Schramme zu holen, weil sie sich mit benachteiligten Menschen solidarisieren.4 Dann kann noch deutlicher werden: „Kirche lebt nicht aus sich selbst, und sie lebt nicht für sich selbst.“5

Subsidiäres Zusammenspiel

In der Kirche bieten sich zukünftig sehr viele Räume, diesen Prozess mitzugestalten. Die Altersstruktur der kirchlichen Arbeitnehmer*innen spricht eine eindeutige Sprache. Ob in der Jugendarbeit, in der Notfallseelsorge oder bei Aufgaben mit besonderer Leitungsverantwortung – überall besteht bereits heute ein großer Bedarf an Fachkräften. In den kirchlichen Aufgabenfeldern gestalten pastorale Mitarbeitende ihre Arbeit mit großer Entscheidungsfreiheit. Schließlich ist die katholische Kirche ein hochkomplexes Zusammenspiel unterschiedlicher Subsysteme. Neben der Bistumsleitung gibt es die Jugendverbände, die Gemeinden mit ihren Gruppen, Vereinen und Chören, die Caritasverbände mit ihren Einrichtungen sowie kirchliche Schulen, Medienunternehmen und internationale Partnerschaften. Christ*innen sind hier auf unterschiedlichen Ebenen miteinander und mit Nichtchrist*innen vernetzt oder gestalten ihre Bereiche völlig unabhängig voneinander. Ich stelle nicht in Abrede, dass den kirchlichen Führungskräften bei der strategischen Neuausrichtung der Organisation besondere Verantwortung zukommt. Im Sinne einer subsidiären Organisationsstruktur müssen kirchliche Gemeinschaften und Einrichtungen jedoch selbst regeln, was sie aus eigener Kraft leisten können.6 Dieses System lädt dazu ein, vor Ort eigenverantwortlich zu handeln.

Das Handwerkszeug für Innovationen liegt bereit

Berufseinsteiger*innen müssen daher nicht darauf warten, bis die ganze Organisation ihre Veränderungsprozesse erfolgreich durchlaufen hat. Um in ihrem Verantwortungsbereich die Menschen zu erreichen, können sie auf Instrumente zurückgreifen, die derzeit in der Pastoraltheologie für kirchliche Innovationen entwickelt werden. Gründer*innenkompetenzen werden Pastoralreferent*innen dabei helfen, neue Modelle kirchlicher Dienste und Formen der Vergemeinschaftung zu konzipieren.7 In vielen deutschen Diözesen wurde in den Leitlinien und den strategischen Zielen festgehalten, dass es an der Zeit ist, „überkommene Kirchenbilder loszulassen.“ Pastorale Mitarbeitende werden in diesem Prozess wichtige Multiplikator*innen sein, in dem sie nicht nur selbst mit der Methode Effectuation arbeiten, sondern auch andere darin schulen.

Change Management mit Augenmaß

Allerdings bedeutet eine nachhaltige Organisationsentwicklung immer auch eine Würdigung der Vergangenheit. Kirche ist ein generationenübergreifender Zusammenschluss von Menschen. In der Pastoral können wir die Vergangenheit nicht einfach hinter uns lassen, weil zu dieser Vergangenheit Namen und Gesichter gehören. Gruppenpsychologisch muss darauf geachtet werden, dass die vielen Verlusterfahrungen in den Gemeinden nicht banalisiert oder übergangen werden. Die nächsten Jahre werden unter pastoraltheologischen Gesichtspunkten Trauerarbeit erfordern. Vom Ruf nach kirchlichen Innovationen sollten sich Berufseinsteiger*innen in diesem Kontext von Abschied und Neubeginn nicht überfordern lassen. Wer Neuland unter den Pflug nimmt, kann zugleich darauf vertrauen, dass Gott es ist, der wachsen lässt (1 Kor 3,7).

Berufung + Kirche = Traumjob?

Die Mitglieder der katholischen Kirche erwarten, dass diese mit ihren Grundfunktionen Liturgie, Verkündigung und Diakonie vor Ort präsent ist.8 Die Kirche kann ihrem Grundauftrag im Lebensumfeld der Menschen aber nur nachkommen, wenn sie gut qualifizierte pastorale Mitarbeitende in allen Berufsgruppen für sich gewinnt. Als Organisation nimmt sie aktuell eine Neuausrichtung vor, wie die vielfältigen Strategieprozesse der Bistümer belegen. Die Frage der Personalgewinnung und des Personaleinsatzes spielt dabei eine wichtige Rolle. So kann die Kirche hoffentlich zeigen: Wir sind eine attraktive Arbeitgeberin, die die Rahmenbedingungen für ihre Mitarbeitenden so gestaltet, dass ihre Anfangsmotivation und ihre Begeisterung für das Evangelium ein ganzes Berufsleben lang tragen.

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2 Vgl. die Diözesanen Leitlinien der Erzdiözese Freiburg (s. Anm. 1), S. 31.

3 Vgl. die Diözesanen Leitlinien der Erzdiözese Freiburg (s. Anm. 1), S. 26.

4 Vgl. Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium, hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, 194). Bonn 2013, Nr. 49.

5 Hilberath, Bernd Jochen: Zwischen Wirklichkeit und Vision, S. 40. In: Robert Walz & Joachim Schmiedl (Hg.): Die Kirchenbilder der Synoden: Zur Umsetzung konziliarer Ekklesiologie in teilkirchlichen Strukturen, Freiburg 2015, S. 35-65.

6 Vgl. die Diözesanen Leitlinien der Erzdiözese Freiburg (s. Anm. 1), S. 27.

7 Einen guten Überblick liefert hierzu: Sobetzko, Florian & Sellmann, Matthias (Hg.): Gründerhandbuch für pastorale Startups und Innovationsprojekte, Würzburg 2017.

8 Vgl. Ruh, Ulrich: Deutscher Katholizismus wohin? Herder Korrespondenz 68, 5/2014, S. 217-219.

(Beitragsbild: @olivia_snow)

mm

dr. martin denger

ist Ausbildungsleiter an der Studienbegleitung für Theologiestudierende in Freiburg.

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