Game of Thrones macht es vor: Die Menschen lieben große Erzählungen. Die Bibel hält diesbezüglich eine ordentliche Bandbreite bereit — und hat es trotzdem schwer. Franca Spies meint, wir sollten die biblischen Texte wieder mehr als Geschichten verstehen.

Winter is coming

Der Winter naht. Das wissen nicht nur die Starks in Westeros, das weiß auch ZDF-Experte Gunther Tiersch. Eine Zombie-Invasion haben wir hierzulande (trotz längst gefallener Mauer) dennoch kaum zu befürchten. Die blassen Gesichter, die in den kommenden Monaten morgens ins Büro schneien, mögen zwar furchterregend sein — die dahinter stehenden Menschen werden uns aber kaum bei der ersten sich bietenden Gelegenheit die Eingeweide rausreißen. Gute Nachrichten an dieser Front.

Auch die Koalitionsbildung, die nach überstandener Niedersachsen-Wahl nun endlich Fahrt aufnehmen kann, lässt Spannung erwarten, jedoch keinen Machtkampf à la King’s Landing. Ein bisschen Game of Thrones steckt vielleicht dennoch darin. So bleibt abzuwarten, wie gut die „Mutti of Dragons“ Daenerys Merkel ihre CSU-Drachen im Griff behält. Die Grünen in der Regierung? Growing strong. FDP im Finanzministerium? A Lindner always pays his debts.

Wer nun befürchtet, es folge ein „Die Religion bei Game of Thrones“-Artikel, darf sich beruhigen. Der Spoiler-Alert kann seine Warnlichter ebenfalls ausgeschaltet lassen. Um etwas Interessantes zu erzählen, kann man zwar, muss aber nicht zwingend auf den dicken George R. R. Martin zurückgreifen. Dick wegen der dicken Bücher, versteht sich.

Wider den Mythen-Striptease

Der mitteleuropäische Winter birgt nämlich auch ganz ohne white walkers seine Tücken: Grau, kalt, müde. Mimimi. Darauf beschränkt sich an manchen Tagen die Gefühlswelt. Gut, dass sich durch Badewannen, Teekannen und Kerzenlicht behagliche Stimmung erzeugen lässt. Gut, dass Medien aller Form und Farbe so ein wunderbares Unterhaltungsprogramm bieten. Gut, dass es so viele kreative Menschen auf dieser Welt gibt, die uns mit ihrer Kunst die Zeit versüßen. Gut, dass wir Geschichten erzählen — kleine und große, von wärmeren Tagen, schöneren Orten, interessanteren Menschen. Friedliche Geschichten, blutrünstige, rührende, eklige, gruselige, lustige …

Der Philosoph und selbsternannte „Transzendentalbelletristiker“ Odo Marquard wehrt sich in seinem Essay „Lob des Polytheismus“1 gegen die Vorstellung, wir könnten uns der Geschichten und Mythen entledigen wie sich der Kaiser im Märchen seiner Kleider entledigt. In der Philosophie verhalte es sich indes genau andersrum als im Märchen: Anstatt einer Suche nach neuester Mode, die am Ende keine ist, erstrebt man im Zuge eines „Striptease, der keiner war“ die „mythische Nullgarderobe“ — eine große Bewegung vom Mythos zum Logos;

„(…) und hier — scheint mir — funktioniert die Sache vielleicht ebenfalls bestens nur so lange, bis ein phänomenologisch-hermeneutischer Dreikäsehoch auftritt und (…) ausruft: Sie da, der Herr aus dem späten Wiener Kreis, Sie haben ja immer noch Mythen an! (…) Wir können die Geschichten — die Mythen — nicht loswerden; wer es trotzdem glaubt, betrügt sich selber. Menschen sind mythenpflichtig, ein mythisch nacktes Leben ohne Geschichten ist nicht möglich.“

(Marquard, 96f.)

Storys vong Gott und s1 Crew

Was Marquard grundsätzlich für die philosophische Hermeneutik anmerkt, gilt auch im vergleichsweise einfacheren Sinne für das Alltagsleben: Gut erzählte Geschichten ziehen die Menschen in ihren Bann und wir können nicht ohne sie. Die christliche Theologie und die Kirchen haben damit eine glänzende Ausgangsposition. Am Beginn unserer Arbeit steht eine gewaltige Sammlung von Geschichten, die in der langen Zeit ihrer Weitergabe eine schier unfassbare Wirkungsgeschichte hervorgerufen hat: die Bibel. Menschen diskutieren, verwerfen, malen, besingen und meditieren ihre berühmtesten Szenen seit über zwei Jahrtausenden.

Mittlerweile können wir dank Shahak Shapiras „Holyge(r) Bimbel. Storys vong Gott und s1 Crew“2 die biblischen Texte sogar im überflyen Vong-Deutsch genießen. In erster Linie ist das mal abartig witzig, daneben zeigt sich in Shapiras Büchlein ein hervorragendes Gespür für drängende theologische Fragen und eine der besten Sammlungen popkultureller Referenzen seit den Gilmore Girls.

Eine kurze Zwischenfrage an das Christentum der Gegenwart: Wie konnten wir das eigentlich dermaßen verkacken? Abseits der Holygen Bimbel scheint sich niemand mehr so recht für die Bibel zu interessieren. Dabei hält sie doch das ganze Spektrum bereit: Gemetzel, Inzest, Mord und Totschlag hier, Liebeslyrik, Befreiungen, Zeichen und Wunder dort. Drachen, Zombies und Co. mögen weniger prominent vorkommen — wobei: Offb 12,3f. und Joh 11,44 —, dennoch muss sich die Bibel im Vergleich mit Game of Thrones nicht verstecken. Trotzdem verbringen in unseren Breitengraden die meisten Menschen wohl mehr Zeit auf Westeros als im Alten Orient.

Why so serious?

Vielleicht nehmen wir die Bibel manchmal einfach zu ernst. Vielleicht müssen wir wieder besser lernen, die biblischen Geschichten auch einfach als Geschichten zu lesen und zu erzählen. Shahak Shapira macht das vor. Vielleicht können wir uns hin und wieder den Ansprüchen entziehen, die diese Texte einmal gestellt haben mögen und bis heute noch stellen, und einfach die Wucht der Erzählung auf uns wirken lassen. Und uns wundern, fürchten, freuen, hoffen, trauern, darüber lachen. Oder auch mal von der harten epicness vong god s1 story überwältigt werden.

Odo Marquard bleibt übrigens mythenkritisch; und zwar gegenüber all jenen Mythen, die einen Alleinanspruch erheben wollen:

„Ich bin deine einzige Geschichte, du sollst keine anderen Geschichten haben neben mir.“

(Marquard, 99)

So muss jede Geschichte ein Moment der Selbstrelativierung enthalten, jede Theorie die eigene Kontingenz ertragen: eine Gewaltenteilung der Geschichten. Der protestantische Neutestamentler Ulrich Luz möchte die Bibeltexte als „kleine Metaerzählungen von Gott“ gelesen wissen. „Meta“, insofern sie einen Wahrheitsanspruch formulieren; „klein“, insofern sie dies stets im Rahmen eines partikularen (individuellen oder kollektiven) Identitätsdiskurses tun. Sie lassen sich nicht zu einer einzigen großen Metaerzählung, zur einen Geschichte, neben der es keine anderen gibt, harmonisieren.3

Sheesh digga wo is das promised Land am bimsen?

Es bleibt an uns, zu erzählen. Viele kleine Geschichten mit gewaltigen Ansprüchen, die in unseren Augen schrumpfen, sobald wir alle anderen gewaltigen Ansprüche neben ihnen erkennen. Es kann nicht alles stimmen. Was stimmen soll, müssen wir diskursiv aushandeln. Wir müssen jedes emotional-unmittelbare oder hochwissenschaftliche Verstehen biblischer Texte in dem Wissen vollziehen, dass wir uns irren könnten. Abseits der Metaebene des Wahrheitsanspruchs jedoch können wir uns neu von Geschichten berühren und faszinieren lassen:

„Hier stehe ich und kann auch immer noch anders: Ich erzähle — als eine Art Scheherazade, die freilich anerzählen muß jetzt gegen die eigene Tödlichkeit — ich erzähle, also bin ich noch“.

(Marquard, 111)

Vielleicht steht es um die Bibel also gar nicht so schlimm. Oder wie Shapira formuliert:

Moses: Digga wir sin immernoch lost im Desert wo is das promised Land am bimsen?
Gott: srsly? das is 100 km nordöstlich ihr larrys

(Holyge Bimbel, 40)

Der Winter kann kommen. Und mit ihm die Geschichten.


Hashtag der Woche: #whysoserious

(Beitragsbild: @glennoble)

1 Odo Marquard, Lob des Polytheismus. Über Monomythie und Polymythie, in: Ders., Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische Studien, Stuttgart 1981, 91-116.

2 Shahak Shapira, Holyge Bimbel. Storys vong Gott und s1 Crew, Hamburg 2017.

3 Ulrich Luz, Theologische Hermeneutik des Neuen Testaments, Neukirchen-Vluyn 2014, v.a. 144ff.

mm

franca spies

studierte katholische Theologie in Freiburg und Jerusalem. Sie ist Mitarbeiterin und Doktorandin am Arbeitsbereich Dogmatik der Uni Freiburg. Sie ist Teil der Redaktion von y-nachten.de.

One Reply to “Stell Dir vor, es ist Bibel – und niemand geht hin”

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