Wie kann die Kirche jungen Menschen, deren Lebensrealität ihr oftmals fremd ist, begegnen und sie für sich begeistern? Unter Rückgriff auf die US-amerikanische Theoretikerin bell hooks zeigt Mara Feßmann in diesem Artikel zunächst einmal auf, wie es auf jeden Fall nicht erfolgen darf.

bell hooks und „das Andere“

Die afro-amerikanische Autorin und Aktivistin bell hooks arbeitet sich in ihrem Artikel „Eating the Other: Desire and Resistance“ an der Frage ab, wie das „(ethnisch) Andere“ in der Mainstream-Kultur inzwischen wahr- und aufgenommen wird. Sie bezieht sich dabei vor allem auf die Situation in den USA und wie die Begegnung zwischen Weißen und People of Color (PoC) dort nur scheinbar nicht-kolonialistisch gelebt wird. Sie stellt dar, wie das Andere (im englischen Original: „the Other“) bzw. die Begegnung mit dem Anderen, in Gestalt von Einzelpersonen* oder Kunst- und Kulturgegenständen, in der Mainstream-Kultur kommodifiziert bzw. kommerzialisiert wird und – von der weißen Norm abweichende – ethnische Zugehörigkeiten zum vielversprechenden und belebenden Jungbrunnen für die (inzwischen) langweilige weiße Kultur werden. Die versprochene Abwechslung kommt daher, dass das Andere als „new delight, more intense, more satisfying than normal ways of doing and feeling“ (hooks, 366) medial und sozial verkauft werden kann.

Mit Zusammenleben und Begegnung, die sich gewaltfrei, gleichberechtigt und ohne die kolonialistische, gewaltvolle Vergangenheit – die übrigens immer noch Gegenwart ist – zu vergessen oder nivellieren, ereignet, hat dies nichts zu tun. Denn es handelt sich hierbei immer um

„exploitation […] that reinscribes and maintains the status quo. […] When race and ethnicity become commodified as resources for pleasure, the culture of specific groups, as well as the bodies of individuals, can be seen as constituting an alternative playground where members of dominating races, genders, sexual practices affirm their power-over in intimate relation with the Other.” (hooks, 367).

bell hooks legt einen besonderen Schwerpunkt auf das sexuelle Begehren eines*einer person of color, die es in der (scheinbaren) Logik der kommerzialisierten Aneignung des Anderen der weißen Person – d.h. i.d.R. einem weißen cis-Mann – ermöglichen soll, durch sexuellen Kontakt mit „dem Anderen“ verändert zu werden (vgl. hooks 368). Der gesamte Artikel von bell hooks ist höchst lesenswert, nicht nur für diejenigen*, die sich mit postkolonialer Theorie beschäftigen – und das sollten wir alle by the way! Die Überlegungen, die bell hooks zum generellen Umgang mit dem, was aus der Perspektive dominierender Kulturen als das Andere angesehen wird, täten auch der Theologie gut.

Grenzen der Übertragbarkeit

Diese Anwendung des Nachdenkens über kulturelle Aneignung („cultural appropriation“) auf Kirche muss allerdings ziemlich vorsichtig gewagt werden. Denn einerseits schreibe ich hier als weiße, relativ privilegierte Frau: Ich habe einen höheren Schulabschluss, komme in den Genuss eines Universitätsstudiums und habe ein relativ geregeltes Arbeitsverhältnis usw. Ich bin im mehrheitlich-weißen Umfeld einer Kleinstadt aufgewachsen und habe nie lebensbedrohliche physische oder psychische Gewalt aufgrund meines Geschlechts, meiner Hautfarbe oder meiner sexuellen Orientierung erfahren müssen. Wohl aber Diskriminierung und Belästigungen. Alles in allem ist dies aber immer noch eine ziemlich privilegierte Position, aus der es sich relativ leicht schreibt. Andererseits findet die jahrhundertelange systematische und institutionalisierte Diskriminierung, Verfolgung und Instrumentalisierung von Minderheiten und deren Kulturen keinen Vergleich.
 Mein Gedankengang hat also seine Grenzen: Ich versuche lediglich, die Mechanismen der Instrumentalisierung des Anderen – denn nichts anderes ist jene Kommerzialisierung, wie sie bell hooks anprangert – und mögliche Auswege, die sie in ihrem Aufsatz beschreibt, probeweise auf eine momentane Kommunikationsstrategie in der Kirche anzuwenden. Ich nehme den Text einer Autorin, die sowohl als Individuum als auch als Teil einer Gruppe physische und psychische – zum Teil lebensbedrohliche oder -verändernde – Gewalt durch eine „stärkere“ Gruppe bzw. Individuen, die einer „stärkeren“ Gruppe zugehörig sind, erfahren hat und versuche, Teile einer wissenschaftlichen Reflexion über konkrete Erfahrungen auf einen anderen Kontext zu übertragen. Dabei soll es aber nicht darum gehen, Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen gegeneinander auszuspielen oder Leid zu relativieren.

Die Kirche und das Andere

Sie ist eine vielbeschworene, von manchen gefürchtete: die sogenannte „Kirchenkrise“. Gerne auch unter dem Namen „Relevanzkrise“, „Gläubigenschwund“ oder „angebrochenes Zeitalter der Säkularität“ anzutreffen. Nach den Jahren der Angst und des Schreckens scheint sich am Horizont nun jedoch langsam die rettende Erkenntnis anzudeuten: Die Kirche soll (wieder) zu den Menschen gehen, wie es das Zweite Vatikanische Konzil eigentlich schon seit über 50 Jahren einfordert. Im Einzelnen gelingt dies oft: An vielen Orten entstehen und wachsen inzwischen Initiativen, Gemeinschaften, Projekte und Kongresse, deren Mitglieder oder Besucher*innen als Teil ihrer Glaubensgemeinschaft in ihrem Milieu, das sich oft nicht mit dem „klassischer“ Kirchgänger*innen deckt, Glaube in Gemeinschaft dort leben, wo sie sowieso zu Hause sind: am Stadtrand in der Familiensiedlung, im hippen Szeneviertel einer Großstadt, in den WGs einer Unistadt oder auf dem Land. Und wenn sie im besten Fall sogar noch Unterstützung erfahren, funktioniert es. Nicht (nur) zahlenmäßig messbar, sondern auch zwischenmenschlich und als gelebte Normalität.

Gleichzeitig suchen Bistümer wie Landeskirchen indes händeringend nach „jungen Menschen“, die die Kirche („von Morgen“) im hauptamtlichen Dienst mitgestalten, die die Kirche mit dorthin bringen, wo sie gerne wäre, aber oft nicht aus eigener Kraft hinkommt. Mir kommt es oft so vor, als stünden die Kirchen in Sichtweite von Personengruppen, die ihnen als reizvolle, wiederzugewinnende Zielgruppen scheinen, um die eigenen Botschaften endlich (wieder) zu verbreiten. Was dabei meistens fehlt, ist ein grundlegendes Verständnis für die Menschen und Lebenssituationen, denen man da gegenüber steht. Sie werden oft nur als Zielgruppe vorgeplanter pastoraler Versorgungsangebote gesehen, die dann bitte in Anspruch genommen werden sollen. Es wäre ja auch so einfach: Die Schäfchen könnten einfach an die Futterstelle kommen und tun es meistens doch nicht. Ernüchterung macht sich breit, Frust: Aber wir machen das doch für euch… Wir bieten euch doch an…

Es wird deutlich: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht. Gut gemeint ist eher schon zu viel gemacht, denn das, was da so anders und fremd scheint, hat vielleicht ganz andere Bedürfnisse als diejenigen, die man meint, stillen zu müssen, um der eigenen leeren Räume und sinkenden Mitgliederzahlen Herr*in zu werden. Wenn es nur darum geht, Menschen mit „Herzliche Einladung“ zum Besuch oder zur Teilnahme zu motivieren, um die eigenen Reihen wieder auf die gewohnte Art und Weise aufzufüllen, um danach weiterzumachen wie bisher, kann dies nicht nur einfach nicht funktionieren, sondern instrumentalisiert Personen(-gruppen) und deren Bedürfnisse um der Erhaltung des kircheneigenen Status quo willen.

Das Design für Pastoralpläne, Strategiekonzepte und Einladungen mag noch so schön, der Kaffee noch so gut (und fair) und die Sprache noch so modern sein: Wenn es nicht aus wirklichem Interesse, aus ehrlicher Zuneigung zu den Menschen und ihren Bedürfnissen geschieht, wenn die Bewegung auf die Menschen zu nicht auch die Bereitschaft zur Veränderung kircheninterner Selbstverständlichkeiten und Machtstrukturen einschließt, welche die „Neuen“, die „Anderen“ potentiell anstoßen werden, dann verbleibt jenes Bemühen einerseits anbiedernd und andererseits instrumentalistisch-vereinnahmend. Denn so sehr die „Rettung“ im Anderen zu liegen scheint, bleibt diese Les- und Handlungsart doch eine, die diese „Anderen“ mit ihren je individuellen Biographien und Erfahrungen frisst und verzweckt. Mit der Grundidee einer Kirche, die mitten unter den Menschen und mit den Menschen lebt, mit ihnen „Freude und Angst, Trauer und Hoffnung“ (GS 1) teilt, hat das jedoch nichts zu tun.

Wirklich gelingen kann der Kontakt, der nicht auf die Erfüllung exotisierender Fantasien oder die Instrumentalisierung des Anderen herausläuft, laut bell hooks nur, indem sich beide Seiten der – immer noch vorherrschenden und der historischen – Machtstrukturen bewusst sind und nicht mehr allein das Bedürfnis nach (intimem) Kontakt mit dem Anderen im Vordergrund steht, da dieses an den bestehenden ungerechten Machtverhältnissen nichts ändert, ja sie sogar noch zementiert (vgl. hooks, 371). Ähnlich sollte es auch für den Umgang der Kirchen, gerade wenn sie in Gestalt von Strategie- und Leitungsgremien bzw. -personen* auftreten, mit dem Anderen gelten: Nur wenn Kirchen offen kommunizieren, warum sie Interesse für die aus ihrer Sicht kirchenfernen Menschen entwickelt haben, sie sich selbst in ihrer eigenen (inneren wie äußeren) Macht anfragen lassen und veränderungsbereit sind, kann es in meinen Augen gelingen, die Bewegung „zu den Menschen“ zu vollziehen, die in diesem Moment zum Handeln „unter den Menschen“ wird.

Alle Zitate und der ganze Beitrag: bell hooks, Eating the Other. Desire and Resitance, 1992. Online hier abrufbar.

Hashtag der Woche: #stetsbemüht

Anmerkung der Redaktion: Ihr habt Ideen, wie kirchliche Kommunikation besser gelingen kann? Veröffentlicht einen Artikel bei uns! Wir sind gespannt auf Eure Diskussionsbeiträge.

mara feßmann

studiert momentan Theologie in München, war vorher für zwei Jahre in Münster und ist nebenbei als Fotografin und Chefredakteurin bei theologiestudierende.de unterwegs.

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