Haben wir den Kolonialismus überwunden? Nein, sagen Vertreter*innen der postcolonial studies, denn er prägt bis heute unsere Weltsicht. Was es mit einer postkolonialen Wissenschaft auf sich hat und warum sie in der Theologie Beachtung finden muss, erklärt Claudia Danzer.

Wer sich die Erde auf einer Weltkarte ausgebreitet vorstellt, dem*der wird sie wahrscheinlich wohl geordnet um Europa als Zentrum herum erscheinen. Es ist klar, was der Westen ist, und klar, was der Osten ist. Wenn wir jedoch verstanden haben, dass die Erde eine Kugel ist — warum nicht einmal die Perspektive wechseln und die alte Weltkarte auf den Kopf stellen? Und eine andere Weltregion in das Zentrum setzen? Oder mit Google Earth sich in die Weiten des Universums begeben und so weit hinauszoomen bis die Ländergrenzen verschwimmen und sichtbar wird, dass alles irgendwie miteinander zusammenhängt und Europa eigentlich nur ein kleiner Zipfel Asiens ist?

Die postcolonial studies und ihre Kritik an einem eurozentristischen Weltbild

Diesen Perspektivenwechsel wollen die postcolonial studies vollziehen. Sie wollen nicht die Welt von Europa aus denken, sondern global. Der Eurozentrismus, den sie kritisieren, nimmt die historische Entwicklung Europas als Bewertungsmaßstab für die Erzählung der Weltgeschichte.1 Der indische Intellektuelle Pankaj Mishra schreibt über das gebliebene Überlegenheitsgefühl der westlichen Großmächte und macht deutlich: „the West is not a model for the rest“. Er hebt die Bedeutung der Dekolonisation und der Herausbildung von Nationalstaaten in Asien und Afrika, deren Grenzen — was manchmal in Vergessenheit gerät — europäische Hände gezogen haben, für die Geschichte des 20. Jahrhunderts hervor. In Deutschland gehört der Kolonialismus zu den wenig aufgearbeiteten Kapiteln der Geschichte. Erinnert sei beispielsweise daran, dass die deutsche Bundesregierung erst letztes Jahr den Völkermord an den Herero und Nama in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika als solchen anerkannte.

Mit ihrem Fokus auf die postkoloniale Zeit wollen die postcolonial studies zum einen deutlich machen, wie sehr „eine Vielzahl von Beziehungsmustern und Effekten kolonialer Herrschaft“2 auch noch unsere Gegenwart prägt. Über die zeitliche Auffassung hinaus bedeutet Postkolonialismus zum anderen, binären Konstruktionen des Selbst und des*der Anderen auf die Spur zugehen.

„Auf eine einfache Formel gebracht, geht „Postkolonialismus“ dem Phänomen des Anderen nach und den Fragen, wie darüber gesprochen werden kann und wer für wen die Stimme erhebt.“ 3

Es ist an der Zeit, Postkolonialismus in den deutschsprachigen Wissenschaften mehr in den Blick zu nehmen — auch in der Theologie!

Was wollen Postkoloniale Theologien?

Postkoloniale Theologien nehmen den Anstoß postkolonialer Theorien in ihr Theologietreiben auf und fühlen sich ihren Maximen verpflichtet. Während im englischsprachigen Raum das Feld der postkolonialen Theologien innerhalb der Interkulturellen Theologie immer größer wird, werden sie in der deutschsprachigen Theologie noch kaum diskutiert. Eine Ausnahme bildet dabei der Sammelband „Postkoloniale Theologien“ von Andreas Nehring und Simon Tielesch, der einige Aufsätze in deutscher Übersetzung liefert und dem die folgende inhaltliche Bestimmung des Ansatzes entnommen ist. Postkoloniale Theologien nehmen einen „radikalen Kontextualismus“ vor. Theorien werden abhängig von ihrer Genese in einem spezifischen, historischen Kontext betrachtet. Allen universalen Theorien wird mit einer „Hermeneutik des Verdachts“ begegnet.4 Es geht um ein Aufbrechen von Selbstverständlichkeiten, um ein Auf-den-Kopf-Stellen der Weltkarte, um ein kritisches, globales Denken, das zum Handeln führen soll. Das bedeutet auch, die eigene Selbst- und Fremdwahrnehmung kritisch zu prüfen.

Über Gründer*innen der postcolonial studies und ihre Thesen

Edward Said, der als Begründer der postcolonial studies gilt, hatte in seinem Buch „Orientalism“ auf den Konstruktionscharakter des westlichen Orient-Bildes hingewiesen: Die europäischen Wissenschaftssysteme des 19. Jahrhunderts haben eine Vorstellung vom Orient erarbeitet, die wenig mit der Realität zu tun hat, deren Stereotype aber bis heute fortwirken. Beispiele hierfür sind die vermeintliche fehlende Erneuerungsfähigkeit, herrschender Despotismus, Unordnung und Rückständigkeit, die mit dem Begriff „Orient“ in Verbindung gebracht werden. Europa wird hingegen mit dem Erfolg des Fortschritts, mit Demokratie, Ordnung und Moderne assoziiert. Diese charakteristische, binäre Konstruktion von Gegensätzen in der Selbst- und Fremdwahrnehmung soll im Sinne der postcolonial studies kritisch durchleuchtet werden. Es geht dabei auch um die Definitionshoheit bei der Bestimmung von Begriffen – wer bestimmt hier wen?

„Im Anschluss an Foucault macht Said deutlich, dass die Rede über andere Völker und ihre Beschreibung in wissenschaftlichen Texten keineswegs ein unschuldiges und neutrales Unterfangen war, sondern immer im Kontext ungleicher Machtverhältnisse situiert werden muss.“ 5

Dieses kritische Denken ist auch auf die Selbstreflexion des Ansatzes bezogen, schließlich sind die postcolonial studies selbst wiederum Teil des westlichen Wissenschaftssystem und damit Teil jenes Machtgefüges, das sie kritisiert hatten.

Mit „Can the subaltern speak?“ geht eine weitere wichtige postkoloniale Theoretikerin, Gayatri Chakravorty Spivak, der Frage nach, ob die Marginalisierten der Welt ihre Stimme im öffentlichen Diskurs überhaupt erheben können. Denen, die keine Stimme haben, eine Stimme zu geben, ist ein zutiefst jesuanisches Anliegen und wurde auch von der Befreiungstheologie aufgenommen.

Wie können wir Theologie postkolonial denken?

Die postcolonial studies bieten für die Theologie die Möglichkeit eines interdisziplinären Austausches mit anderen Geisteswissenschaften wie den Geschichts- oder Sozialwissenschaften und können einen Anstoß geben, die eigene koloniale Vergangenheit der kirchlichen Missionsbestrebungen, die mit dem Imperialismus Hand in Hand gingen, aufzuarbeiten. Eurozentristischen Weltbildern in theologischen Entwürfen nachzuspüren, aber auch dem Potential des antikolonialen Widerstands des christlichen Glaubens nachzugehen, können ebenfalls Aufgaben für eine postkoloniale Theologie sein.

Von Imperialismen und dem Ringen um eine eigene Identität unter einer Fremdherrschaft handeln im Alten Testament viele Erzählungen, sei es unter assyrischer Vorherrschaft, unter ägyptischer, babylonischer, persischer, griechischer oder schließlich, zur Zeit des Neuen Testaments, unter römischer.6 Es geht auch hier um Kolonisierte und Kolonisierende, um Macht und Ohnmacht, aber auch um Austausch und Hybridität der Kulturen. In diesem Sinne postkolonial zu denken, sich von nicht-westlichen Ansätzen bereichern zu lassen und sich neuen Anfragen auszusetzen, bedeutet für die Theologie, die Weltkarte auf den Kopf zu stellen.

Hashtag der Woche: #drehdieweltum

(Beitragsbild: @slavab)

1 Vgl. Sebastian Conrad / Shalini Randeria: Einleitung. Geteilte Geschichten. Europa in einer postkolonialen Welt, in: Diess.: Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt, 2002, S. 9-49, 12.

2 Ebd., 24.

3 Andres Nehring / Simon Tielesch: Theologie und Postkolonialismus. Zur Einführung, in: Diess.: Postkoloniale Theologien. Bibelhermeneutische und kulturwissenschaftliche Beiträge, Stuttgart 2013, S. 9-45, 11.

4 Vgl. ebd., 23.

5 Sebastian Conrad / Shalini Randeria: Einleitung (wie Anm. 1), 23.

6 Vgl. Andreas Nehring / Simon Tielesch: Biblische Perspektiven, in: Postkoloniale Theologien (wie Anm. 3), S. 46-50, 46.

Weitere Literaturempfehlungen:

  •    Edward Said: Orientalismus, Frankfurt 1981.
  •    Ina Kerner: Postkoloniale Theorien zur Einführung, Hamburg 2012.
mm

claudia danzer

studiert nach Studienaufenthalten in Jerusalem und an der Universität Wien Katholische Theologie und Geschichte an der Universität Freiburg.

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