Man kann andere Menschen ausgrenzen. Das ist ein Phänomen, das man bereits auf dem Schulhof beobachten kann. Manche dürfen nicht mit den anderen spielen, sie werden zum*zur Außenseiter*in, weil sie keine*r dabeihaben will. Das geschieht allzu häufig. Oft sind es Vorurteile, die zu einem solchen Verhalten führen. Oder schlechte Erfahrungen, die man einmal mit einer Person gemacht hat und die davor abschrecken lassen, diese wieder in eine bestehende Gruppe zu integrieren. Doch es gibt auch die Kehrseite: dass man sich aktiv ausgrenzt, von den Mitmenschen absetzt, sich von ihnen ganz bewusst lossagt. Damit bringt man sich in eine selbstverschuldete Isolation. Man nimmt eine Außenseiter*innenrolle ein, weil man die Distanz zu den anderen mit aller Mühe aufrechterhalten will. Die Gründe hierfür sind unterschiedlich. Sie reichen von dem Gefühl, etwas Besseres zu sein als die anderen, bis hin zur Angst vor der Auseinandersetzung mit einer bestehenden Pluralität von Meinungen und Weltanschauungen. Ausgrenzung kann aktiv oder passiv geschehen. Beides ist nicht gut. Weder für die, die zu Außenseiter*innen werden, noch für die, von denen Abgrenzung geschieht.

Trumps Grenzen

Donald Trump spielt gerne mit Grenzen. Nicht nur sein Mauerbauprojekt an der Grenze zu Mexiko ist umstritten, auch die Grenzen, die er zwischen sich und den anderen Staatsoberhäuptern zieht, tragen nicht zu einer Verbesserung der Gesamtsituation bei. So war es erst im vergangenen Mai wieder beim G7-Gipfel in der italienischen Stadt Taormina zu beobachten. Trump grenzt sich aus. Er möchte nichts mit dem zu tun haben, was die anderen Staatschef*innen diskutieren und beschließen. Um seine abgrenzende Haltung auch nach außen zu demonstrieren, verzichtet er darauf, die Simultanübersetzung der Rede seines italienischen Amtskollegen Gentiloni in Anspruch zu nehmen. Was gesagt und beschlossen wird, interessiert Trump nicht sonderlich. Immerhin lautet seine Devise ja „America first“ – und da spielen eben nur die eigenen Interessen eines Donald Trump eine wirkliche Rolle. Alles andere wird nebensächlich und unwichtig. Trump grenzt sich aus, ganz bewusst, ganz willentlich. Er braucht die Anderen nicht. Wenn Trump zuerst kommt, kann die Welt schauen, wo sie bleibt.
Die Einstellung, die Donald Trump dabei an den Tag legt, zeigt eine wenig wertschätzende Haltung dem bestehenden Pluralismus gegenüber. Vielmehr weist doch das Verhalten des US-Präsidenten darauf hin, dass die USA alles aus eigener Kraft vermögen und auf Bündnispartner*innen getrost verzichten können. Deswegen kann Trump seine Kolleg*innen auch immer wieder öffentlich vorführen und bloßstellen: Er braucht sie nämlich nicht. Gemäß seinen Vorstellungen ist Amerika autark, völlig unabhängig von anderen Staaten, beinahe beziehungslos. „America first“ eben. Da tut es ganz gut, wenn der Präsident auch gleich zeigt, wie wenig er von einer Zusammenarbeit mit anderen Nationen hält. Und wie wenig er und seine USA auf Klimaabkommen oder den Umgang mit der Flüchtlingsfrage angewiesen sind.

Societas perfecta

Kirchlicherseits hat man lange Zeit gar nicht so völlig anders gehandelt, als es Trump heute tut. Auch in der Kirche gab es Ausgrenzungstendenzen. Sie firmierten unter dem Begriff der Kirche als einer „societas perfecta“. Damit ist gemeint, dass die Kirche eine autarke Gesellschaft ist, die alles, was sie zum Leben benötigt, aus sich selbst schöpfen kann. Nach außen hin war diese Kirche beziehungslos. Die Anderen traten nur in Erscheinung, wenn man sich von ihnen abgrenzte. Und das geschah allzu oft und in fast jede Richtung.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat dieses Kirchenbild aufgebrochen und die Kirche mitten in die Welt hineingesetzt. Das Konzil hat deutlich gemacht, dass Kirche nicht ohne all das sein kann, was sich außerhalb von ihr befindet. Seien es die anderen Religionen, die anderen Konfessionen oder gar die Nichtglaubenden: Die Kirche hat den Auftrag, mit ihnen wohlwollend ins Gespräch zu kommen. Dabei ist es notwendig, dass die Kirche die Position des Außen einnimmt und dem Außen zuhört, wenn sie eine eigene Identität ausbilden will. Diese ist nämlich, so das Konzil, untrennbar mit dem Pluralismus von Meinungen, von Weltanschauungen, von den „Zeichen der Zeit“ (GS 4) verbunden. Die Kirche kann nur auf der Höhe der Zeit sein, wenn sie hörend ist für die „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ der Menschen von heute (GS 1). Dazu ist es nötig, sich nicht zu verschließen, sich nicht auszugrenzen, sondern die Beziehung zum Anderen als etwas wohltuendes wahrzunehmen und als etwas zu verstehen, durch das sich erst meine eigene Identität entwickelt und ausbildet.

Dem Pluralismus nicht aus dem Weg gehen

Deswegen wäre es ganz gut, Donald Trump würde endlich von seiner unsäglichen Position eines „America first“ ablassen. Und es wäre vielen geholfen, wenn er sich nicht selbst ständig aufs Neue ausgrenzen würde. Das amerikanische Volk ist keine „societas perfecta“. Zumindest nicht, wenn es um Fragen der Weltpolitik und des Weltklima geht, die nur gemeinsam und in Zusammenarbeit mit anderen bewältigt werden können. Ein bestehender Pluralismus an Ansichten und Denkweisen ist dabei keine Gefahr, von der man sich andauernd distanzieren muss. Vielmehr kann sich doch auch die Identität der USA erst wirklich ausbilden, wenn sie das Außen wahr- und ernstnimmt. Wenn die USA nicht in die Isolation abrutschen, sondern weiterhin mit den anderen Bündnispartner*innen an einem Tisch sitzen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Das Außen ist keine Bedrohung. Donald Trump muss sich von ihm nicht abgrenzen. Aber er muss seine „Trump first“-Haltung aufgeben, um mit den anderen einen fruchtbaren Dialog einzugehen. Alles andere wäre prekär und eine Gefahr für die Weltgemeinschaft.

Hashtag der Woche: #dialogfirst

mm

fabian brand

studierte Katholische Theologie in Würzburg und Jerusalem, derzeit Promotionsstudium im Fach Dogmatik.

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