Begriffe und ihre Geschichten

Begriffe haben ihre eigene Geschichte. Und im Lauf ihrer Geschichte wechseln sie auch gerne mal ihren Bedeutungsinhalt. Manche Begriffe sind nur von kurzer Lebensdauer und verschwinden dann wieder plötzlich. Sie tauchen ab bis sich vielleicht irgendwann wieder jemand zum*zur Schutzpatron*in erklärt. Der Begriff „Christliches Abendland“ hat so eine wechselvolle Geschichte erlebt und erfreut sich in unseren Tagen — schon totgeglaubt — einer neuen Aktualität.

Und es streiten sich gleich mehrere Anwärter*innen um das Amt des*der Schutzpatron*in. Wiederbelebungsversuche haben zuerst diejenigen gemacht, die sich „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ nennen. Aber auch bei der neuen Debatte über die Leitkultur gab es letzte Woche von Unionsseite die Forderung danach, sich wieder stärker der Bewahrung der Traditionen und Werte des „christlichen Abendlandes“ zu widmen. Kirchlicherseits hatte Bischof Voderholzer in einer Predigt, in der es auch um die Postchristlichkeit des Islam ging, seine Sorge um das „christliche Abendland“ geäußert.

Was also ist nun das, worum sich gerade so viele Menschen Sorgen machen? Wenn das „christliche Abendland“ auftaucht, wird meistens sein Untergang gefürchtet und es wird in akuter Bedrohung gesehen. Schließlich ist sein Gehalt von der Personengruppe mit ihren politischen Absichten abhängig, die ihn für sich beansprucht, und die steckt oft gerade in einer Identitätskrise. Identitätsstiftung geschieht dann durch Abgrenzung — von wem man sich abgrenzt und wen man damit ausgrenzt, wechselt, wie der Historiker Wolfang Benz betont, im Lauf der Geschichte immer wieder. Für ihn ist das „christliche Abendland“ nicht mehr und nicht weniger als ein Mythos.

Semantisch verlangt das Abendland ja schon nach einem Gegenüber, dem Morgenland, von dem man sich abgrenzen kann. Schade eigentlich, dass bisher noch niemand das Mittagsland erfand.

Im Anfang war das Morgenland

Vor dem Abendland war erst einmal das Morgenland da. Kein anderer als Martin Luther führte es in den deutschen Sprachgebrauch ein, als er in Mt 2,1 das lateinische Wort oriens mit Morgenland übersetzte, und die Weisen von dorther zur Krippe kommen ließ. Sein Reformatorenkollege Kaspar Hedio formulierte dann erstmals 1529 das „Abendland“ als geographische Gegengröße zum Morgenland. Es blieb aber ohne inhaltliche Füllung.

Wie die deutsche Romantik das „Abendland“ erfand

Die deutschen Romantiker*innen im frühen 19. Jhd. verliehen dem Abendland dann eine neue Dimension — sie gelten als dessen Erfinder*innen. Das „Abendland“ war nach dem Trauma der Trennung von Staat und Kirche nach der Französischen Revolution ihr Sehnsuchtsort geworden und in das christliche Mittelalter unter Karl dem Großen wurde die goldene Zeit projiziert. Aus dem Gegenentwurf, dem Morgenland, drohte nach Friedrich Schlegel für das Abendland gleich eine doppelte Gefahr: die aggressiven Eroberungsversuche der arabischen Herrscher und die Dekadenz des griechisch-orthodoxen Ostens. Der Begriff „christliches Abendland“ hatte es geschafft, sich gegen die eigenen Glaubensgeschwister zu wenden.

Danach wurde erst einmal ruhig um den Begriff …

Das Abendland im 20. Jhd.: Vom Untergang bedroht

… bis Oswald Spengler mit seinem kulturphilosophischen Buch „Untergang des Abendlandes“ 1922 einen Bestseller schrieb. Der Begriff „Abendland“ war wieder in aller Munde. Es gründete sich eine Zeitschrift, die sich „Abendland“ nannte und eine katholisch-konservative, akademische Leser*innenschaft hatte. Die zu bekämpfenden Übel waren Aufklärung, Reformation und Nationalismus und die Lösung bestand in einer Rekatholisierung des „Abendlands“.

Im Nationalsozialismus spielte der Begriff keine große Rolle, hatte dafür aber unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wieder einen großen Auftritt. Erneut gründete sich eine Zeitschrift aus der katholisch-konservativen Publizistik, die sich „Neues Abendland“ nannte und bspw. die These vertrat, dass Aufklärung, Französische Revolution und Säkularisierung Schuld am Ausbrechen des Zweiten Weltkriegs seien und das Unheil abgewendet hätte werden können, hätte man nicht die göttliche Gesellschaftsordnung verlassen und sich Individualismus und Nationalismus zugeneigt.

Die Gefahren der eigenen Zeit sah man sowohl im Kommunismus des Ostens als auch im Liberalismus des amerikanischen Westens. Ende der 50er Jahre war es jedoch auch schon wieder vorbei mit der neuen Blüte des Begriffs, die Zeitung stellte ihre Publikation ein und der Begriff „christliches Abendland“ fand niemanden mehr, der sich seiner annahm, hatte man sich doch mitten im Wirtschaftswachstum mit den Vorzügen der Moderne angefreundet.

Bis heute nun in einer neuen Phase der Verunsicherung in die Vergangenheit erneut goldene Zeiten projiziert werden und das „christliche Abendland“ wieder der eigenen Identitätssicherung dienen soll. Für den Theologen Manfred Becker-Huberti ist der Begriff „Christliches Abendland“ unbegründete Fiktion und heute ein Kampfbegriff gegen die „drohende Islamisierung“. Seine Funktion besteht in der Abgrenzung von einem als gefahrvoll konstruierten Außen, während der Inhalt unbestimmt bleibt.

Der Abendlands-Begriff und das Christliche — ein Widerspruch!

Wer sich auf das Christliche in seiner Identitätskrise beruft, sei herzlich willkommen. Es sei an dieser Stelle auch noch einmal daran erinnert, dass das Christentum selbst aus dem „orientalischen“ Kulturraum stammt. Jesus war kein weißer Europäer, der die griechischen Philosophen gelesen und Wagner gehört hat, er stammt aus der Denk- und Kulturwelt Palästinas zur Zeit der römischen Imperiums, war jüdisch und sprach aramäisch. Was er wollte, war Ausgrenzungsmechanismen zu stoppen. Und dabei wendete er sich gerade den Randgruppen der damaligen Gesellschaft zu. Seien es Menschen, die als Sünder*innen gebrandmarkt worden waren, Frauen und Kinder, die keine eigene Stimme hatten, Kranke und Lahme und Ausgeschlossene aller Art. Er sprach von dem Gott, der jedem einzelnen Menschen unabhängig von Herkunft, Alter und Hautfarbe sein unbedingtes Ja zuspricht und wollte partikularistischen Tendenzen im Glauben Israels eine universale Dimension verleihen.

Dem Begriff „Christliches Abendland“ wohnt also ein Widerspruch inne, wenn er zum einen als Abgrenzungsmechanismus funktioniert, aber zum anderen in der Berufung auf das Christliche eine Haltung der Offenheit und Entgrenzung beinhaltet.

Bleibt nur zu hoffen, dass der Begriff möglichst bald wieder in seinen tiefen Schlaf versinkt, aus dem ihn so schnell niemand mehr aufweckt.

Hashtag der Woche: #mittagsland


Literatur:

Benz, Wolfgang: Ansturm auf das Abendland? Zur Wahrnehmung des Islam in der westlichen Gesellschaft, Wien 2012.

Conze, Vanessa: Abendland, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2012. URN: urn:nbn:de:0159-2012030759 [05.05.2017].

Conze, Vanessa: Das Europa der Deutschen. Ideen von Europa in Deutschland zwischen Reichstradition und Westorientierung (1920-1970) (Studien zur Zeitgeschichte 69), München 2005.

Köhler, Oskar: Art. Abendland, in: TRE Bd.1, Berlin 1977.

Pöpping, Dagmar: Abendland. Christliche Akademiker und die Utopie der Antimoderne 1900 – 1945, Berlin 2002.

Schlegel, Friedrich: Philosophie der Geschichte, Wien 1829.

Weiß, Volker: Die autoritäre Revolte. Die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart 2017.


Photo von ruhrblogger.de

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claudia danzer

studiert nach Studienaufenthalten in Jerusalem und an der Universität Wien Katholische Theologie und Geschichte an der Universität Freiburg.

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