Arbeitserfahrungen Teil 1

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie mir das Spaß macht, richtig hart mit rohem Material zu arbeiten, mit Steinen, Sand, Zement, ja, mit Dreck, wie sie das nennen auf dem Bau! Die anderen schätzen meinen Einsatz, ich profitiere von ihrem Können und kann eigene Ideen einbringen, wir können da gemeinsam Probleme lösen!“

Ich gebe zu, es war in der Familie nicht leicht, die Überlegung unseres Sohnes zu akzeptieren, statt eines Studiums eine Maurerlehre anzufangen; hatte er recht, wenn er uns Vorurteile unterstellte? Partielle Ahnungslosigkeit bei gleichzeitiger paternalistischer Bevormundung? Jedenfalls brauchten wir Zeit, um zu erzählen und zuzuhören, eigene Erfahrungen mit Arbeit, zu erinnern, in unterschiedlichen Konstellationen zu streiten, sich von Dritten beraten zu lassen, zu klären, sich neu zu orientieren; ein anstrengender Prozess, fast könnte man es Arbeit nennen. Und es hat sich gelohnt.

Arbeitserfahrungen Teil 2

Dabei kenne ich es gut, das Bedürfnis, statt abstrakter Lern- und Studien-Arbeit, noch dazu in einem Fach mit kaum beweisbarem Nährwert — katholische Theologie — lieber etwas zu machen, das sichtbare Ergebnisse bringt und die eigene Leistungsfähigkeit direkt beweist. Auch bei mir galt: nach dem Studium Abkehr von spekulativen Höhenflügen, weg von hierarchisch organisierter Wahrheitsverwaltung, rein mit dem frisch erworbenen LKW-Führerschein in den selbstverwalteten Umzugsbetrieb.

Nie hatte ich mit solchen Typen vorher auch nur einen Abend zugebracht — zu fremdartig die Kleidungsstile, zu anders die Sprache, zu befremdlich manche Haltungen. Aber zusammen Möbel zu schleppen, von den Erfahreneren die Techniken zu lernen, sich bei der Arbeit ohne Befehl- und Gehorsams-Strukturen gegenseitig zu fordern und gute Ergebnisse hinzukriegen, weniger auf die Uhr und gar nicht auf einen kontrollierenden Chef zu achten, sondern zusammen die Arbeit zu Ende zu bringen: Unversehens keimten da freundschaftliche Beziehungen und dabei die Wahrnehmung eigener Stärke, die gleichwohl die anderen braucht. Gleichzeitig war klar: Im üblichen hierarchischen Aufbau ‚normaler‘ Betriebe mit ihrem oben und unten, mit ihrem Anweisen und Funktionieren wäre nichts gekeimt, sondern vieles verkümmert.

Schaffe, schaffe …

Wann schafft man wirklich was und wann gibt man sich einfach mit einer Routine zufrieden? Womöglich mit einer Religionslehrer- und kirchlichen Ehrenamtsroutine, die eher bescheidenen Zwecken (Noten, Broterwerb, Erhalt eines Status quo) dient als hehren Zielen?

Zunächst: Gegen alles Gemäkel und trotz aller berechtigten Kritik bin ich ermutigt davon, dass „Wir schaffen …“ in jüngster Vergangenheit zu einem Symbol wegweisender politischer Haltung geworden ist. Ich finde hier ein einfach und konventionell erscheinendes Tun (Schaffe, schaffe …) zunächst zu politisch genialer Rhetorik verwendet und entdecke dahinter eine spirituelle Dimension.

Anders als im Zusammenhang mit ‚Arbeit‘ und ‚Politik‘ vermutet werden könnte und manchmal ja auch (bösartig) unterstellt wird, gehört der Satz der Kanzlerin eben nicht zu einer mittel- und langfristig vorausgedachten Strategie, zu einem aus Schubladen gezogenen Plan. Eher überraschend brach es im ganzen Land auf, das Gefühl, etwas tun zu müssen und etwas beitragen zu können, die Bereitschaft, sich einzusetzen auch ohne schon vorhandene garantiert-perfekte deutsche Organisation, und: es wächst — zwangsläufig unvollkommen — Kooperation zwischen Bürger*innen unterschiedlichster politischer Haltung und Weltanschauung, zivilgesellschaftlichen Gruppen und staatlichen Organen: Not wird gewendet in einer inspirierenden großen Anstrengung. „Wir schaffen das“ bleibt trotz aller Widersprüche und fragwürdigen politischen Kompromisse, trotz aller Schäbigkeiten drum herum die wahre Beschreibung einer ansatzhaft realisierten Möglichkeit, in das chauvinistisch sich einmauernde Europa eine Bresche der selbstverständlichen Menschlichkeit zu schlagen. Die in dieser Bresche standhalten, dürfen wohl zu den Hoffnungsträger*innen Europas gezählt werden. Christ*innen und Kirchen sehen sich gefordert, Haltung und zusammen mit anderen Einsatz zu zeigen, ohne sich zu moralischen Oberlehrer*innen aufzuspielen.

Die spirituelle Dimension von Arbeit

Nicht allein vor sich hin und für sich, nicht abgehoben von anderen als Kirche zu arbeiten, kann eine spirituelle Dimension der Arbeit deutlich machen: Sie dient nicht nur erreichbaren Zwecken, sondern steht in einem größeren Sinnhorizont. Der Religionspädagoge Fulbert Steffensky weist darauf hin, dass zu einem spirituellen Bewusstsein auch gehöre, zu wissen, dass man nicht der Macher der Welt ist.

„Es schützt vor dem Ausbrennen wenn ich weiß, dass ich einen kleinen Baustein beitragen werde zum Bau des Heils, aber es hat schon Menschen vor mir gegeben, die gearbeitet, gewünscht und geträumt haben und […] [und es gibt andere], die mit mir und die weiter arbeiten. Man braucht Humor über sich selbst, gerade auch über seine Niederlagen.“ (Interview von Katharina Engels mit Fulbert Steffensky)

Welche Arbeit hat mit Wünschen und Träumen zu tun? An der Schule bin ich guter Hoffnung, dass die Jungen dort brauchbare, gelegentlich sogar inspirierende Lerngelegenheiten von uns Älteren geboten bekommen: Dort zu arbeiten, macht Sinn.

Kirche braucht Baustellen-Feeling

Für das Ehrenamt in der Kirche habe ich gerade an diesem Wochenende in Freiburg die Erfahrung gemacht, dass eine beginnende Müdigkeit in Fragen der Kirchenentwicklung durch die gemeinsame Arbeit an neuen „Diözesanen Leitlinien“ einer zuversichtlichen Stimmung gewichen ist: Engagierte, kooperationsfähige und gleichwohl streitbare Teilnehmende haben nach intensiver Vorarbeit auf unterschiedlichen Ebenen brauchbaren Texten nochmals gut begründete Ergänzungen und Wendungen eingeschrieben. Da wurde nicht das mühselige Arbeiten mit Text-Bausteinen gescheut, in Diskussionen sich nicht geschont, Text-und Moderations-Profis und Amateure haben sich gegenseitig gefordert, um zu guten Ergebnissen zu kommen. Erinnerung an Baustellen-Erfahrungen aus Studium und anderswo könnte aufkommen. Orientierung wird im Gespräch gesucht, und diese Haltung brauchen wir. Bautrupps, Umzugsteams, Gruppenstunden und Leitungsteams in Jugendverbänden, Themengruppen bei kirchlichen Klärungsprozessen — sie alle können Talenten zur Entfaltung verhelfen und dadurch ein Plus an Ideen und Engagement, womöglich sogar ein Plus an Verbindlichkeit freisetzen. Dass gleichzeitig kluge und entschiedene Leitung notwendig ist, versteht sich fast von selbst.

In theologische Sprache gesetzt rückt damit Gott als göttlicher Geist, als ruach, ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Nicht unverrückbare Wahrheiten, abgeleitet aus einem angeblich sicheren Wissen über Gott, sondern inspirierende Begegnung und kooperatives Schaffen ermöglichen unseren Dienst als Kirche in der Welt:

“Hauch Du mich an, Atem Gottes, bis ich mit Dir eines Willens bin im Handeln und im Hoffen und im Ertragen ” (Aus einem englischen Kirchenlied, zit. nach D. Sölle)

Hashtag der Woche: #schaffwas

mm

hermann schwörer

arbeitet als Religionslehrer an einer Beruflichen Schule, ist Vorsitzender in Pfarrgemeinde- und Dekanatsrat und stellvertretender Vorsitzender im Diözesanrat Freiburg.

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