Die Passionserzählung des Matthäus-Evangeliums ist voller Lügen und Heuchelei. Was ihre Protagonist*innen sagen und tun, ist selten ehrlich gemeint, gesagt oder getan. In Zeiten von Fake-News, Filterblasen, alternativen Fakten, Shitstorms, „Wir sind das Volk“-Rufen usw. sieht man die Passionsgeschichte mit anderen Augen. Die Geschichte von Leiden und Sterben Jesu, die Matthäus erzählt, kennt nicht nur aktive und aggressive Trolle, die Wahrheit neu konstruieren und definieren wollen. Der komplementäre Gegenpart zu diesen Trollen sind Menschen ohne Rückgrat, die sich nolens oder volens zu ihren Handlangern machen. Weder die einen noch die anderen meinen es ehrlich. Irgendwie erinnert es auch an ein Intrigenspiel wie in House of Cards.

Petrus – das Fähnchen im Wind

Petrus ist in der Passionsgeschichte ein Wendehals. Zweimal legt er vollmundig ein Versprechen ab: Er würde Jesus nie verleugnen; sogar dann nicht, wenn er mit Jesus sterben sollte (Mt 26,23.25). Das Versprechen hält er schon in Gethsemani nicht ein. Zwar tadelt Jesus alle Jünger („ihr“), sie hätten geschlafen – aber in Mt 26,40 spricht er zu Petrus („da sagte er zu Petrus“). Die Ankündigung Jesu, Petrus werde ihn dreimal verleugnen, erfüllt sich schon hier – Petrus schläft dreimal. Sein Wort kann Petrus nicht einmal unmittelbar darauf halten, als es „nur“ ums Wachen und Beten geht. Er hätte ehrlicher zu sich selbst sein sollen.

Sein Versprechen hält er auch nicht bei Jesu Festnahme – es heißt lapidar: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen.“ (Mt 26,56). Alle, auch Petrus. Er geht aber dem verhafteten Jesus irgendwie nach. Aber nicht aus Standhaftigkeit. Er geht in den Hof, setzt sich nieder, „um zu sehen, wie alles ausgehen würde.“ (Mt 26,58). Abwarten, wie sich die Lage entwickelt. Wird sie gefährlich oder entspannt? Erst mal die Lage checken und dann schauen, wie man sich verhält. Frei nach Franz Beckenbauer: „Schau mer mal.“ Rückgrat sieht anders aus.

Dass Petrus abwartet, in welche Richtung sich der Wind dreht, sieht man nach der Verurteilung und Verspottung durch den Hohen Rat: Petrus wird fast enttarnt – und will den Hof verlassen (Mt 26,71). Die Lage ist ernst, Jesus geht es an den Kragen und Petrus ist kurz davor, Kopf und Kragen zu verlieren. Dann lieber doch leugnen und sich in und nicht gegen den Wind stellen. Wegducken ist auch eine Lösung, wenn der Wind rauer wird. Der weltweit pfeifende Wind lädt gerade dazu ein, eine*n auf Petrus zu machen. Da hilft es aber auch nichts mehr, wenn man in seinem stillen Kämmerlein bitterlich weint (Mt 26,75) – es ist eben schon zu spät.

Die Hohenpriester, Ältesten und Schriftgelehrten – Fake-news und alternative Fakten

Diese Gruppe sind echte Profis. Jeder Spin-Doctor kann sie nur um ihr Können beneiden. Man lässt Jesus wie einen Räuber festnehmen. Jesus selbst aber ist kein Räuber, sondern ein öffentlicher Lehrer (Mt 22,55). Die Festnahme verändert die Wahrnehmung Jesu: „Gut, er mag ein Lehrer sein – aber wie man ihn behandelt, weist doch klar darauf hin: Das muss ein Räuber sein.“ Fakten werden geschaffen, neue Fakten; der Ruf wird ruiniert. Das erinnert an aktuelle Ereignisse in manchen Ländern: Journalist*innen werden als Terrorist*innen gebrandmarkt. Bei seinem Verhör bietet man Fake-news auf, falsche Zeugen (Mt 26,59-61), und zwar eine ganze Menge. Man muss nur oft genug etwas sagen – auch gerne Falsches – und man glaubt es irgendwann. Zeugen, ehrliche oder falsche, werden aber gar nicht erst gebraucht. Das stellt der Hohepriester klar, nachdem er die Worte Jesu gehört hat: „Er hat Gott gelästert! Wozu brauchen wir noch Zeugen?“ Man braucht keine Anklagepunkte, seien sie begründet oder unbegründet; man braucht keine Beweise, keine Zeugen: Eine knappe Antwort genügt und es ist zu spät, die Maschinerie läuft bereits.

Die restlichen Anwesenden werden nach ihrer „Meinung“ befragt – nicht nach einem begründeten Urteil oder Argumenten (Mt 26,66). Im Kontext des Matthäus-Evangeliums ist die Antwort Jesu auf die Frage des Hohenpriesters sehr stimmig (Mt 26,63-64). Aber der Hohepriester kennt den Kontext nicht oder will ihn nicht kennen. Ein zu bekanntes Beispiel auch aus heutiger Zeit. Wenige Worte, aus dem Zusammenhang gerissen – und das war’s dann. Die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten schaffen schnell Fakten – alternative Fakten.

Auch die Massen haben sie schnell und unkompliziert in der Hand. Sie überreden das Volk, Barabbas‘ Freilassung und Jesu Hinrichtung zu fordern (Mt 27,20). Die Lenkung geht sogar so weit, dass die Menge bereitwillig die Schuld für die Hinrichtung auf sich nehmen will. Wer so etwas tut, der*die kann wohl nur dann ruhig schlafen, wenn er*sie die Hinrichtung für eine gute und berechtigte Sache hält. Es geschieht anscheinend zum Wohle „des Volkes“. Wie könnte man da nicht dieser Hinrichtung zustimmen? Wir – das Kollektiv – sind gerne bereit, auch zu töten, wenn es „notwendig“ ist. Dass der*die Einzelne im Kollektiv anonym untergeht und sich seiner*ihrer Verantwortung immer mehr entledigt, kommt da sehr gelegen. Wenn keine*r mehr die Verantwortung hat, dann werden auch die Notwendigkeiten sehr diffus, aber immer weiter gefasst. Worin besteht der Verrat des „Volksverräters“? Das kann keine*r sagen – aber sein Tod ist dennoch notwendig.

Pilatus – der Gleichgeschaltete

Pilatus hat keinen Grund, seine Hände in Unschuld zu waschen. Mt 27,18-19 sagt unmissverständlich, dass er weiß, dass er einem Schauprozess vorsteht: Der Neid der Ankläger ist der alleinige Grund, sonst nichts. Seine Frau weist ihn darauf hin, Jesus sei ein Gerechter. Er weiß es selbst und er wird noch darauf hingewiesen – doch er spielt trotzdem mit, aus Angst vor der Menge (Mt 27,24). Er ist einer jener Justiziare, die wider besseres Wissen eifrig mit dabei sind, wenn es um Schauprozesse, dubiose Anklagen wegen „Terrorismus“ oder „Terrorismusunterstützung“ geht, was heute in manchen Ländern mehr als schnell geschieht. Ehrlichkeit? Rückgrat? Eine blinde Iustitia?

Die Zwölf – Jedermann und Jedefrau

Der Verrat kommt aus der Mitte. Die Passionserzählung beginnt mit den Worten „Darauf ging einer der Zwölf…“ (Mt 26,14). Es hätte jeder sein können, nicht nur Judas. Alle Jünger halten es für möglich, selbst der Verräter zu sein. Alle fragen: „Bin ich es etwa, Herr?“ (Mt 26,22). Jeder fühlt sich als potentieller Verräter enttarnt. Sie fühlen sich ertappt – lauert in ihnen etwas, das Jesus verraten könnte? Hätten sie ein reines Gewissen, müssten sie wohl kaum fragen. Meinen sie das mit der Sache Jesu, bei der sie mitmachen, nicht ganz ehrlich? Auch Judas benutzt dieselben Worte wie die Jünger: „Bin ich es etwa, Rabbi?“ Der einzige Unterschied besteht in der Anrede Jesu als „Rabbi“. Damit stellt er eine Verbindung zum verräterischen Kuss her: „Sei gegrüßt, Rabbi.“ (Mt 26,49). Folgt man der Spur der gleichen Worte: Es hätte wohl jeder sein können, nicht nur Judas, jeder der Zwölf, jede*r aus der Gemeinschaft um Jesus. Im inner circle, im engsten Kreis der Macht lauert der Verrat hinter jeder Ecke – House of Cards lässt grüßen.

Hashtag der Woche: #HouseOfMatthäus

dr. mathias winkler

studierte Theologie und Judaistik in Tübingen und Jerusalem. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Biblische Einleitung und Biblische Hilfswissenschaften an der Theologischen Fakultät Trier und Studienleiter für Theologie im Fernkurs an der katholischen Akademie Domschule in Würzburg.

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