Sie wird kommen: die dreißigste (!) Simpsons-Staffel. Der adipöse Alkoholiker, die notorische Nörglerin, der Rotzlöffel, die Besserwisserin und das ewig schweigende Baby, kurz: die gelbste Familie der Welt, ziehen seit Generationen Zuschauer*innen in ihren Bann. Bei Herder ist nun ein Sammelband erschienen, der die gelbe und die theologische Wirklichkeit miteinander ins Gespräch bringen will.

y-nachten.de durfte vorab einen Blick in das Buch werfen und hat mit den drei Herausgebern, Johannes Heger, Thomas Jürgasch und Ahmad Milad Karimi, gesprochen. Über Religion und Popkultur, Theologie und Katechese. Und Krusty. Und Apu. Und Ned.

y-nachten.de: Religionen haben viele Autoritäten: heilige Schriften, Traditionen, Päpste und andere Personalien. Steht (Pop-)Kultur damit in einer Linie?

Heger / Jürgasch / Karimi: Gute Fragen sind schwere Fragen. Diese hier ist auf jeden Fall eine gute, auf die – nimmt man sie wirklich ernst – keine einfache Antwort zu geben ist! Aber versuchen wir trotzdem eine Spur einer Antwort zu geben:

Zunächst widerstrebt die Frage einer einfachen Lesart von Kirche, Glaube und (Pop-)Kultur, weil sie an einer vermeintlichen Selbstverständlichkeit rüttelt. Ist es – so fragt sich sicher auch manche Leser_in – nicht so, dass auf der einen Seite der christliche Glaube steht mit all seinen Traditionen, Institutionen und auch seinen Repräsentant_innen und auf der anderen Seite die (Pop-)Kultur? Versagt sich eine Einordnung von (Pop-)Kultur in die erstellte Reihe nicht aufgrund eines systematischen Fehlers der Zuordnung?

Ein zweites Unbehagen mit der Frage ergibt sich durch das semantische Feld des „Autorität“-Begriffes, der vor allen Dingen mit Unterwerfung bzw. Zweitrangigkeit verbunden ist. Ist die Religion also – überspitzt gesagt – eine hörige Sklavin der (Pop-)Kultur?

Versteht man die Ausgangsfrage in dieser doppelten Tiefe, lautet unsere Antwort ganz klar: Jein! Wir sehen – u.a. mit Paul Tillich oder auch Karl Rahner – die (Pop-)Kultur als Ereignisraum von Religion und Reflexionsgegenstand der Theologie, dem sich diese nicht entziehen kann. Zugleich besteht aber auch keine hörige Abhängigkeit. Religion und Theologie haben auch eine (Rück-)Wirkung auf Kultur und Gesellschaft!

y-nachten.de: Wer soll von wem lernen: die Religion von der Kultur oder umgekehrt?

Heger / Jürgasch / Karimi: Warum entweder oder? Sowohl als auch!

Religion muss, wenn sie den Menschen von heute etwas sagen will, die Kontexte des Jetzt und Hier ernst nehmen und die Sprache der Gegenwart sprechen. Das heißt nicht nur, dass man einfach moderne Ausdrücke und Wörter verwendet und z. B. versucht, die eigene Botschaft in einen Jugendslang zu übersetzen. Vielmehr muss es der Theologie darum gehen, sich mit den Themen und Fragen zu beschäftigen, die Menschen heutzutage, unter unseren kulturellen Bedingungen umtreiben. Solche Fragen und Themen finden sich in den Simpsons und in anderen Werken der Popkultur en masse. Und da sie das Produkt unserer Zeit sind, sind diese Fragen auch wirklich unsere Fragen, so dass hier ein idealer Ansatzpunkt für die Theologie besteht.

Umgekehrt bietet Religion Sinn- und Orientierungspotenziale, die für jede Kultur zu einem wertvollen Schatz werden können. Kein Geringerer als der Philosoph Jürgen Habermas hat dies gerade in den letzten Jahren betont.

y-nachten.de: Auch in Game of Thrones werden ständig irgendwelche seltsamen Gottheiten angebetet. Warum eigentlich „Die Simpsons“?

Heger / Jürgasch / Karimi: Religiöse Phänomene finden sich – trotz des u.a. von Nietzsche postulierten Todes Gottes und der von Max Weber verheißenen „Entzauberung der Welt“ – in vielen Film- und Fernsehproduktionen: Auch „South Park“ spielt bspw. mit den Klischees des Juden- und Christentums und in „Vikings“ fragen die nordischen Gottheiten rund um Thor den Christengott an.

„Die Simpsons“ aber sind ein besonders spannender Gegenstand der (theologischen) Auseinandersetzung, weil sie nicht nur oberflächliche Referenzen setzen, sondern der (religiösen) Welt einen Spiegel vorhalten, in dem diese sich selbst sehen kann. Die teils reale, teils ironisch-karikierte Repräsentation von Realität in der gelben Realität ermöglicht es uns Theolog_innen, aber auch allen Zuschauer_innen, sich im gelben Spiegel zu betrachten und dabei zu lernen. Und dass es da viel zu entdecken und zu lernen gibt, das zeigen die Artikel des Bandes!

Und noch ein zweites Moment hebt „Die Simpsons“ heraus: Mit ihren derzeit 28 Staffeln, die gleichzusetzen sind mit 28 Jahren medialer Präsenz, haben sie mittlerweile mehrere Generationen an Zuschauer_innen geprägt. Theologisches durch „Die Simpsons“ zu thematisieren, hat damit den Vorteil, nicht nur ein Nischeninteresse einer Generation zu bedienen, sondern – zumindest potenziell – Interesse bei Menschen vieler Altersgruppen zu erzeugen. Eine begründete Hoffnung, die übrigens auch beim Einsatz der „Simpsons“ im Religionsunterricht oder der Katechese eine erhebliche Rolle spielt!

y-nachten.de: Was gefällt Euch an Eurem Buch am besten?

Heger / Jürgasch / Karimi: Da Eigenlob ja bekanntlich stinkt, ist auch diese Frage nicht simpel! Sagen wir so: Viele unserer Probeleser_innen, die mit Religion wenig bis gar nichts am Hut haben, konnten der Lektüre und auch der so generierten Auseinandersetzung mit Theologie etwas abgewinnen, und unsere theologisch versierten Probeleser_innen waren überrascht von der „Frische“ der Unternehmung. Und das ist doch für Herausgeber und Autor_innen das höchste Lob – dass Bücher nicht nur im Regal stehen, sondern mit Freude von ganz unterschiedlichen Menschen gelesen werden.

y-nachten.de: Das Inhaltsverzeichnis von „Ay Caramba“ liest sich sehr bunt: verschiedene Religionen, verschiedene theologische Disziplinen. Wie kommt es dazu?

Heger / Jürgasch / Karimi: Die Rede war schon davon, dass „Die Simpsons“ ein gelber Spiegel der realen Welt sind. Und auch diese Welt ist – den Putins und Trumps zum Trotz – weiterhin bunt, auch in Sachen Religion. Da war es die logische Konsequenz, dass bei einer umfassenden Beschäftigung mit religiösen Phänomenen auch die theologische Auseinandersetzung bunt wird.

Diese Herausforderung haben wir als Chance genutzt und unter den theologischen Expert_innen noch einmal Spezialist_innen für die Bearbeitungen der jeweiligen Fragen ausgewählt. So erklärt Christian Berkenkopf, ein Moraltheologe, bspw. etwas zur Aktualität des achten Gebotes. Und dass Muslime bzw. Islamwissenschaftler_innen einen sehr viel authentischeren Zugang zu Fragen des Islam haben, das wäre wohl selbst Ralph Wiggum klar zu machen.

y-nachten.de: Apu als Hindu, Krusty als Jude, Ned als Christ — nicht unbedingt Vorzeige-Kandidaten. Was macht Theologie produktiv daraus, dass die (gelbe) Realität nicht unseren Idealen entspricht? Gibt es andere Optionen als eine latent chauvinistische Ich-erklär-Euch-das-mal-Katechese?

Heger / Jürgasch / Karimi: Eine tolle Wortkreation! Genau diese „chauvinistische Ich-erklär-Euch-das-mal“-Didaktik wollen wir auf jeden Fall vermeiden. Und genau dazu bieten „Die Simpsons“ eine gute Basis!

Studiert man sie nämlich genauer – wie das in den Aufsätzen des Bandes getan wird –, dann zeigt sich zum einen, dass auch Krusty oder Ned sympathische oder gar nachahmenswerte Züge haben. So veräppelt Homer Simpson zwar am laufenden Band seinen Nachbarn Ned, ist aber auch beständig neidisch auf dessen gelingendes Leben. Und den Grund dafür macht Homer – unter anderem in der Folge „ein kleines Gebet“ – gerade in Neds frommem Leben aus. Grund genug für ihn, es auch einmal mit dem Beten zu versuchen.

Zum anderen aber erscheinen genau die benannten Figuren als Stereotype, weil sie bestimmte fehlgeleitete Formen der Frömmigkeit und des religiösen Lebens bewusst karikieren, die es so oder so ähnlich auch in der Realität gibt. Dies bspw. in der Katechese zu entschlüsseln, ist genau das Gegenteil einer „Hau-den-Lukas“-Didaktik und – auf einer anderen Ebene – eine redliche Theologie.

y-nachten.de: Welche Simpsonsfolge sollten alle an Theologie und Kirche Interessierten unbedingt gesehen haben und warum?

Heger / Jürgasch / Karimi: Darf man sich bei Fragen eigentlich auch enthalten oder schweigen? Nein, im Ernst: In der unglaublichen (religiösen) Vielfalt „Der Simpsons“ genau eine Folge oder genau eine Szene auszumachen, die sich unbedingt zu sehen lohnt, grenzte an eine Bart’sche Hybris.

Wer aber Hinweise bekommen möchte, wo es sich bei „Die Simpsons“ theologisch hinzuschauen lohnt, der kann gerne zu unserem Band greifen. Nach jedem einzelnen Aufsatz gibt es nicht nur ein Literatur-, sondern auch ein Folgenverzeichnis. So kann jede_r, der_die möchte, schnell selbst herausfinden, was ganz persönlich für sie_ihn besonders interessante Folgen und Szenen sind!

y-nachten.de: Welche Serie würdet Ihr Euch gerne noch vornehmen?

Heger / Jürgasch / Karimi: Tatsächlich sind wir durch die Beschäftigung mit den „Simpsons“ nicht müde geworden, sondern zusätzlich motiviert, Theologie auch weiterhin und über „Religion? Ay Caramba!“ hinaus kulturhermeneutisch ins Gespräch mit der Gegenwart zu bringen. Aber schauen wir mal, was die Zukunft bringt. Nun sind wir erst einmal glücklich und auch ein wenig stolz, dass „unsere“ Simpsons das Licht der Welt erblickt haben, hoffen auf viele Leser_innen und würden uns freuen, wenn auch sie nach der Lektüre „Ay Caramba!“ sagen!

Hashtag der Woche: #aycaramba


Über die Herausgeber:

Johannes Heger, Dr. theol., geb. 1983, Studium der Theologie und Germanistik in Bamberg, Wiss. Angestellter an der Universität Freiburg.

Thomas Jürgasch, Dr. theol., geb. 1978, Studium der Theologie und Philosophie in Freiburg und Oxford, Wiss. Angestellter an der Universität Freiburg.

Ahmad Milad Karimi, Dr. phil., geb. 1979, Studium der Philosophie, Mathematik und Islamwissenschaft in Freiburg und Neu Delhi, Professor für Kalām, Islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster.

Das Interview führte Franca Spies.

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