Das, was die katholische Kirche in Sachen Sexualität und Familie vertritt und was junge Menschen leben, hat oft nichts mehr miteinander zu tun. Kann man die christliche Botschaft und das moderne Leben nicht vielleicht ganz anders zusammendenken? Eine musikalische Annäherung.

Die Überschriften dieses Artikels sind Songs, die zum jeweiligen Kapitel passen könnten. Du findest sie hier als Spotify-Playlist.


#01 – Lary – Jung und Schön

„Wer liebt uns, wenn wir nicht mehr jung und schön sind?“

Spontane Gefühle und ewiger Gott, moderne Beziehungen und katholische Kirche – das scheinen Widersprüche zu sein, die sich nicht auflösen lassen. Nirgendwo sonst wird die Differenz zwischen dem, was die Kirche lehrt, und dem, was die Menschen in ihrem alltäglichen Leben umtreibt, so deutlich wie hier. Die Welt von heute dreht sich rasant, immer neue Ereignisse und persönliche Herausforderungen blitzen wie Lichter eines Stroboskops auf. Diese Atmosphäre kann man genießen und im Moment leben. Oft herrscht aber eher ein mulmiges Gefühl von Angst und Unsicherheit vor: Die Welt wird uns zu viel. Schaffe ich die nächste Prüfung? Bekomme ich meinen Traumjob? Kann ich noch gefahrlos nach Paris fliegen? Das Ich ist verletzlich, es ist zerbrechlich und sehnt sich nach Stabilität und Akzeptanz. Natürlich verliebt man sich nicht, bloß um sich ein bisschen sicherer zu fühlen. Aber in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird, wäre es doch schön, wenn wenigstens die Liebe Halt verspräche.

#02 – Depeche Mode – Personal Jesus

„Your own personal Jesus, someone to hear your prayers, someone who’s there.“

Die (romantische) Liebe nimmt heute eine Funktion ein, die vor einem Jahrhundert vielleicht noch dem Glauben zugekommen ist. Sie richtet das Leben auf ein Ziel aus; sie verspricht, unserer Existenz einen Sinn zu verleihen. Früher hoffte der Mensch auf einen Gott und sein ewiges Seelenheil im Paradies. Heute behauptet die Liebe, dass Wolke 7 gleich hinter der nächsten Straßenecke zu finden ist. Tinder funktioniert ja auch ganz ähnlich wie die neutestamentliche Gerichtsbotschaft: Gut, wenn man vom Schwarm bzw. von Jesus Christus auf die rechte Seite gewischt wird.

Unser Alltag ist stressig, in jedem Lebensbereich muss man anders funktionieren. Im Beruf oder an der Uni wird man anders wahrgenommen als im Sportverein. Zusammen mit Freund*innen verhält man sich anders als bei den Großeltern zu Hause. Wo kann man einmal frei von jedem Druck man selbst sein? Wo kann man herausfinden, was dieses Selbst überhaupt ist? Früher hätten die meisten Leute vielleicht behauptet: im Gebet. Heute sagen Soziolog*innen wie Niklas Luhmann oder Eva Illouz: in der romantischen Liebe. Was verschafft eine Erholung vom tristen Alltag? Was vermittelt ein Gefühl von unbedingter Akzeptanz durch ein Gegenüber? Wenn vom Ich nur noch ein Scherbenhaufen übrig ist, was ist dann der Superkleber? Die Forscher*innen sagen: die Religion – und der Sex. Spätestens jetzt wird klar, warum die Kirche dazu etwas zu sagen haben will.

#03 – Frittenbude – Einfach nicht leicht

„Der Kopf ist frei, doch das Herz ist zu schwer, es könnte leicht sein, und es wird immer mehr, alles ist so schnell vorbei, wie die Zeit die verstreicht, komm wir machen es uns auch einfach nicht leicht.“

Schade, dass es nicht so einfach ist. Wenn die Liebe immer fehlerfrei so funktionieren würde, wie sich die Soziolog*innen dies denken, müsste man sich ja gar nicht darüber streiten, ob Wiederverheiratete zur Kommunion gehen dürfen. Geschiedene gäbe es dann nicht. Doch der moderne Mensch macht es sich nicht leicht. Er will für sich das Beste herausholen. #Yolo. Jede Bindung stellt da eine langfristige Einschränkung, einen Verlust an Möglichkeiten und Selbstbestimmung dar. Beziehungen scheitern daran, dass die Partner*innen andere Vorstellungen von Autonomie, von Anerkennung und von Verbindlichkeit haben. Eine moderne Beziehung ist eben auch eine stetige Überforderung, weil zwei Einzelkämpfer*innen zusammen kommen. Liebe ist nicht immer leicht, sondern manchmal auch verdammt anstrengend: Ich bin, was ich fühle und eben nicht, was ich fühlen will oder soll. Zehntausende Erwartungen von Eltern, Freund*innen und einem selbst machen es nicht einfacher; unrealistische Rollenvorbilder von Disney, Rosamunde Pilcher und Matthias Schweighöfer tun ihr Übriges.

#04 – Philipp Dittberner – Wolke 4

„Lass uns die Wolke vier bitte nie mehr verlassen. Weil wir auf Wolke sieben viel zu viel verpassen. Ich war da schon ein Mal, bin zu tief gefallen. Lieber Wolke vier mit Dir als unten wieder ganz allein.“

Katholische Erwartungshaltungen sind dabei mindestens genauso fatal. Gemäß dem kirchlichen Ideal realisieren sich romantische Liebe und Sexualität in einer einzigen Ehe zwischen Mann und Frau und sind auf die Fortpflanzung hingeordnet. Wiederheirat, Ehe für alle, Patchwork-Family – Fehlanzeige. Natürlich lässt sich die kirchliche Auffassung theologisch ausgefeilt begründen. Das gilt aber auch für die Gegenposition: Liebe, egal in welcher Form, macht den Blues des Lebens tanzbar. „Die Welt ist doch wirklich schon kompliziert genug. Lasst uns doch wenigstens die Liebe!“ – Mehr gibt es zu elaborierten wie weltfremden Dubia antiquierter Kirchenfürsten eigentlich nicht zu sagen.

Es hilft niemandem, an Idealen festzuhalten, die nicht mehr erfüllt werden können. Vielleicht ist eine lebenslange Ehe wunderbar romantisch. Sie ist aber auch ziemlich unrealistisch. Deshalb: Werft die Ideale weg! Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Liebe und Sex sind bunter, als es manche in der Kirche zu glauben bereit sind. Ihr Problem ist die Perspektive: Zwar kann man ein Idealbild von einer Ehe haben und alle anderen Formen von Liebe, Beziehungen und Familie danach bewerten. Diese erreichen die allzu hohe Messlatte dann jedoch nicht. So werden sie viel zu oft als defizitär oder sündhaft abgestempelt.

Es geht aber auch ganz anders: Die Kirche könnte die Fülle amouröser Modelle und pluraler Lebensrealitäten wertschätzen. Eine wertvolle Beziehung, eine gute Familienform ist das, was funktioniert. Und zwar egal in welcher Form: gleichgeschlechtlich, auf Zeit, ohne Heirat, Freundschaft plus, polyamourös. Es geht nicht darum, welches Maß an Liebe und Verbindlichkeit man leben darf. Es geht darum, welches Maß davon man leben kann.

#05 – Swedish House Mafia – Don’t you worry child

„Up on the hill across the blue lake, that’s where I had my first heart break, I still remember how it all changed, My father said: Don’t you worry, don’t you worry child, see heaven’s got a plan for you!“

Perfekt ist es nie. Eine tadellose Beziehung, das schafft vielleicht nur Gott, wenn es ihn gibt. Eine Beziehung ist stets potentiell fragil, denn sie hängt von Gefühlen ab. Gerade deshalb ist jede von den Partner*innen als bereichernd erlebte Beziehung etwas Großartiges und somit von der Kirche zu würdigen. Eine Beziehung wird in Freiheit eingegangen und in Freiheit geführt, weil sie in der jeweiligen Situation von beiden Partner*innen als positiv erlebt wird. Wenn dieses Gefühl schon lange verschwunden ist, kann niemand eine Trennung verurteilen; dann kann diese Beziehung mit der gleichen Freiheit beendet werden, mit der sie begonnen wurde. Eine Sünde begeht nicht diejenige*derjenige, die*der das Zerbrechen einer Beziehung erlebt; vielleicht nicht einmal derjenige*diejenige, der*die eine Beziehung beendet. Eine Sünde begeht, wer nur aus gesellschaftlichen oder kirchlichen Erwartungen zusammen bleibt. Denn „Sünde“ ist die Angst davor, dass Gott eine Veränderung, die man vor sich selbst verantworten kann, nicht unterstützt. Dass er uns verlässt und aufhört, an unserer Seite zu stehen. Auch wenn es Angst macht, gilt es, diese Freiheit zur Veränderung hochzuhalten.

#06 – Blue October – Jump Rope

„You gotta hold your head up high and watch all the negative go by. Don’t ever be ashamed to cry. You go ahead cause life’s like a jump rope: Up down, up down …“

Was soll nun aber die Aufgabe der Kirche sein? Kirche kann der Raum sein, in dem man sein rasantes Leben betrachten und besser verstehen kann. Sie kann der Raum sein, in dem man scheitern darf, in dem man auch nach einem Scheitern als Mensch angenommen wird. Das gebietet der christliche Glaube. Wenn Gott sich auf den vor sich hin taumelnden Menschen eingelassen hat, indem er selbst in Jesus Mensch wurde, hat die Kirche den stolpernden Menschen erst recht zu akzeptieren. Die Kirche kann der Raum sein, in dem man darauf hoffen darf, auch nach einem Absturz wieder auf die Beine zu kommen. Die Kirche kann der Raum sein, in dem man sich sicher sein kann, dass die menschliche Liebe jeglicher Couleur ein Anhaltspunkt für die Liebe Gottes ist.

Hashtag der Woche: #tinderella

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jonatan burger

studiert Katholische Theologie in Freiburg. Er ist Teil der Redaktion von y-nachten.de.

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