Willkommen in Postfaktistan

Das Präfix „post“ hat Hochkonjunktur. Spätestens seitdem Donald Trump zum Präsidenten der USA und infolgedessen postfaktisch zum Wort des Jahres 2016 gewählt wurde. Tatsächlich erlangte dieser letztgenannte, mittlerweile so erfolgreiche Begriff viel von seiner Bedeutung im Zuge des Wahlkampfes der republikanischen Präsidentschaftskandidaten (zu gerne hätte ich diesen Begriff geschlechtergerecht geschrieben, dazu haben mir die Republikaner*innen, die nur Männer ins Rennen geschickt haben, jedoch keinen sachlichen Grund gegeben): Im „New Yorker“ konstatierte die Harvard-Professorin Jill Lepore mit Blick auf Trump und Co bereits im März 2016,

that some politicians are incapable of perceiving the truth because they have an epistemological deficit: they no longer believe in evidence, or even in objective reality.

Wenn einer Gesellschaft in ihrem politischen Agieren und dem gemeinsamen Ringen um ihren künftigen Weg der Boden der Tatsachen unter den Füßen weggezogen wird oder sie diesen in so großen Teilen freiwillig verlässt, dass er als politische Bindungskraft ausfällt, dann heißt es: Willkommen in Postfaktistan! Hier zählen die Gefühle, aber, sehr zum Bedauern von Sat. 1 und Kai Pflaume, weiß Gott nicht nur die Liebe. Die bitterste Pille ist jedoch erst noch zu schlucken, nämlich das, was in Lepores Sprechen von einem „epistemologischen Defizit“ nur angedeutet wird, sie in ihrem Essay aber noch ausführt: Es fehlt sogar eine Instanz, die über Faktizität entscheiden könnte, denn auch eine solche würde eigene Faktizität beanspruchen und sich damit alsbald mit dem emotionalisierten Vorwurf der Verlogenheit konfrontiert sehen. Für einen Trump sind fact checker im Ernstfall eben auch nur fake news.

Post für mich?

Kehren wir zu unserem Präfix zurück. Eigentlich markiert es — eher wertfrei — das Übergegangensein einer Phase in die Nächste. Damit kann man, je nach Standpunkt, Positives oder Negatives verbinden. Postpubertär: großartig. Postkoital: sowieso. Postmodern: Ansichtssache. Postfeministisch: radikal. Nur durch diese kleine Vorsilbe wird das Verhältnis von vergangener und gegenwärtiger Situation nicht eindeutig als verneinendes, bejahendes oder transformierendes qualifiziert. Und erst recht leitet sich aus der post-alischen Verschiebung eines Zustandes in die Sphäre der Vergangenheit keine zwingende Handlungsoption ab. Man kann sich postmodern vielleicht die Moderne zurückwünschen, aber wer will schon für sich selbst oder andere die Pubertät zurück? Der Einzelfall entscheidet, ob „post“ schlimm ist oder nicht, bzw. ob sich die Frage einer Wertung überhaupt stellt.

Im Falle von postfaktisch sind sich die meisten einig: „Post“ hat die Autorität der Fakten gekillt, „post“ ist nicht einfach ein Danach, sondern ein das Gewesene überwindendes, ablösendes und entmachtendes Danach. Darin besteht das ganze Drama der postfaktischen Gesellschaft. „Post“ in postfaktisch: Böses Präfix.

Wenn man im Jahr 2017 einem Neologismus diese hübsche Vorsilbe zumutet, so muss man damit rechnen, dass im Hinterkopf der damit Konfrontierten das postfaktische Glöckchen assoziativ mitklingelt. Bing. Hier gehen gute Zeiten zu Ende. Bingbing. By the pricking of my thumbs / Something wicked this way comes. Bingbingbing. Treten wir entschieden für das post-bedrohte Irgendwas ein, indem wir es in seiner reinen Prä-Postheit pflegen. Mal ehrlich: Es ist mehr so ein Feuer-rette-sich-wer-kann-Alarm als ein James-möge-den-Tee-auftischen-Glöckchen, den die Vorsilbe derzeit zum Klingen bringt. In Sachen Postfaktizität wohl zurecht, jedoch …

Willkommen in Postchristianien

In diese semantisch aufgeheizte Situation hinein gab jüngst der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer folgende Analyse zur religiösen Situation in Europa von sich:

Der Islam nun freilich, so viel Realismus müssen wir aufbringen, ist eine postchristliche Erscheinung, die mit dem Anspruch auftritt, die Kerngehalte des Christentums zu negieren: Den Glauben an den dreifaltigen Gott, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und sein Erlösungswerk am Kreuz.

„Postchristlich“. Wunderbar. Stimmt ja auch. Der Islam ist etwa 600 Jahre postchristlich. Aber darauf kommt es Voderholzer nicht an: Es ist aus dieser kurzen Passage leicht ersichtlich, dass er kein einfaches Danach im Kopf hat, wenn er dem Islam dieses Attribut verpasst. Nicht nur ein paar Jahrhunderte sind für das Präfix ausschlaggebend, sondern darüber hinaus mehrere göttliche Personen und eine Menschwerdung in Tateinheit mit einem universalen Erlösungswerk. Kerngehalte des christlichen Glaubens. Kurzum: Aus der begrifflichen Postchristlichkeit des Islam ergibt sich realiter eine ganz bestimmte Beziehung zwischen beiden Religionen. Die neuere verhält sich produktiv zur älteren: transformierend, in einer Dialektik aus Zustimmung und Ablehnung (wobei sich Voderholzer freilich auf Letzteres konzentriert).

Nun ließ es sich der Bischof in der zitierten Predigt ebenfalls nicht nehmen, den politischen Impetus dieser Verhältnisbestimmung zu bedenken:

Die Welt in der wir leben, ist zutiefst durchdrungen von christlichen Glaubensvorstellungen und den daraus resultierenden Werten. Und die sind unser aller Sorge wahrlich wert. (…) Nur wer seinen eigenen Glauben entweder nicht kennt oder nicht ernst nimmt, kann hier ein (sic!) weit reichende Integration des Islam als Islam für möglich halten.

Diese unsere Welt, nennen wir sie mal ganz assoziativ „christliches Abendland“, ist in der Lesart des Bischofs mit dem Islam genauso wenig kompatibel wie Fakten mit dem orangenen Typen in Übersee. Wer jeweils Ersteres ernst nimmt, wird sich gegen jeweils Letzteres wehren müssen. Basta la Pasta. Mit Schweinefleisch versteht sich. Vong Kulturgut her.

Ein Kategorienfehler in Sachen Religionsfreiheit

Dem Bischof ist meines Erachtens eine Kleinigkeit entgangen: Die Integrierbarkeit einer Religion — vollkommen wurscht, welcher — in unsere Gesellschaft hängt eben nicht an ihren religiösen Wahrheiten, sondern an ihrer Kompatibilität mit dem Grundgesetz. Diese beiden Kategorien verwechselt Voderholzer. Die Stärke des modernen Staates besteht gerade darin, dass religiöse Rechthabereien nur so lange okay sind, wie sie ein friedliches Zusammenleben nicht stören. So wenig die Freiheit der Gesinnung mitunter in der Binnensicht der Religionsgemeinschaften geduldet wird (ich bin katholisch, ich muss es wissen), so sehr ist sie unabdingbare Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in „unserer“ Welt. Das muss man akzeptieren, ob man nun an Allah, Jesus Christus oder das fliegende Spaghettimonster glaubt.

Zu diesem Spagat von alleindeutendem Wahrheitsfetisch nach innen und pluralismusfähiger Toleranz nach außen hat sich übrigens auch die katholische Kirche schon vor über 50 Jahren durch die Erklärung Dignitatis Humanae des Zweiten Vatikanums bekannt. Da war Voderholzer noch sehr jung und ich nicht einmal auf der Welt. Wir sind also beide postzweitvatikanisch. Wir scheinen allerdings sehr unterschiedlicher Auffassung zu sein, was dieses „post“ bedeutet und wie es zu bewerten ist.

Hashtag der Woche: #allespostoderwas


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franca spies

studierte katholische Theologie in Freiburg und Jerusalem. Sie ist Mitarbeiterin und Doktorandin am Arbeitsbereich Dogmatik der Uni Freiburg. Sie ist Teil der Redaktion von y-nachten.de.

One Reply to “Postfaktisch. Postchristlich. Postepiskopal?”

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