Herr Söder und ich

Letzte Woche ist in meine gut behütete Filterbubble ein Störenfried eingedrungen: Markus Söder, Bayrisch(st)er Staatsminister für Finanzen, Landesentwicklung und Heimat, hatte ein Video auf Facebook gepostet, um der ganzen Welt den obsoleten Beweis zu erbringen, wie bayrisch er ist. Vielleicht hat man ein solches Video schon mal gesehen. In der Regel zeigt es Herrn Söder bei einer besonders bayrischen Tätigkeit, die er auch als solche kennzeichnet. Außerdem ist Herrn Söders Social Media Aktivität entweder besonders politisch, oder aber er zeigt sich explizit ganz unpolitisch, dafür volksnah und privat: Steuerfahndung oder Star Wars-Tasse, Heimatministerium oder Homer Simpson.

Herr Söder und die Kirche

Von Markus Söder ist mir in letzter Zeit – außer dieser Posts, welche den Generationen X/Y/Z schmerzlich in Erinnerung rufen, dass inzwischen unsere Eltern und Großeltern auch auf Facebook sind – vor allem dieser Satz in Erinnerung geblieben: „Es wäre für die Kirchen besser, sie würden sich stärker auf den Glauben konzentrieren und weniger Politik machen.“ (Rietz, Christina; Schmalenbach, Merle: Kirchen sollten keine Ersatzpartei sein. Online im Internet: http://www.zeit.de/2016/47/markus-soeder-kirche-glauben-engagement (Stand: 24.02.2017).) Diese Ansage stammt aus einem Zeit-Interview mit Herrn Söder. Später konkretisierte er dann noch ganz bibelfest: Mahnen sei ok, aber in der Flüchtlingskrise seien die Kirchen schon zu weit gegangen. Sie sollen sich um ihre Angelegenheiten kümmern, wie Jesus. Der wusste ja auch schon: „Mein Reich ist nicht von eurer Welt“. Was Herr Söder wünscht, ist klar: Eine Kirche, die leise ist. Eine Kirche, die innerhalb ihrer oftmals unterkühlten Mauern bleibt und an ihrer Performance für den nächsten Sonntag arbeitet: Hemden bügeln, Krägen weiß halten, die Predigt vom Vorjahr recyceln. Kann man ja, wenn man sich nur nach dem Tagesevangelium richtet und das Weltgeschehen außer Acht lässt. Eine Kirche, die sich freut, dass zwei deutsche Parteien das C in ihren Namen tragen, die Definition dessen, was mit „christlich“ gelabelt werden darf, diesen Parteien überlässt. Dafür kommen letztere dann auch am Sonntag, freuen sich über die Show – eventuell gibt es sogar eine Fürbitte für die Mächtigen diese Welt – und hören sich die recycelte Predigt an.

Eine politische Theologie

Guess what? Diese Kirche gibt es nicht. Oder vielmehr: Diese Theologie gibt es nicht. Eine Theologie, die relevant sein will, und das sollte nun tatsächlich das Mindestmaß sein, ist immer öffentlich. Weil sie von einem Beziehungsgeschehen ausgeht und darauf aufbaut: Zwischen Gott, der Mensch wurde, um den Menschen zu begegnen, und schließlich sogar für sie gestorben ist, und den Menschen. Weil sie im Wesentlichen Solidarität befördern und ihren Gegenüber im Blick haben muss. Nur so geht Theologie nicht an den Menschen vorbei, sondern geht sie an, und nur so kann sie relevant sein. Johann Baptist Metz bringt das zum Ausdruck, wenn er in einer bindenden Dialektik Theorie und Praxis zusammen denkt: So wird aus Theologie eine politische Theologie, die sich unter den Vorzeichen einer anamnetischen Vernunft, die an die Opfer und Leidenden unserer Geschichte und unserer Gegenwart denkt, für eine Politik der Menschenrechte einsetzt. (Janßen, Hans- Gerd: Zum Theorie-Praxis-Problem in der Theologie. In: Schillebeeckx, Edward (Hg.): Mystik und Politik: Theologie im Ringen um Geschichte und Gesellschaft: Johann Baptist Metz zu Ehren. Mainz: Grünewald, 1988, S. 201.) Die sich also gerade nicht raushält oder sich mit einer Mahnung zufrieden gibt, sondern begründet Stellung bezieht und sich einsetzt.

Ach, diese Story

Die Konsequenzen einer solchen Theologie treffen natürlich an erster Stelle die Kirchen. Natürlich gibt es die Möglichkeit einer Kirche, die sich, soweit es geht, unpolitisch macht. Die sich selbst beschneidet in ihrem Auftrag und in ihren alten, sicheren Mauern bleibt. Hemden bügeln und so weiter. Die jeden Sonntag darauf wartet, dass die Menschen zu ihr kommen. Das hat funktioniert. Vielleicht funktioniert es sogar noch eine Weile. Aber: Wir ahnen alle, wie diese Geschichte zu Ende geht, wir kennen sie, haben sie selbst sonntags schon beobachtet. Sicher ist: Diese Geschichte geht zu Ende, Kirche funktioniert so nicht mehr. Nicht heute. Irgendwann wird nur noch Herr Söder kommen. Außerdem: Eine politische Kirche, das ist keine neue Erfindung, im Gegenteil: Menschenmengen aufmischen, keine Konflikte scheuen, mit Konventionen brechen (und damit meine ich nicht die Sandalen!). Laut sein und ungemütlich werden, aber Solidarität nicht nur predigen, sondern sich aktiv auf die Seite derer schlagen, die im toten Winkel der Gesellschaft stehen. Alles riskieren für die eigene Botschaft, die gegen die Bequemlichkeit eines passiven Wartens auf eine andere Welt steht. Bekannte Story? Die Kirchen haben großartige Menschen inspiriert, für andere einzustehen und gleichzeitig haben sie oft ihre Augen verschlossen vor der Not der Opfer dieser Welt. Ihnen allen sind es die Kirchen schuldig, politisch zu werden, laut zu sein.

Die Kirche und die liebe Politik

Schön, dass in den letzten 25 Jahren außer Dschungelcamp nichts Relevantes passiert zu sein scheint. Schön, dass die Predigt am Sonntag ausgereicht hat, um das eigene Gewissen bis zum kommenden Samstagabend zu beruhigen. Aber jetzt dreht sich die Welt wieder, und zwar spürbar, denn wir alle drehen uns mit. Egal wie viel von dieser Welt: es ist schwer zu übersehen, dass die USA der Unordnung nicht nur einen Namen gegeben, sondern sie gleich zu ihrem Präsidenten gewählt haben, dass die Kriegsschauplätze dieser Welt nicht mehr in eine Zeitung passen, während an jeder tragenden Säule Europas Rechtspopulist*innen um die Wette sägen. Spätestens jetzt wird es Zeit, nach draußen zu gehen und politisch zu werden. Das gilt für uns alle, aber dieser politische Aktivismus darf nicht vor den Kirchen Halt machen oder mit dem Regenschirm am Eingang abgelegt werden. Deshalb brauchen wir eine offene und politische Kirche. Eine Kirche, die Diskussionen, innen wie außen, nicht scheut. Eine Kirche, die ihre Meinung sagt: am Sonntag in der Predigt das Weltgeschehen nicht aus dem Blick verliert und vor allem werktags die Hemden ungebügelt lässt, die Ärmel hochkrempelt – das macht eh wieder Falten -, aus der Kirche kommt und laut ist. Eine Kirche, die das Narrativ um das C nicht den anderen Buchstaben und den Berufspolitiker*innen überlässt, sondern sich eine Meinung bildet und sie sagt. Eine Kirche, die für ihre Überzeugungen eintritt und gesellschaftliche Missstände anprangert. Die handelt, nicht nur mahnt. Mahnen ist das 2.0 des enttäuschten Blicks als Erziehungsmaßnahme. Der hilft niemandem. Kirche ist nun mal in dieser Welt, also ist sie mitverantwortlich, diese zu gestalten. Nicht nur am Sonntag, sondern 24/7.

Dreh mal den Bass auf!

Und jetzt? Das ist kein Aufruf, heute die nächste Partei mit C im Namen zu gründen. Davon ist die politische Landschaft definitiv übersättigt. Niemand will euch C-Parteien das Recht wegnehmen, zu jammern und zu mosern, dass Bayern nicht noch freier sein darf. Und noch sicherer. Dass Mutti euch nicht genug Aufmerksamkeit schenkt. Niemand nimmt euch die Selfiekamera weg. Und die Star Wars-Tasse. Aber über eure Arbeitsdefinition von „christlich“, darüber müssen wir reden. Und zwar alle, aber vor allem die Kirchen. Denn eine Kirche, die ihre Story noch für relevant hält, muss sie erzählen. Und sie muss für sie einstehen, sich einmischen, laut „Nein!“ schreien, wenn unter dem Label „christlich“ Unmenschliches gefordert wird. Und das am besten mit aufgedrehtem Bass. Sie muss ihre Stimme nutzen, um für diejenigen Lobby zu sein, die keine Stimme haben. Sie muss lernen wie es ist, auch mal ungemütlich zu sein. Sie muss sich als gleichberechtigte Partnerin an den Verhandlungstisch zurückkämpfen, und dann ertragen, dass man sich dort streitet.

 

Hashtag der Woche: #drehdenbassauf

 

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hannah ringel

studiert in Freiburg katholische Theologie. Sie ist Hilfskraft am Arbeitsbereich Fundamentaltheologie. Sie ist Teil der Redaktion von y-nachten.de.

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