Soooo wunderbar groooß …

Sofern ein*e Katholik*in überhaupt am Sonntag einen katholischen Gottesdienst besucht und dann auch nicht jede Woche dieselbe Gemeinde ansteuert, kann es mitunter vorkommen, dass der*die Kirchgänger*in mehr oder weniger freiwillig mehrfach in die Vorstellung der diesjährigen Erstkommunionkinder gerät. Mir ist das jetzt binnen weniger Wochen bereits zweimal passiert und das, was ich in den beiden Gottesdiensten erlebt habe, hat mich zum Nachdenken angeregt.

Beide Gottesdienste sollten wohl so etwas wie der Startschuss der Erstkommunionkatechese sein. Im ersten Gottesdienst spricht der zelebrierende Priester zu Beginn davon, dass nun „eine ganz besondere Zeit“ für die Kinder beginnen würde und er erwähnt mehrfach – nach meinem Geschmack viel zu oft –, dass man sich jetzt „auf einen gemeinsamen Weg“ machen würde. Achja, in einem Nebensatz erklärt er, was denn die Kommunion eigentlich sei: „Gemeinschaft mit Jesus“.

Soweit, so ungut. Ich bin mal wieder genervt von den vielen Floskeln, gebe der ganzen Sache aber noch eine zweite Chance. Mittlerweile sind wir in der Liturgie bei der Predigt angekommen. Es folgt das, was ich schon erwartet bzw. eher befürchtet hatte: ein Frage-Antwort-Spiel. Am Ende des „Predigtgesprächs“ wissen die Kinder: Johannes der Täufer, um den es im Evangelium ging, hat das Kommen Jesu angekündigt. Nebenbei trug Johannes einen Kamelhaarmantel, aß leidenschaftlich gerne wilden Honig sowie Heuschrecken und ist sogar Patron der Kirche, in der der Gottesdienst stattfindet.

Nach der Predigt stellen sich die Erstkommunionkinder brav nebeneinander vor dem Altar auf und sollen sich der Gemeinde vorstellen. Jedes Kind sagt seinen Namen, sein Alter (alle sind gleich alt) und ein Hobby. Das wars. Gefühlte tausend Mal schon so erlebt. Aber die Vorstellung ist noch nicht zu Ende. „Die Kinder werden nun ein Lied mit Bewegungen vortragen, das sie bei einer Führung durch die Kirche vor einigen Tagen gelernt haben“, kündigt die pastorale Mitarbeiterin an. Und dann kommt etwas, womit ich wirklich nicht gerechnet hätte: „Gottes Liebe ist so wunderbar“ oder „Er hält die ganze Welt in seiner Hand“, wie manche das Kindergartenlied (!) nennen.

Glücklicherweise werden meine Nerven einige Wochen später etwas mehr geschont, als ich wieder in einem Gottesdienst zur Vorstellung der Erstkommunionkinder sitze. Das „Neue-Geistliche-Lied“ kommt diesmal aus einem E-Piano und ist immerhin von 1990 statt von 1970. Die floskelhafte Sprache und die ewigen Wiederholungen des Pfarrers empfinde ich allerdings im Gegenzug als noch schlimmer. Am meisten verwundert mich aber die Geschichte, auf der die Erstkommunionvorbereitung basieren soll. Es ist die Geschichte von Fisch Swimmy und damit dieselbe wie bei meiner Erstkommunion vor 13 Jahren. Ich frage mich zum einen, warum immer noch eine Kindergeschichte von 1963 für die Erstkommunionkatechese herhalten muss, und zum anderen, warum keine Erzählung aus dem Evangelium die Grundlage für die Vorbereitung sein soll. Der kleine Prinz, die Maus Frederik oder Fisch Swimmy scheinen wohl in gewissen Kontexten seit langer Zeit beliebter zu sein als eine Jesusgeschichte. Darauf näher einzugehen, könnte aber allein schon ganze Seiten füllen, was ich an dieser Stelle nicht tun möchte. Nein, es geht mir um etwas anderes. Aus dem Erlebten konnte ich nämlich zwei Erkenntnisse für mich ableiten.

Scheiße, in meinem Keller liegt ’ne Leiche

Erstens: Die Erstkommunionkatechse wird in einigen Gemeinden anscheinend wirklich noch wie vor Jahrzehnten durchgeführt und wirkt damit wie das Skelett eines Konzeptes aus Zeiten der Volkskirche. Generell scheint die Praxis, dass katholische Kinder in Deutschland im dritten Schuljahr zur Erstkommunion und in der Pubertät zur Firmung gehen, ein überholtes Relikt zu sein, wie der Hamburger Referent für Katechese Jens Ehebrecht-Zumsande vor kurzem in einem Interview resümierte. Er wirbt stattdessen für eine generationenverbindende Katechese.

Zweitens: Gottesdienst darf Spaß machen! Kinder sind vor allem dann bei der Sache, wenn etwas Spaß macht. In der Freizeit beim Spielen mit Freund*innen, im Sport und auch in der Schule. Warum sollte dann nicht auch ein katholischer Gottesdienst mit Elementen aufgepeppt werden, die die wirkliche Lebenswelt der Kinder aufgreifen? Klar, es würde dann wahrscheinlich in der heiligen Messe etwas wilder, etwas bunter und etwas lauter zugehen als gewohnt. Ich glaube: Gott hätte da nichts dagegen.

Angst ist kein guter Ratgeber

Wenn es um die bisherige Praxis der Erstkommunion- und auch der Firmvorbereitung geht, finden die meisten hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitenden, das sich etwas ändern müsse. Wenn es dann aber an die konkrete Umsetzung von ungewöhnlichen Ideen geht, bekommen viele kalte Füße. „Das ist zu viel Veränderung für die Sonntagsgemeinde, wenn die Atmosphäre im Gottesdienst plötzlich eine ganz andere ist. Die hält uns schließlich auch im restlichen Jahr die Stange“, kommt einem da beispielsweiße zu Ohren.

Keine Jahrgangskatechese mehr? – „Da brechen doch von heute auf morgen die Zahlen ein!“ Dieses Argument mag schwer wiegen. Die Realität aber ist, dass schon heute die Anmeldezahlen für die Sakramente der Firmung und Ersteucharistie drastisch eingebrochen sind. Von der Beichte ganz zu schweigen. In einer meiner Heimatgemeinden gingen vor wenigen Jahren noch nahezu alle Kinder der dritten Grundschulklasse zur Erstkommunion. In diesem Jahr haben sich von 39 eingeladenen Familien nur 21 für die Vorbereitung zur Erstkommunion entschieden.

Das Bistum Regensburg reagierte vor kurzer Zeit auf die zurückgehenden Anmeldezahlen bei der Firmung mit der Herabsetzung des Zulassungsalters in der Hoffnung, so noch mehr junge Katholik*innen zu erreichen. Auf mich wirkt die Entscheidung, Kindern das Firmsakrament zu spenden und ihnen in der Vorbereitungszeit zu vermitteln, sie seien ab sofort unter anderem mitverantwortlich für ihre Kirche, sehr abstrus.

Bloß nicht keine Experimente

Für mich steht fest: In der Katechese einfach so weiterzumachen wie schon vor Jahrzehnten führt schlussendlich zu Anmeldezahlen, die sich im Bereich der Nulllinie einpendeln. Ebenso wird auf Dauer die eigentliche Bedeutung der Sakramente unterschlagen. Meine Devise heißt: Es dürfen neue, ungewöhnliche, ja vielleicht auch verrückte Ideen gesponnen und ausprobiert werden! Dabei sollte stets die wirkliche Lebenswelt der Menschen in den Blick genommen werden, die angesprochen werden sollen. Zuletzt sollte niemals der Aspekt einer wahrhaftigen Beziehung von Katechet*innen und Teilnehmer*innen unterschätzt werden. Denn, wie eine Studie zur Erstkommunionkatechese zeigte, es kommt vielmehr auf die gewachsenen Beziehungen innerhalb der Vorbereitungszeit an, als auf deren Länge oder Inhalte. Gewachsene Beziehungen sind es auch schlussendlich, die etwas über die Nachhaltigkeit einer Katechese aussagen.

Ich bin davon überzeugt, dass die katholische Kirche wachsen kann. Nicht nur an den Herausforderungen, die sich ihr stellen, sondern auch an Menschen, die nach ihren Sakramenten fragen. Bis sich jedoch ein Wachstum einstellen kann, muss sich noch so einiges in den kirchlichen Strukturen und Praktiken ändern. Für solche Veränderungen braucht es vor allem Mut und eine gewisse Risikobereitschaft, die ich allen wünsche, die sich kirchlich engagieren.

Hashtag der Woche: #probiermalwasneues

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andreas feige

studiert katholische Theologie in Freiburg und ist studentische Hilfskraft am Arbeitsbereich Pastoraltheologie der Universität Freiburg.

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