Musik und Reformation

„Lieder haben zur Zeit der Reformation dem Volk eine Stimme gegeben, haben die Menschen in ihrem Herzen angesprochen und in ihrem Glauben gestärkt.“ So heißt es in der Ausschreibung der EKD und des Deutschen Evangelischen Kirchentags für den Liedwettbewerb anlässlich des Reformationsjubiläums 2017, bei dem neue zeitgemäße Gemeindelieder entstehen sollen, die sich mit den zentralen Themen der Reformation sprachlich und musikalisch auseinandersetzen.

Nicht nur zur Zeit der Reformation haben Lieder dem Volk eine Stimme gegeben. Mit zahlreichen Lieddichtungen beteiligte sich Martin Luther am neuen Gemeindegesang, der schnell zum Kennzeichen und zu einer der schärfsten Waffen der Reformation wurde und als ‚singende Verkündigung‘ des Evangeliums und der neuen Lehre hochgeachtet war.

Die Bedeutung der Musik für Glaube und Gemüt beschrieb Luther folgendermaßen: „Die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes; sie vertreibt den Teufel und macht die Menschen fröhlich.“ Er war selbst ein guter Sänger und Lautenspieler und verdichtete in seinen Liedern die reformatorischen Glaubenssätze zu Musik. Durch das Zusammenwirken von Text und Melodie im Lied verbinden sich die Aussagen, verstärken sich, packen das Herz der Singenden noch einmal ganz anders als bei gesprochenen Texten. Dies kann aber nur gelingen, wenn die Sprache der Lieder verstanden wird. Deutschsprachige geistliche Lieder gab es auch schon vor Luthers Zeiten, aber Luther brachte die volkssprachigen Lieder wieder in den Gottesdienst zurück und reformierte damit auch die liturgische Gestaltung des Gottesdiensts.

Ein Jahrhundert später prägte die kongeniale Partnerschaft von Paul Gerhardt und Johann Crüger (und nach dessen Tod Johann Ebeling) das protestantische Kirchenlied und mit Johann Sebastian Bach erreichte die evangelische Kirchenmusik ihren grandiosen Höhepunkt. Gerade zu den Reformationsjubiläen entstand und entsteht neben Predigten, Flugschriften, Umzügen und Ähnlichem auch Musik. Vor allem bei den ersten überregionalen Jubiläen im 17. Jahrhundert, zum Zentenar des Thesenanschlags (1617) und der Confessio Augustana (1630), trugen namhafte Komponisten wie Heinrich Schütz, Johann Hermann Schein oder auch Michael Altenburg festliche Werke in verschiedenen Gattungen bei.

Anhand von drei Werken, die zu verschiedenen Reformationsjubiläen entstanden, möchte ich zeigen, wie sich die Reformation bis heute in der kirchlichen und der weltlichen Musik auswirkt. Besonders berücksichtigt werden dabei die unterschiedlichen Bezüge zu den Gegebenheiten und Themen der Reformation.

Musik zu Reformationsjubiläen I

Wahrscheinlich anlässlich des hundertjährigen Reformationsjubiläum 1617 komponierte der preußische Komponist die undatierte achtstimmige Motette mit dem Titel Lutherisches Jubel- und Danklied, wegen des durch S. Hrn. Lutherum, das teure Werkzeug Gottes, angefangenen und vollzogenen grossen Reformations-Werks wider das Papsttum auf einen Text des Königsberger Poeten und Lehrers Peter Hagius. Bereits im Titel ist programmatisch beschrieben, was bejubelt und wofür gedankt wird: Luther als „teure[s] Werkzeug Gottes“ führt die Reformation „wider das Papsttum“ ein – auch wenn die Reformation bereits 1525 durch Herzog Albrecht I. von Brandenburg-Ansbach in Königsberg etabliert wurde, war die ostpreußische Enklave von vielen katholischen Ländern wie z.B. dem Königreich Polen umgeben.

Die drei Textstrophen von Peter Hagius vertonte Johann Stobaeus im zeitgenössischen Motettenstil. In der ersten Strophe wird auf den Bau der Arche durch Mose nach Gen 6 Bezug genommen. Der Text der zweiten Strophe lautet:

Nun sein verflossen hundert Jahr,
da Gottes Wort geschienen klar
noch vor dem End, und mancher Christ
gerecht und selig worden ist,
der sich allein in seiner Noth
verlassen hat auf Christi Tod,
und in dem Kampf behalten fein
den Glauben und Gewissen rein.
Darum wir Gott, den Herren
Mit Gsang von Herzen ehren.

Diese Strophe thematisiert die vergangenen hundert Jahre seit Beginn der Reformation und lobt die Standhaftigkeit der Protestant*innen während der Glaubens- und Konfessionskriege, in denen „Glaube und Gewissen“ rein bleiben. Die dritte Strophe schließlich beschreibt die zeitgenössische Gegenwart, in der seit längerer Zeit Friede und Gerechtigkeit dank Gottes Güte herrschen. Alle drei Strophen enden jeweils mit dem Refrain, Gott durch Singen zu loben.

Zum Reformationsjubiläum 1617 nehmen Hagius und Stobaeus also einerseits die Zeitspanne von hundert Jahren in den Blick und verbinden sie mit ähnlich langen Zeitabschnitten in der Bibel, andererseits rückt der Bezug zur Gegenwart in den Mittelpunkt. Jeweils abgerundet und verknüpft werden die Inhalte durch das gesungene Lob Gottes in wörtlichem und übertragenem Sinn zugleich.

Musik zu Reformationsjubiläen II

Als zweites Beispiel möchte ich die sogenannte Reformationssinfonie Nr. 5 op. 107 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) vorstellen, die im Jahr 1830 zum dreihundertjährigen Jubiläum der Confessio Augustana entstanden ist. Ihre Aufführung zum 25. Juni 1830 fand aber aufgrund der politischen Ereignisse nicht statt: Die Julirevolution in Frankreich provozierte in weiteren europäischen Ländern Unruhen, sodass keine festlichen Veranstaltungen gefeiert wurden. Die Uraufführung der Sinfonie geschah erst zwei Jahre später in Berlin unter dem Titel Symphonie zur Feier der Kirchen-Revolution. Das Werk hatte wenig Erfolg und geriet schnell in Vergessenheit.

Von den vier Sätzen nehmen der erste und der vierte Satz Bezug zum programmatischen Titel: Im ersten Satz wird das gregorianische Magnificat zitiert und das sogenannte Dresdener Amen als musikalisches Material verwendet. Das Finale (der vierte Satz) ist als Choralvariationssatz zu Luthers „Ein’ feste Burg ist unser Gott!“ gestaltet. Ursprünglich der vorösterlichen Fastenzeit zugeordnet, avancierte einer der bekanntesten Reformationschoräle noch im 16. Jahrhundert zum Protest- und Reformationsgedenklied. Mit der Vertonung vom Psalm 46 bietet Luther ein Trostlied zur Selbstvergewisserung der Protestant*innen: „Christus behält das Feld, Gottes Wort stürzt den Teufel – und das Reich Gottes bleibt für die Rechtgläubigen reserviert.“ Auch wenn die Reformationssinfonie heutzutage nicht als ‚Spitzenwerk‘ Mendelssohns bewertet wird, legt sie doch Zeugnis ab für seinen tief im Christentum wurzelnden Geist und seine Anhänglichkeit an den evangelischen Glauben, in dem er aufgewachsen war.

Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind
Mit Ernst er’s jetzt meint,
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Luthers „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ hat eine außergewöhnliche kulturgeschichtliche Bedeutung. Der Choral wurde und wird bis heute unzählige Male musikalisch bearbeitet und zitiert: Neben Choralsätzen gibt es Choralkantaten (z.B. von J.S. Bach) und Choralbearbeitungen, Märsche (z.B. Richard Wagner), Festouvertüren, Opern, Choralfantasien (z.B. Max Reger), instrumentale und gesungene Werke gleichermaßen. Mendelssohn reiht sich mit seiner Variation also in eine lange und umfangreiche Tradition ein.

Musik zu Reformationsjubiläen III

Meinen schlaglichtartigen Streifzug durch die Musiken zu Reformationsjubiläen möchte ich mit einem kurzen Ausblick beenden und eine Liedkomposition zum Reformationsjubiläum 2017 aus dem eingangs erwähnten Liedwettbewerb vollstellen. In drei Kategorien wurden neue geistliche Lieder gesucht, die zentrale Themen der Reformation zeitgemäß interpretieren:

A – neue Texte und neue Melodien

B – neue Texte zu bekannten Melodien

C – neue Melodien zu bekannten Texten

Vor allem die Lieder der Kategorien B und C sind hier von Interesse, da entweder die Melodien (B) oder die Texte (C) aus dem 16. Jahrhundert stammen. Als Beispiel dient der neue Text auf die Melodie „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ von Nikolaus Decius (1523), den der evangelische Pfarrer und Liedermacher Clemens Bittlinger (*1959) dichtete.

Thema des Liedes sind eher allgemein gehaltene Gedanken, die wenig explizite Bezüge zur Reformation aufweisen. In der ersten Strophe wird Gott als Schöpfer der Tageszeiten und von Raum und Zeit gelobt; die zweite Strophe „dass wir so reich Beschenkte sind“ (V. 6) lässt sich aber auf eine von Luthers essentiellen Erkenntnissen beziehen: Wir Menschen werden nur aus Gnade sola gratia erlöst, ohne eigene Werke und erhalten diese Gnade von Gott geschenkt:

Ein neuer Tag ist ein Geschenk,
das will ich gern entfalten,
will nutzen diese gute Zeit,
und ganz bewusst gestalten.
Oft leben wir so vor uns hin,
dass wir so reich Beschenkte sind,
das lass uns nicht vergessen.

Die dritte Strophe ermutigt die singende Person, die*den Nächste*n und ihre*seine Bedürfnisse wahrzunehmen. Leider bleibt es bei floskelhaften Allgemeinplätzen, wie sie vielmals im neueren geistlichen Liedgut erscheinen. Um bei der zweiten Strophe zu bleiben: Wie sieht denn eine bewusste Gestaltung der „gute[n] Zeit“ aus und wie zeigt sich unser reiches Beschenktsein im Alltag, dass wir nicht vergessen sollen? Und vor allem: Wie können derartige Texte neue Zugänge zu Liedern der Reformationszeit schaffen, wie die Ausschreibung des Liedwettbewerbs proklamiert? Das muss jede*r für sich selbst entscheiden und es hängt auch vom persönlichen Zugang und Geschmack ab – verschiedene Lieder, Kompositionen und Werke sprechen unterschiedliche Menschen an und können sie auf ihre jeweils eigene Weise stärken. Ich persönlich halte es aber dann doch lieber mit Decius und seinem klaren Bekenntnis zu Luther in der vierten Strophe von „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ – trotz altertümlich und ein wenig martialisch anmutender Sprachgewalt steckt hier viel mehr Reformation (Luthers Gnadenlehre!) als in Bittlingers Text:

O Heilger Geist, du höchstes Gut,
du allerheilsamst‘ Tröster:
vor Teufels G’walt fortan behüt,
die Jesus Christ erlöset
durch große Mart’r und bittern Tod;
abwend all unsern Jamm’r und Not!
Darauf wir uns verlassen.

Hashtag der Woche: #luther2017

frédérique renno

studierte Musik und Germanistik in Freiburg und Wien. Sie ist Mitarbeiterin und Doktorandin im Deutschen Seminar der Uni Freiburg. Sie gehört der evangelisch-methodistischen Kirche an.

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