Fake-news und alternative Fakten: Die Passion nach Matthäus

Die Passionserzählung des Matthäus-Evangeliums ist voller Lügen und Heuchelei. Was ihre Protagonist*innen sagen und tun, ist selten ehrlich gemeint, gesagt oder getan. In Zeiten von Fake-News, Filterblasen, alternativen Fakten, Shitstorms, „Wir sind das Volk“-Rufen usw. sieht man die Passionsgeschichte mit anderen Augen. Die Geschichte von Leiden und Sterben Jesu, die Matthäus erzählt, kennt nicht nur aktive und aggressive Trolle, die Wahrheit neu konstruieren und definieren wollen. Der komplementäre Gegenpart zu diesen Trollen sind Menschen ohne Rückgrat, die sich nolens oder volens zu ihren Handlangern machen. Weder die einen noch die anderen meinen es ehrlich. Irgendwie erinnert es auch an ein Intrigenspiel wie in House of Cards.

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Der erste Schritt zur Freude

Predigt zu Mt 28,1-10 vom Ostersonntag, den 16. April 2017, in der Erlöserkirche Pforzheim.

Überwindung

Manchmal ist der erste Schritt zur Freude die Überwindung der Angst: Der Urlaub steht unmittelbar bevor, aber ich muss noch so viel Wichtiges und Dringendes im Beruf und zu Hause erledigen. Ich will unbedingt diese eine Arbeitsstelle, sie ist wie für mich geschaffen, aber zuvor muss ich dieses unangenehme anspruchsvolle Bewerbungsverfahren durchlaufen. Josef könnte so glücklich über die Ankündigung der Geburt seines Sohnes sein, aber die Leute würden über ihn abschätzig denken, verachtend über ihn reden und ihn genau so auch behandeln. Den Hirten auf dem Feld wurde eine unglaubliche, aufrüttelnde, befreiende Nachricht überbracht. Wenn sie diese ernst nehmen, würden sie dann nicht möglicherweise einer Fata Morgana aufsitzen und sich wieder neu zum Gespött der Leute machen und für völlig verrückt erklärt? Zwei Frauen, die abends zum Grab Jesu gehen, erscheint ein Engel und sagt ihnen, dass der grausam Hingerichtete auferweckt worden sei. Und sie bekommen es erst einmal so richtig mit der Angst zu tun, denn das Grab, in das der Tote gelegt wurde, war wirklich leer.

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Zwischen Liebe und Nichts

Wider die Banalität des Todes

Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde,
und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei.
Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.
(Lk 23,44-46; Luther 2017)

Der Einbruch der Finsternis zur Mittagsstunde, eine Sonne, die ihren Schein verliert, auch im Tempel ein Zeichen vom Himmel: Nichts könnte im Moment des Todes Jesu stimmiger sein. Ein nahezu apokalyptisches Szenario bricht mit seinen letzten Worten über die Welt herein. Die den helllichten Tag überwältigende Dunkelheit erinnert an alttestamentlich bezeugte Theophanien und kündet vom drohenden Gericht Gottes über die fehlgehende Menschheit (vgl. Am 8,9f.; Lk 22,53). Der Tempelvorhang, der die Menschen vom Allerheiligsten trennt, zerreißt gleichzeitig und lässt die Gegenwart Gottes in der Welt durchscheinen.

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Wir schaffen – was?

Arbeitserfahrungen Teil 1

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie mir das Spaß macht, richtig hart mit rohem Material zu arbeiten, mit Steinen, Sand, Zement, ja, mit Dreck, wie sie das nennen auf dem Bau! Die anderen schätzen meinen Einsatz, ich profitiere von ihrem Können und kann eigene Ideen einbringen, wir können da gemeinsam Probleme lösen!“

Ich gebe zu, es war in der Familie nicht leicht, die Überlegung unseres Sohnes zu akzeptieren, statt eines Studiums eine Maurerlehre anzufangen; hatte er recht, wenn er uns Vorurteile unterstellte? Partielle Ahnungslosigkeit bei gleichzeitiger paternalistischer Bevormundung? Jedenfalls brauchten wir Zeit, um zu erzählen und zuzuhören, eigene Erfahrungen mit Arbeit, zu erinnern, in unterschiedlichen Konstellationen zu streiten, sich von Dritten beraten zu lassen, zu klären, sich neu zu orientieren; ein anstrengender Prozess, fast könnte man es Arbeit nennen. Und es hat sich gelohnt.

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Das Gute, das Böse und Star Wars

Ein Mann in schwarzer Rüstung samt Cape stürmt zu dramatisch furchteinflößender Musik mit seiner ebenfalls komplett maskierten militärischen Begleitung ein anderes Raumschiff und versucht, einer Prinzessin zu entlocken, wo sie versteckt hält, was er sucht. Die Rollen in Star Wars scheinen von den ersten paar Minuten an klar verteilt. Die Anhänger*innen des Imperiums auf der dunklen Seite der Macht sind die Bösen und die Rebell*innen, die die Unterdrückung beenden wollen und sich auf der hellen Seite der Macht positionieren, sind die Guten. Klar, es macht Fiktionen attraktiv, dass wir der Komplexität der Realität entfliehen können. Doch obwohl es am Anfang so scheint, wird eine allzu simple Betrachtungsweise auch Star Wars nicht gerecht.

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Religion? Ay Caramba!

Sie wird kommen: die dreißigste (!) Simpsons-Staffel. Der adipöse Alkoholiker, die notorische Nörglerin, der Rotzlöffel, die Besserwisserin und das ewig schweigende Baby, kurz: die gelbste Familie der Welt, ziehen seit Generationen Zuschauer*innen in ihren Bann. Bei Herder ist nun ein Sammelband erschienen, der die gelbe und die theologische Wirklichkeit miteinander ins Gespräch bringen will.

y-nachten.de durfte vorab einen Blick in das Buch werfen und hat mit den drei Herausgebern, Johannes Heger, Thomas Jürgasch und Ahmad Milad Karimi, gesprochen. Über Religion und Popkultur, Theologie und Katechese. Und Krusty. Und Apu. Und Ned.

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Abschied von Wolke 7

Das, was die katholische Kirche in Sachen Sexualität und Familie vertritt und was junge Menschen leben, hat oft nichts mehr miteinander zu tun. Kann man die christliche Botschaft und das moderne Leben nicht vielleicht ganz anders zusammendenken? Eine musikalische Annäherung.

Die Überschriften dieses Artikels sind Songs, die zum jeweiligen Kapitel passen könnten. Du findest sie hier als Spotify-Playlist.

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Von der unbändigen Sehnsucht nach Leben

Schnipo Schranke

„Schnipo Schranke“ (nach den Gerichten Schnitzel und Pommes mit Mayonnaise und Ketchup) nennt sich die Hamburger Indie-Popband, die erst Anfang Februar ihr zweites Album „rare“ auf den Markt gebracht hat. Daniela Reis und Friederike (Fritzi) Ernst machen keine alltägliche Musik. Vom Stil erinnern sie durch den beinahe kontinuierlichen Synthi-Einsatz ein bisschen an die Hits der Neue Deutschen Welle. Unweigerlich muss man an die Lassie Singers denken. Doch sind ihre Texte weit nicht so brav, wie die einer Nena oder die der Spider Murphy Gang. Fast alle Lyrics von Schnipo Schranke sind irgendwie obszön oder haben mit Körperausscheidungen zu tun – kein Wunder, dass sie zunächst mit ihrem Hit „Pisse“ auf sich aufmerksam machten. Und doch (oder gerade deswegen) muss man dem Rezensenten des Rolling Stone beipflichten, der über das erste Album „Satt“ festhält:

„Falls sich auf einer Autofahrt mal wieder alle anschweigen: Legen Sie dieses Album auf! Man kann einfach nicht weghören“.

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Kirche, 1x in laut, bitte!

Herr Söder und ich

Letzte Woche ist in meine gut behütete Filterbubble ein Störenfried eingedrungen: Markus Söder, Bayrisch(st)er Staatsminister für Finanzen, Landesentwicklung und Heimat, hatte ein Video auf Facebook gepostet, um der ganzen Welt den obsoleten Beweis zu erbringen, wie bayrisch er ist. Vielleicht hat man ein solches Video schon mal gesehen. In der Regel zeigt es Herrn Söder bei einer besonders bayrischen Tätigkeit, die er auch als solche kennzeichnet. Außerdem ist Herrn Söders Social Media Aktivität entweder besonders politisch, oder aber er zeigt sich explizit ganz unpolitisch, dafür volksnah und privat: Steuerfahndung oder Star Wars-Tasse, Heimatministerium oder Homer Simpson.

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Ein Gott der Sprache

A word is dead
When it is said,
Some say.

I say it just
Begins to live
that day.

(Poems, 278)

Welten erschaffen durch Sprache

Ein Zimmer in Amherst, Massachusetts, mit Blick in den Garten: Der Lebensraum von Emily Dickinson, geboren 1830, Tochter einer der angesehensten Familien der Stadt, betrug nur wenige Quadratmeter. Während ihrer 55 Lebensjahre verließ sie diese mit Ausnahme des Zeitraums eines einzigen Schuljahres so gut wie nie. Nach ihrem Tod im Jahr 1886 fanden sich in jenem kleinen Raum über zweitausend Gedichte: Die Welt der Emily Dickinson war eine Welt der Sprache.

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