Identität und die Hure Rahab

Sie ist wieder einmal drängend, die Frage: Wer sind wir eigentlich? Und wer ist nochmal dieses „wir“? Wieder einmal – wie schon vor 2500 Jahren und immer wieder in der Geschichte der Menschheit sehen sich Menschen, Völker, Staaten vor der Frage nach dem, was sie ausmacht. Dabei treten die einen für eine exklusive Konstruktion von Identität ein, die sich isoliert und den Fremden gegenüber ablehnend bis feindlich verhält. Andere verstehen Identität inklusiv; sie sehen das bzw. den*die Fremde*n nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung ihrer Identität und integrieren Fremdheit durch Offenheit für den*die andere*n. Dieser Plural an Identitätskonstruktionen tritt nicht nur aktuell zu Tage, sondern lässt sich auch in der Zeit der Bibel finden. Die Frage nach Identität ist also alt – die Antworten in gewisser Weise auch. Nur werden sie immer neu durchbuchstabiert, in neuen Kontexten, unter anderen Umständen.

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Nicht schon wieder ein AfD-Artikel

Doch! Genau das. Weil wir uns mit diesem Thema gar nicht genug befassen können — weder politisch noch philosophisch noch theologisch noch (religions-)soziologisch noch historisch. Und gerade angesichts der etwa drei Monate entfernten Bundestagswahl möchte man als pluralitätsliebender Mensch keine Gelegenheit sausen lassen, den deutschen Populist*innen (Igitt! Political Correctness!) einen kräftigen Gegenwindventilator vor die Nase zu stellen. Here we go again.

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Pasti oder Antipasti?

Im Rahmen der Hauptversammlung des BDKJ 2017 fand ein Studienteil statt, der sich mit der Frage beschäftigte, warum immer weniger Menschen sich für einen Beruf in der katholischen Kirche entscheiden – und was zu tun sei, um das zu verändern. Ich habe dazu als Studierender und Mitglied im Bewerber*innenkreis im Erzbistum Köln – quasi als Betroffener – ein Statement abgegeben.

Warum studiere ich katholische Theologie?

Pastoralreferent zu sein fand ich, ganz unreflektiert, immer schon gut – weil ich tolle Gemeindearbeit erlebt habe und Menschen zum Vorbild hatte, die zu 100 % authentisch waren, die mich geprägt haben und von denen ich den Eindruck habe, dass sie ihre Arbeit mit ganzem Einsatz und ganzer Freude machen. Das fand ich erstrebenswert, denn sie haben in meinen Augen gute und sinnvolle Dinge gemacht, für andere und für sich. Die Wahl des Studienfachs ist mir dann irgendwie so passiert, denn ehrlich gesagt hatte ich die Einschreibungsfrist für Studiengänge mit NC verpasst, und Theologie war eben zulassungsfrei.

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Das Kreuz mit der AfD

Als ich meinen Freund*innen vom geplanten Thema meiner Magisterarbeit berichtete, erhielt ich neben interessierten Kommentaren und Lektüretipps auch eine sarkastisch-skeptische Reaktion: „Du hast es ja richtig nötig! Jetzt beschäftigst du dich schon jeden Tag mit den Unverständlichkeiten und der Ironie der Katholischen Kirche und setzt dann noch einen drauf und verbringst ein halbes Jahr mit Rechten. Mit Sicherheit hätte es ein einfacheres und weniger polarisierendes Thema gegeben…“

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Herkunftsfragmente

Zwischen Birnbaum und Holunder

Wer seine Erinnerungen erzählt, befindet sich nicht im Zustand der Erinnerung. Akute Erinnerung kennt kein »Weißt du noch?«, sondern nur Damals-Unmittelbarkeit, Damals-Überwältigung. (62)

Der 1944 in Naumburg/Saale geborene Schriftsteller Botho Strauß lässt sich auf das Wagnis ein, weniger von der Erinnerung an sich, als nicht vielmehr von der Unmittelbarkeit, der Überwältigung der eigenen Erinnerung zu erzählen. Er entführt in dem 2014 erschienenen Büchlein „Herkunft“ in seine Kindheit, dorthin, wo

in einem Wegknick zwischen Birnbaum und Holunder noch der Gedanke hängt, den man damals als Neunzehnjähriger an gleicher Stelle, bei gleichem Blick faßte. (46)

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Herr, dein Senfkorn braucht Begeisterte

Einer hat mich angesteckt und das Feuer brennt hell – vor einiger Zeit war es mal wieder soweit und das Feuer der Neugierde brannte in mir: Ich habe den Index Theologicus nach den Stichworten „NGL“ und „Neues Geistliches Lied“ durchstöbert. In der Hoffnung, was Neues zu finden, das ich evtl. für ein Prüfungsgespräch verwenden könnte, schaue ich mir die rund 170 Ergebnisse an. Was bedeutet eigentlich neu? Ein schneller Klick auf Onlinepräsenz des Duden und dort lerne ich, dass „neu“ bedeutet, dass etwas bisher noch nicht bekannt ist oder erst vor kurzer Zeit hergestellt wurde. Das stimmt mich nachdenklich, denn was ich im Index sehe ist alles andere als neu – Artikel und Texte aus den 70ern und nur weniges Neues. Schon gar nichts aus 2017. Ist denn Neues Geistliches Lied dann überhaupt noch neu?

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I am not your wiederverheiratet Geschiedene*r

Die Feuilletons loben ihn. Er hat mich beeindruckt. Der Film „I am not your Negro“ von Raoul Peck. Diese Dokumentation erzählt eine Story (keine history) über den Rassismus und die Segregation in den USA Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Zuschauer nimmt dabei den Blickwinkel des afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin (1924-1987) ein. Der konkrete Kontext der Kritik, der Aussagen, Beobachtungen und Thesen Baldwins sind die Segregation zwischen Menschen weißer und schwarzer Hautfarbe in den USA. Doch sie lassen sich meiner Meinung nach leicht auf Gruppen und Institutionen im Generellen anwenden. Dieser Meinung ist auch der Regisseur des Films, Raoul Peck, der durch aktuelles, zeitgenössisches Bildmaterial Baldwins Denken in die Gegenwart holt. Der Film rief in meinem Kopf Verbindungslinien zum Umgang mit einigen Gruppen von Gläubigen in der Kirche wach.

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Wer oder was war noch mal das „Christliche Abendland“?

Begriffe und ihre Geschichten

Begriffe haben ihre eigene Geschichte. Und im Lauf ihrer Geschichte wechseln sie auch gerne mal ihren Bedeutungsinhalt. Manche Begriffe sind nur von kurzer Lebensdauer und verschwinden dann wieder plötzlich. Sie tauchen ab bis sich vielleicht irgendwann wieder jemand zum*zur Schutzpatron*in erklärt. Der Begriff „Christliches Abendland“ hat so eine wechselvolle Geschichte erlebt und erfreut sich in unseren Tagen — schon totgeglaubt — einer neuen Aktualität.

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La grande mort

Was auf meinem Grabstein stehen soll? – „Endlich Ruhe.“ Mit dieser flapsigen Antwort habe ich zwei Kommiliton*innen beim Thema „Tod und Begräbnis“ etwas verstört. Dass sie sich nicht vorstellen wollten, wie ihr Begräbnis oder ihr Grabstein aussehen soll, weil sie das zu sehr deprimiere, zumal bei diesem Seminartitel, verstörte hingegen mich.

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Fake-news und alternative Fakten: Die Passion nach Matthäus

Die Passionserzählung des Matthäus-Evangeliums ist voller Lügen und Heuchelei. Was ihre Protagonist*innen sagen und tun, ist selten ehrlich gemeint, gesagt oder getan. In Zeiten von Fake-News, Filterblasen, alternativen Fakten, Shitstorms, „Wir sind das Volk“-Rufen usw. sieht man die Passionsgeschichte mit anderen Augen. Die Geschichte von Leiden und Sterben Jesu, die Matthäus erzählt, kennt nicht nur aktive und aggressive Trolle, die Wahrheit neu konstruieren und definieren wollen. Der komplementäre Gegenpart zu diesen Trollen sind Menschen ohne Rückgrat, die sich nolens oder volens zu ihren Handlangern machen. Weder die einen noch die anderen meinen es ehrlich. Irgendwie erinnert es auch an ein Intrigenspiel wie in House of Cards.

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